Bern, Februar 1945: "Wir sind hereingelegt worden!", schreibt ein zorniger Bundesbeamter an den Rand eines Dokuments. Zur Weißglut brachte ihn: Victor Nef, der Schweizer Generalkonsul in New York. Er hat in einem Brief die Ankunft einer gewissen Emmy Rado angekündigt. Eine gebürtige Schweizerin, die, gemäß Nef, eine ziemlich wichtige Figur im amerikanischen Geheimdienst sei: "Sie war, so viel ich weiß, Leiterin des New Yorker Büros des amerikanischen Spionagedienstes und hat verschiedene andere Büros in den Vereinigten Staaten eröffnet." Der Berner Beamte kocht: "Weshalb hat uns Herr Nef, der doch so genaue Informationen über diese "Dame" besaß, nicht gewarnt, bevor er das Visum erteilte?"

Aber es ist zu spät: Emmy Rado, Codename Isolde, ist bereits in der Bundesstadt. Abgestiegen im Hotel Schweizerhof, getarnt als Mitarbeiterin der amerikanischen Botschaft.

Die Behörden versuchen eiligst alles über die ›Dame‹ in Erfahrung zu bringen. Sie erhalten aber nur Fragmente einer Biografie: In Herisau sei sie geboren; in Baden sei sie aufgewachsen, einen Psychoanalytiker habe sie geheiratet. Und für das OSS sei sie tätig, das Office of Strategic Services, das heute als Vorläufer der CIA gilt. Das Foto auf dem Antragsformular für das Schweizer Visum zeigt eine herbe Schönheit mit markantem Kinn.

Wer also ist Emmy Rado? Und wie wird sie als Schweizerin zu einer wichtigen Figur im amerikanischen Geheimdienst?

Selbst heute muss man in die Archive steigen, um Rados Lebensweg zu verstehen. Am 25. Juli 1900 wird sie als Paula Emmy Krissler geboren. Ihr Vater betreibt im appenzellischen Heiden eine Schirmfabrik. Emmys Eltern sind Deutsche und erwerben 1912 das Schweizer Bürgerrecht, als die Familie nach Baden übersiedelt. Dort eröffnet ihr Vater mitten in der Altstadt ein Geschäft für Herrenmode, das bis vor wenigen Jahren Bestand hatte.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 02 vom 07.01.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Nach dem Gymnasium fährt sie für ihr Studium an der Ecole d’Etudes Sociales nach Genf. Neben den Kursen an der Fachhochschule studiert die junge Frau etwas Psychologie am Institut Rousseau. Französisch beherrscht sie bald perfekt, was ihr nach dem Diplom einen Job als Direktionsassistentin in einem Schweizer Waisenhaus in Brüssel verschafft, von dem sie 1922 zum belgischen Ableger der Young Women’s Christian Association wechselt. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ist die Arbeit in sozialen Institutionen nichts Ungewöhnliches für eine höhere Tochter.

Eine entscheidende Wende erhält Emmys Leben 1926, als sie den zehn Jahre älteren Sándor Radó heiratet, einen brillanten Psychoanalytiker.

Radó, ein gebürtiger Ungar, gehört zum inneren Kreis der Freud-Schüler. Kennengelernt hatte Emmy ihren zukünftigen Ehemann während einer Psychotherapie. Ihr Verhältnis wird bis heute als Beispiel für problematische Beziehungen zwischen Therapeuten und Patientinnen herumgeboten. Fünf Jahre nach der Heirat erhält Sándor Radó eine Einladung, die Leitung der Psychoanalytic Society in New York zu übernehmen. Radó folgt diesem Ruf – zusammen mit seiner Familie. Im September 1931 besteigt das Ehepaar mit dem damals knapp dreijährigen Sohn Peter in Hamburg das Schiff nach New York.

Im März 1938 werden die Rados amerikanische Staatsbürger. Im gleichen Monat überfällt Hitler Österreich. Und während Sándor Radó sich in der neuen Heimat rasch in Kontroversen verstrickt, von einem treuen Anhänger zu einem scharfen Kritiker von Freud wird, beginnt Emmy für verschiedene Hilfsorganisationen zu arbeiten. So etwa für das U.S. Committee for European Children, das sich für europäische Kriegsflüchtlinge einsetzt. Oder das Committee for Selected Social Studies, das in New York eine Studie über Kriegsflüchtlinge durchführt. Auftraggeberin ist Eleanor Roosevelt, die Gattin des amerikanischen Präsidenten.

Für Rado ist die Arbeit im "Committee" das Empfehlungsschreiben für einen Job im amerikanischen Auslandsgeheimdienst. Im Juli 1941 hebt Präsident Roosevelt das Office of the Coordinator of Information aus der Taufe, im Jahr darauf wird es in das Office of Strategic Services (OSS) umgewandelt. Mit dabei: Emmy Rado, Codename Isolde.

Die Amerikaner sind überzeugt, dass Kriege nicht mehr allein militärisch zu gewinnen sind. Das OSS soll ihnen dabei helfen: mit Spionage, Subversion und Sabotage in den Gebieten, die von den Nazis besetzt sind. Außerdem soll der neue Dienst möglichst viele Informationen sammeln, die im Verlauf des Krieges relevant sein könnten.

Eine Quelle sind die Emigranten, die in diesen Jahren aus Europa in den USA ankommen. Man muss sie nur fragen. Und genau das ist Rados Job: Während des Studiums in Genf hat sie sich die notwendigen Sprachkenntnisse angeeignet, um Emigranten aus Deutschland, Österreich oder Frankreich befragen zu können. Als einstige Schweizerin ist sie zudem unverdächtig, eine Spionin im Dienste der Nazis zu sein; vor solchen Doppelagenten fürchten sich viele der traumatisierten Flüchtlinge. Aus ihrer Sozialarbeit weiß sie, mit solchen Ängsten umzugehen. Und dank ihrer wissenschaftlichen Studien verfügt sie über das nötige Know-how, wie man die gewonnenen Informationen verwalten kann.

Im September 1941 beginnt Emmy Rado ihre Tätigkeit für den amerikanischen Geheimdienst – schon bald steigt sie zur Leiterin der Abteilung Biographical Records auf, die Informationen über hochrangige Personen aus dem "Dritten Reich" sammeln. Diese Abteilung nimmt im Juni 1943 ihren Dienst auf – und führt in ihrem ersten Jahr Interviews mit 2003 verfolgten und geflüchteten Deutschen, 977 Italienern, 706 Österreichern, 164 Belgiern und 252 Franzosen. Rado ist jedoch nicht nur fleißig, sie ist auch sehr geschickt: Um Vertrauen zu schaffen, sollen die Interviews möglichst in einem privaten Umfeld oder zumindest unter vier Augen geführt werden, heißt es in ihren Anweisungen. An der Tür ihres New Yorker Büros gibt es denn auch keinen Hinweis auf das OSS. Stattdessen steht da nur "United States Government/Biographical Records".

Um die Auskunftsfreude der neuen Einwanderer zu wecken, setzt Rado auf Komplimente, Geld sowie den Charme der Befragerinnen. Das zeigt die Korrespondenz mit dem Dramatiker Carl Zuckmayer, der für das OSS gegen Honorar insgesamt 150 Charakterporträts von Künstlern verfasste, mit denen er vor seiner Emigration in Deutschland meist bekannt gewesen war. Rado bedankt sich in jedem ihrer Briefe bei Zuckmayer für seine "ausgezeichnete" und "beeindruckende" Arbeit. Trotz "grösster Begeisterung" ist Rado aber dennoch nicht ganz glücklich. "Tun Sie bitte Gerüchte, Geschichten, ›dirt‹ etc. herein", heißt es in einem Brief an Zuckmayer. "Vielleicht kann so etwas noch gebraucht werden im Psychological Warfare. Halten Sie nicht zurück."

Emmy Rado ist Feuer und Flamme für ihre Arbeit. Und ihr gelingt einer der größten Geheimdienstcoups während des Kriegs, wie sie 1951 der Zeitschrift Cosmopolitan erzählt: Von einem Flüchtling erhält sie detaillierte Angaben zu den Häfen in Nordafrika. Drei Tage lang sei der Mann schließlich in ihrem Büro gesessen, habe Pläne von einem Hafen in Algerien mit allen Installationen und Pipelines gezeichnet, die er als Ingenieur mitgeplant hat. Die Informationen sind entscheidend für die Operation Torch: die Landungen der Alliierten in Afrika im November 1942 und das Zurückdrängen des Vichy-Regimes.

Rado macht ihren Job aus einer politischen Überzeugung: Sie wird dem konservativen Lager des OSS zugerechnet, ja gar als "fanatische" Antikommunistin beschrieben.

Bereits 1944 kommt im OSS die Idee auf, den Kirchen nach dem Krieg eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau und der Stabilisierung Deutschlands zu übertragen. Das gefällt Rado, der es wohl immer ein Dorn im Auge ist, dass das OSS so lange auf die Arbeitermassen setzt, mit denen man Hitler stürzen will. Dabei weiß man doch, wie empfänglich gerade die Arbeiter für den Kommunismus sind! Das soll sich nun ändern: Rado erstellt "weiße Listen" mit den Namen von vertrauenswürdigen Kirchenführern. Außerdem übernimmt sie das "Crown Jewels Project". Dessen Ziel ist es, im Nachkriegs-Deutschland wichtige Stellen an nichtkommunistische Nazigegner, eben Kronjuwelen, zu vergeben.

Die "Crown Jewels" sind es, die Rado 1945 in die Schweiz bringen. Von hier aus will sie nach Deutschland reisen und ihre Schlüsselfiguren gegenüber Walter Ulbricht und anderen Remigranten aus Russland in Position bringen.

Über den Verlauf des Projekts ist nur wenig bekannt: Im befreiten Deutschland trifft sie Pastor Martin Niemöller, einen Widerstandskämpfer, der sich nach dem Krieg in der Friedensbewegung engagieren wird. Aber auch Erich Ollenhauer, der spätere Vorsitzende der SPD, kann auf Rados Hilfe vertrauen. Zusammen mit Allen Dulles, dem Leiter der Schweizer OSS-Sektion, erreicht Rado als erste amerikanische Geheimdienstfrau das zerstörte Berlin. Von dort gibt sie wichtige Ratschläge an ihre Kollegen weiter: Wie man von den Deutschen Informationen gewinnen kann. Einer der OSS-Kollegen erinnert sich in diesem Zusammenhang an Rado als eine "wunderbare Kombination" von "beauty" und "brain".

In Bern haben die Behörden in der Zwischenzeit das Interesse an der Spionen verloren. "Das erwähnte ›Arbeitsfeld‹ dürfte mit Eintritt der Waffenruhe" am 8. Mai 1945 "nun ohnehin hinfällig geworden sein", schreibt die Stadtberner Kriminalpolizei Ende Juni 1945. Sie sollte recht behalten: Im Herbst desselben Jahres wird das Office of Strategic Services aufgelöst. Rado kehrt im Februar 1946 in die USA zurück, nachdem sie zuletzt noch für Wilhelm Hoegner, den späteren bayerischen Ministerpräsidenten, zuständig gewesen ist.

Emmy Rado stirbt am 11. Januar 1961 an Krebs. In einem kurzen Nachruf würdigt die New York Times ihre Verdienste für das Office. Dann verschwindet die "Dame" in den Archiven.

Bis heute.