Anfang Oktober 2015 verließ Doktor Tesfay die Stadt Barentu und seine Heimat Eritrea und kam nicht mehr zurück. Seit Monaten schon hatte es Anzeichen gegeben, dass der Arzt sich mit dem Gedanken trug zu fliehen. Mal war es eine beiläufige Bemerkung, mal ein leises, hartnäckiges Murren, gerade so stark, dass es ihm als nicht zu harsche Kritik am System ausgelegt werden konnte, und doch heftig genug, um ihm etwas Erleichterung zu verschaffen. Wer ein feines Ohr hatte, konnte also wissen, dass dieser Arzt sich bald jenen anschließen würde, die jeden Tag über die Grenze Eritreas gehen, meist in den Sudan und danach weiter in Richtung Norden. Und es hat ja jeder ein feines Ohr in diesem kleinen Land, in dem es für Menschen zwischen 17 und 40 Jahren so gut wie unmöglich ist, legal auszureisen. Wird er der Nächste sein, der geht?

Diese Frage ist in allen Gesprächen präsent. Sie lastet wie ein Alb auf jeder Begegnung. 5000 sollen es jeden Monat sein, die ihre Heimat verlassen, bei einer Einwohnerzahl von knapp sechs Millionen ist das für Eritrea ein existenzbedrohender Aderlass. Aus keinem anderen afrikanischen Land kommen so viele Asylbewerber nach Deutschland, 10 203 Anträge zählte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bis Ende November in diesem Jahr, 2014 lag Eritrea hinter Syrien und Serbien sogar auf Platz drei der Herkunftsländer. Der massenhafte Exodus spielt sich in aller Stille ab. Die Menschen schweigen meist, bevor sie gehen, und sie schweigen meist auch noch, nachdem sie längst nicht mehr im Land sind. Wer Eritrea besucht, der hat den Eindruck, das Land sei wie ein Haus, dessen Bewohner sich möglichst geräuschlos über die Flure bewegen, weil in jeder Ecke ein böser Geist lauert, der sich erheben könnte, um sie zu verschlingen. Ein falsches Wort nur, schon könnte es um sie geschehen sein. Politik, immer wenn dieses Wort zu fallen droht, ducken sich die Gesprächspartner innerlich weg, sie schrumpfen regelrecht zusammen, als wollten sie sich unsichtbar machen. Von irgendwoher könnte ein Schlag kommen, jetzt sofort oder später. Nein, Eritrea ist kein freies Land. Es ist eine Diktatur.

Die Lücke, die Doktor Tesfay hinterlässt, lässt sich ziemlich genau beschreiben. Er war im Krankenhaus von Barentu der Einzige, der den Kaiserschnitt beherrschte. Jetzt, da er weg ist, müssen die schwangeren Frauen, die ihre Kinder per Kaiserschnitt zur Welt bringen müssen, mit einem Krankenwagen in die Stadt Keren gefahren werden, dort gibt es noch Ärzte, die diese Kunst beherrschen. Bis dorthin sind es für die Schwangeren mindestens drei Stunden Fahrt auf der harten Holzpritsche des Krankenwagens. Wenn die Wehen nach Sonnenuntergang einsetzen, müssen die Schwangeren bis zum Morgengrauen ausharren, denn bei Dunkelheit sind die holprigen Straßen zu unsicher. Die Frauen erwartet eine Nacht voller Schmerzen, eine Tortur. Doktor Tesfay muss gewusst haben, welche Lücke er hinterlässt. Trotzdem ist er weggegangen.

Wovor ist er davongelaufen? Was hat ihn vertrieben?

Im Juni 2015 veröffentlichte der UN-Menschenrechtsrat einen Bericht, der Eritrea in düstersten Farben beschreibt. Es gebe in dem Land, "systematische, weit verbreitete und schwere Menschenrechtsverletzungen". Im Zentrum der Kritik steht der National Service, der für alle Eritreer – Männer wie Frauen – verpflichtend ist. Offiziell ist der National Service auf 18 Monate begrenzt, aber laut UN-Bericht wird er auf unbestimmte Zeit ausgedehnt. Der National Service stellt Lehrer, Krankenschwestern, Straßenarbeiter, Wachpersonal – würde der National Service abgeschafft, bräche das bisschen Wirtschaft, das Eritrea hat, wohl über Nacht zusammen. In dem UN-Bericht steht, dass die Dienstleistenden in "sklavenähnlichen" Verhältnissen gehalten würden, Frauen würden in den Militärlagern massenweise vergewaltigt. Der National Service ist der Grund dafür, dass die Anerkennungsquote für Asylsuchende aus Eritrea in Deutschland bei rund 90 Prozent liegt.

Dieser UN-Bericht ist allerdings heftig umstritten. Alle eritreischen Zeugen, die darin zu Wort kommen, leben im Ausland. Dass niemand aus Eritrea selbst zu Wort kommt, liegt freilich auch daran, dass die Regierung die Zusammenarbeit mit dem UN-Menschenrechtsrat verweigert hat. Trotzdem hätten die Rechercheure der UN Meinungen aus dem Inland sammeln können. Westliche Botschafter sind nach eigenen Aussagen nicht gehört worden. Der Bericht, heißt es aus ganz unterschiedlichen westlichen diplomatischen Kreisen, sei tendenziös, unvollständig, in Teilen gar frei erfunden. Der Vorsitzende der UN-Kommission, der Australier Mike Smith, sagt: "Natürlich wären wir für diese Untersuchung gerne nach Eritrea gereist. Wir hätten mit Betroffenen vor Ort sprechen und mit unseren eigenen Augen Gefängnisse und Kasernen inspizieren und so Zeugenaussagen verifizieren können. Nicht zuletzt wäre es möglich gewesen, die Behörden selbst in den Bericht miteinzubeziehen. All dies war leider nicht möglich. Ist das ein schwerwiegendes Manko? Die Antwort ist Nein. Ich stehe uneingeschränkt hinter diesem Bericht."

Das kanadische Minenunternehmen Nevsun, das in Eritrea Goldminen betreibt, hat einen 60-seitigen Bericht als Antwort auf die UN-Anschuldigungen veröffentlicht, um zu belegen, dass es keine "Zwangsarbeiter" beschäftigt. Auch das dänische Ministerium für Immigration weicht in einem eigenen Report, der sich auch auf Quellen in Eritrea stützt, vom drastischen Bild der UN ab und beschreibt die Schwierigkeiten, die Lage im Land überhaupt richtig einzuschätzen: "Es ist sehr schwer, an glaubwürdige Informationen zu gelangen, man weiß nie, was man glauben und wem man glauben kann (...) Flüchtlinge sind die Quellen, die am häufigsten zitiert werden, um die Lage in Eritrea zu beschreiben. Aber Flüchtlinge sind als glaubwürdige Quellen nicht sehr zuverlässig, denn sie sind bereit, alles zu sagen, was ihnen dabei helfen wird, den Asylstatus zu bekommen." Der dänische Bericht jedenfalls kommt zu dem Schluss, dass eine Rückführung von Flüchtlingen nach Eritrea "zumutbar" sei. Alles halb so schlimm also?