Gregor Demblin ist in Eile. Sein Assistent balanciert seinen Rollstuhl im Laufschritt über den Bürgersteig. Der Unternehmensberater muss quer durch Wien fahren, vom fünften Gemeindebezirk in die Seestadt am Rand des Marchfelds. Der Terminkalender des Gründers ist voll, jede Minute wichtig. Demblin wischt mit einer Hand über sein Tablet, um den Weg zu navigieren. Leise gleitet der Rollstuhl in die U-Bahn-Station, von wo aus der Lift hinab in den Untergrund rumpelt.

Demblin, 38 Jahre alt, Vater von Zwillingen und Manager zweier Unternehmen, ist vom fünften Halswirbel abwärts gelähmt. Sein Rumpf, die Füße und die Beine, die wegen der Kälte in wärmenden Überziehhosen stecken, gehorchen ihm seit einem Unfall nicht mehr. Seine Behinderung hat er zum Beruf gemacht: 2009 rief er Career Moves ins Leben, eine Jobplattform, die Arbeitssuchende mit und ohne Behinderung mit interessierten Arbeitgebern zusammenbringt. 2012 gründete er die Beratungsagentur DisAbility, die Firmen zu Themen wie Barrierefreiheit und Inklusion berät.

Sein Rollstuhl ist für Demblin zum Markenzeichen geworden. Er sieht ihn nicht als Hindernis, sondern als Werbemittel für sein Unternehmen. "Dass ich als Galionsfigur betroffen bin, schafft viel Vertrauen bei den Kunden", sagt Demblin.

Der kalte Wind fegt durch die Gassen. Demblins Fellmütze ist tief in sein Gesicht gerutscht, der Wetterwechsel schmerzt in den gelähmten Beinen. Bei vielen alltäglichen Tätigkeiten braucht Demblin Unterstützung: beim Essen, Anziehen oder Zähneputzen. "Ich beschäftige ein Kleinunternehmen an persönlichen Assistenten", sagt Demblin. Morgens um halb sieben kommt die erste Hilfskraft. Spätabends, gegen 22 oder 23 Uhr, geht die letzte. Auch wenn die Assistentengehälter das Sozialministeriumservice und der Fonds Soziales Wien übernehmen, bleibt für Demblin der zeitliche und administrative Aufwand, seine Behinderung zu managen. Knappe 60 Stunden in der Woche gehen für Therapien und Pflege drauf. Oft kann er nebenher E-Mails abarbeiten, telefonieren oder Termine planen. Doch noch öfter zieht sich sein Arbeitsalltag in die Nachtstunden hinein.

In der Seestadt angekommen, schüttelt Demblin routiniert die Hände von Anzugträgern und ordert ein Glas Wasser. Am Konferenztisch parkt er in einer Sessellücke seinen Rollstuhl. Alle Augen haften auf ihm. Die Seestadt-Manager sind neugierig auf die Meinung des Beraters im grauen Sakko und dem weißen Hemd. Wie kann das Wohnprojekt am Rande Wiens noch barrierefreier werden? Wie kann der aus dem Boden gestampfte Stadtteil Pionier der Nachhaltigkeit werden?

Wenn Demblin nachdenkt, legt er seinen Zeigefinger an die Nase und kratzt sich den Dreitagebart. Seine Hände stecken in stützenden Ledermanschetten; die Finger kann er nur schlecht bewegen. "Wer heute für Barrierefreiheit sorgt, profitiert morgen selbst davon", sagt Demblin. Investitionen in barrierefreie Websites und Bürgersteige seien das Zukunftsmodell für eine alternde Gesellschaft, in der ohnehin immer mehr Behinderungen erst im Alter erworben werden.

Demblin glaubt an die Macht des Marktes und der Unternehmen; Politik kann er wenig abgewinnen. Schon als Kind habe er am liebsten DKT gespielt, erzählt er bei der Rückfahrt aus der Seestadt. Heute versteht er sich als Sozialunternehmer: Seine gesellschaftlichen Ziele – mehr Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderung – versucht er mit unternehmerischen Denken zu erreichen und nebenher auch selbst Profit daraus schlagen.

"Wenn wir Unternehmen beraten, kommen wir nicht mit Birkenstock-Schlapfen und erzählen ihnen, dass sie bessere Menschen werden müssen", sagt Demblin. Stattdessen versucht er die Sprache der Wirtschaftstreibenden zu lernen. Er rechnet den Managern vor, wie viel Produktivität ihnen verloren geht, wenn sie Menschen mit Behinderung nicht möglichst gut unterstützen.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 02 vom 07.01.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Dabei ginge es oft um ganz pragmatische Angelegenheiten: Fördermittel für Umbaumaßnahmen und Gebärdendolmetscher, Rampen für Rollstuhlfahrer, spezielle Bildschirme für Mitarbeiter mit Sehschwäche. Die Bank Austria, die Rewe-Gruppe oder die Post AG suchten bereits Demblins Rat dazu.

Auch die Jobplattform ist mittlerweile ein Selbstläufer: Anfangs waren pro Jahr ein paar Hundert Jobs ausgeschrieben, 2014 waren es schon 5.000 und ein Jahr später noch mehr. Dass Unternehmen gezielt nach Mitarbeitern mit Behinderungen suchen, kommt selten vor – aber geht es nach Demblin, sollen sie zumindest die gleichen Chancen wie alle anderen Jobsuchenden bekommen. Oft würden Unternehmen nur die Hindernisse sehen und Bewerber mit Behinderung gar nicht in Betracht ziehen. Das will Demblin ändern. "Gehörlose können wunderbare Grafikdesigner sein und Blinde in einem Callcenter arbeiten."