Eigentlich wäre alles vorhanden: ein emotionales Thema (es geht um nichts Geringeres als den Welthunger), eine unklare Faktenlage (alle Studien widersprechen sich) und um milliardenschwere Wirtschaftsinteressen. Trotzdem zündet das Thema nicht, trotzdem diskutiert die Schweiz kaum über eine Frage, über die das Volk Ende Februar befindet:

Darf man auf Hunger wetten? Oder anders gefragt: Soll die Finanzspekulation auf Nahrungsmittel hierzulande verboten werden?

Das fordert eine Initiative der Jungsozialisten. Unterstützt werden die linken Radikalinskis von einer breiten Allianz aus Hilfswerken, NGOs und Kirchenkreisen. Sie wollen, dass Banken, Effektenhändler, Versicherungen oder Pensionskassen nicht länger in Anlagevehikel investieren, mit denen landwirtschaftliche Rohstoffe und Nahrungsmittel gehandelt werden. Mit Essen spielt man nicht, das gelte ebenso für kleine Kinder wie für große Finanzjongleure.

Die Initiative ist ein Beispiel dafür, wie im Kleinen, der Schweiz, das Große, die Welt, verändert werden soll. Sie ist ein Beispiel für ein Land, das in radikalen Alternativen denkt ( ZEIT Nr. 1/16 ). Ist so, weil ist so? Gibt es nicht. Aber sie ist gleichzeitig ein Beispiel dafür, wie schwierig es ist, globale Fragen national zu lösen – und wieso die Linke aus strategischen Gründen ihre Initiativlust schleunigst zügeln sollte.

Die Schweiz ist die wichtigste Drehscheibe im Rohstoffhandel. Auch bei Agrarprodukten. Alle großen Agrarhändler haben Niederlassungen in der Schweiz: Archer Daniel Midland, Bunge, Cargill und Louis Dreyfus. Und 2013 stieg Rohstoff-Gigant Glencore ins Agrargeschäft ein. Er übernahm Viterra, einen der weltweit größten Weizenhändler. So werden heute rund die Hälfte des weltweit produzierten Kaffees und Zuckers am Genfersee gehandelt. Und an keinem Handelsplatz werden mehr Getreide, Ölsaaten oder Baumwolle gehandelt – virtuell wohlgemerkt.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 02 vom 07.01.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Aber wie beeinflussen Spekulationen tatsächlich die Nahrungsmittelpreise? Welche Rolle spielten Spekulanten in den Jahren 2008 und 2011, als Agrarrohstoffe plötzlich das x-fache kosteten? Der Streit darüber spaltet Ökonomen ebenso wie Banker und Rohstoffexperten. Die einen Institute lassen seit einiger Zeit die Finger von Nahrungsmittel-Vehikeln, andere investieren weiter. Dritte verzichten halbwegs darauf, aus Angst um ihren guten Ruf.

Klar ist nur: Spekulation ist nicht per se des Teufels. Selbst für die Erklärung von Bern (EvB) gibt es nützliche und schädliche Spekulation. Mit der einen können sich Produzenten, Händler und Verarbeiter gegen Preisschwankungen absichern. Mit der anderen versuchen Finanzjongleure, möglichst viel Geld zu machen. Nicht mehr das reale Angebot und die handfeste Nachfrage bestimmen den Preis. "Niemand, der sich ernsthaft mit dem Thema Nahrungsmittelpreisspekulation befasst hat", schreibt die EvB, "behauptet, dass Spekulation die Ursache für die gestiegenen Preise ist." Die Frage sei: Erzeugt heftige Spekulation kurzfristige und starke Preisausschläge?

Ja, das tut sie, sagen die NGO-Experten. Sie mahnen zur Vorsicht, zur Zurückhaltung. Und fordern eine stärkere Regulierung der Rohstoffmärkte.

Ganz abgesehen davon, ob man diese Meinung teilt: Um ein solches Anliegen durch die politischen Mühlen zu bringen, ist eine Volksinitiative das falsche Instrument. Nahrungsmittelspekulation ist nicht nur unglaublich komplex. Das sind andere Vorlagen auch, zu denen man das Volk befragt. Zum Beispiel Präimplantationsdiagnostik oder Gentechnik. Das Problem ist: Die Stimmbürger sind davon nicht unmittelbar betroffen. In der Schweiz leidet niemand Hunger, wenn die Nahrungsmittelpreise steigen. Selbst im eigenen Portemonnaie merken das nur die wenigsten.

Vielen Linken geht es jedoch nicht um den Abstimmungssieg allein. Sie wollen aufrütteln. Die Initiative soll "für eine intensive Debatte unter Einbezug internationaler Expertise genutzt werden", schreibt Alliance Sud, die Arbeitsgemeinschaft der größten Schweizer Hilfswerke. Nur: Da wird nichts losgetreten. Die Schweiz diskutiert in diesen Wochen über eine radikale SVP-Ausländer-Initiative. Sie wägt ab, ob es am Gotthard eine zweite Straßentunnelröhre braucht. Die Spekulationsstopp-Vorlage, sie rangiert unter ferner liefen. Schifft sie ab, wird die Sache schubladisiert. Und das Ziel, die schattige Rohstoffbranche stärker zu durchleuchten, rückt in weite Ferne.