Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

Hier in der Nord-Süd-Achse verfolgen wir regelmäßig die italienische Presse. Nach dem EU-Gipfel vom 18. Dezember war diese mächtig stolz auf ihren Ministerpräsidenten Matteo Renzi. Nicht alle Italiener mögen ihn, aber alle sind sich einig, dass er ein begabter Redner und Märchenerzähler ist: mutig, arrogant und frech.

Dank diesen Charaktereigenschaften hat Renzi ein europäisches Tabu gebrochen. Er hat sich erlaubt, Frau Merkel während des EU-Gipfels frontal anzugreifen. Nicht nur beklagte er sich darüber, dass die EU nicht von einer einzigen Nation – sprich Deutschland – geführt werden kann und dass die Austeritätspolitik die Erfolge der populistischen Parteien begründe. In Athen, Warschau, Lissabon wie in Madrid.

Nein, er kritisierte auch den Widerstand Merkels gegen die Bankenunion sowie das deutsche Doppelspiel im Umgang mit Russland: Einerseits die Sanktion gegen Russland verlängern wollen, andererseits mit Russland wegen der Verdoppelung der russisch-deutschen Gaspipeline Nord Stream verhandeln – für Renzi geht das nicht zusammen.

Klar, der italienische Ministerpräsident ist verärgert darüber, dass die geplante Pipeline South Stream blockiert worden ist, die russisches Gas unter dem Schwarzen Meer hindurch durch Südosteuropa bis auf den Balkan bringen sollte. Davon hätte auch Italien profitiert.

Viel bedeutender aber ist: Zuerst hat anscheinend François Hollande und nachher die große Mehrheit der Staatsoberhäupter die Kritik von Renzi unterstützt.

Spötter mögen nun sagen, es handle sich bei Renzis Tirade um einen cholerischen Ausbruch, weil sich der Italiener von Merkel vernachlässigt fühle. Oder er habe einfach den Rat eines seiner geschickten Spindoktoren befolgt, um von seinen eigenen, innenpolitischen Problemen abzulenken. Oder er habe sich – freiwillig oder nicht –zum Handlanger von François Hollande gemacht. Schließlich wird 2017 in Frankreich gewählt. Das französische Staatsoberhaupt, beunruhigt von den Wahlerfolgen der eurokritischen Opposition, hätte allen Grund, Frau Merkel einen Denkzettel zu verpassen.

Was also schließen wir aus dem Gipfeldisput? Die EU entwickelt sich vielleicht in eine neue Richtung. Und ehrlich gesagt: Vielversprechend ist diese nicht. Heute nimmt Deutschland – teilweise widerwillig – eine Führungsrolle in Europa wahr. An dieser Position rütteln andere Länder, und sie riskieren damit eine führungslose EU. Oder noch schlimmer: eine "Machtübernahme" durch die Länder der Südfront. Durch Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Griechenland, durch Staaten mit Anti-Austeritäts-Regierungen, riesigen Schulden und Massenarbeitslosigkeit.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 02 vom 07.01.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Ein Europa der Überschuldeten ist äußerst beunruhigend – auch für uns Schweizer. Diese Entwicklung wird nicht nur Auswirkungen auf den Kurs des Schweizer Frankens haben. Nein, sie wird unser Verhältnis zur EU nachhaltig prägen. Wir haben es deshalb keineswegs eilig, mögliche Rahmenabkommen mit der EU abzuschließen. Abwarten ist das Gebot der Stunde.

Auch, weil noch völlig unklar ist, was bei einem Referendum über die EU-Mitgliedschaft von Großbritannien passiert. Welche Dynamik dadurch in Brüssel, in Europa entsteht. Die offizielle Meinung in Bundesbern ist eine andere: Gleichgültig, was im Vereinigten Königreich passieren wird, auf unsere Beziehung zur EU wird dies keinen Einfluss haben. Diese Haltung scheint mir zu simplizistisch.

Klar ist für mich zurzeit nur eines: Unsere Zukunft entscheidet sich nicht allein an den bilateralen Verträgen mit der EU.

Die Welt ist größer.

Nächste Woche in unserer Kolumne "Nord-Süd- Achse": Die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz