DIE ZEIT: Frau Beckmann, kann eine Mutter mit Borderline-Störung ein Kind aufziehen?

Ortrud Beckmann: Grundsätzlich ja. In Einzelfällen muss man aber darauf achten, ob das Kind durch die oft typischen emotionalen Extreme nicht gefährdet ist. Es kann passieren, dass Borderline-Patienten gegenüber dem Kind innerhalb kürzester Zeit springen von "Du bist toll" zu "Du störst mich nur". Eine Diagnose einer psychischen Erkrankung darf aber nie die einzige Grundlage für die Entscheidung sein, ob ein Kind in einer Familie gut aufgehoben ist. Wichtig ist, ob es in der Familie Unterstützung gibt für die Mutter und auch für das Kind.

ZEIT: Warum ist es so schwer zu erkennen, wenn ein Kind in Gefahr ist?

Beckmann: Bei einem einzelnen Besuch kann man vieles übersehen. Die Kinder erzählen nichts, sie fühlen sich oft verantwortlich für ihre Eltern und wollen keinen Ärger machen. Viele Probleme erkennt man erst, wenn man eine Beziehung zu den Kindern aufbaut und das Vertrauen und die Offenheit der Eltern gewinnt.

ZEIT: Und Sie vermitteln dauerhafte Paten für Kinder von psychisch kranken Eltern?

Beckmann: Genau, wir suchen eine Patentante oder einen Patenonkel für Kinder von psychisch kranken Eltern. Meist sind es alleinerziehende Mütter. Diese jungen Frauen haben oft keine Familie, auch Partnerschaften sind wegen der Krankheit meist nicht von langer Dauer. Kinder brauchen aber verlässliche Beziehungen – und die versuchen wir mit den Paten aufzubauen. Die Paten treffen ihre Kinder mindestens einmal in der Woche. Im Optimalfall werden die Paten so enge Vertraute der Kinder. Das hilft auch, Gefährdungen frühzeitig zu erkennen. Wir haben erlebt, dass die Paten viel mitbekommen.

ZEIT: Zum Beispiel?

Beckmann: Vor einigen Jahren hat etwa eine Patin das Kind gebadet und entdeckt, dass es merkwürdige Wunden hatte. Dann hat das Kind gesagt: Ja, das macht meine Mama immer, wenn sie wütend ist. Die Mutter hat das Kind mit Zigarettenglut gequält. Ich glaube, es muss gar nicht so viel Expertenwissen da sein, um zu beurteilen, ob es einem Kind zu Hause gut geht oder nicht. Es braucht eher die Nähe und Vertrautheit.

ZEIT: Für das Jugendamt ist das schwer zu leisten.

Beckmann: Dem Kind war natürlich auch eingeimpft worden, dass es nichts sagen sollte, wenn jemand vom Jugendamt kommt. Ein anderes Beispiel: Ein kleiner Junge fährt mit seinem Paten im Auto. Sie hören Radio, der Moderator sagt, dass es noch Lehrer gibt, die Kinder hauen, aber dass das verboten ist. Daraufhin sagt der Junge zu seinem Paten: Ja, aber mein Papa haut mich doch auch. Das wird man nicht im Kindergarten oder in der Schule von einem Kind hören, sondern eher in einer Situation von großer Vertrautheit.

ZEIT: Wann holen Sie Kinder aus der Familie?

Beckmann: Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir wollen Eltern und ihre Kinder mit den Patenschaften so unterstützen, dass ein gemeinsames Leben gut möglich ist. Wenn wir aber das Gefühl haben, dass eine Gefahr besteht, oder von Misshandlungen erfahren, gehen wir natürlich direkt zum Jugendamt. Unser Ziel ist es immer, dass die Eltern verstehen und einsehen: Ich schaffe es einfach nicht mehr, ich brauche Unterstützung.

ZEIT: Wie wählen Sie die Eltern aus?

Beckmann: Wir haben leider lange Wartelisten. Uns erreichen 30 bis 40 Anfragen pro Jahr, wir können aber nur vier bis fünf bedienen, obwohl wir genügend Paten hätten. Wir würden sehr gerne mehr tun. Aber gerade am Anfang müssen wir beim Kennenlernen dabei sein und vermitteln. Die psychisch kranken Eltern haben oft große Probleme, Beziehungen zu beginnen und aufrechtzuerhalten, das gilt natürlich auch bei den Paten.