DIE ZEIT: Herr Müntefering, Partnerschaften zwischen Städten aus Ost und West waren vor dem Mauerfall eine äußerst heikle Angelegenheit. Warum eigentlich?

Franz Müntefering: Es gab schon Jahrzehnte vor der Einheit Versuche, solche Partnerschaften zu begründen, aber oftmals scheiterten sie – und zwar aus politischen Befindlichkeiten: 1950 wollte die DDR gern Städtepartnerschaften initiieren, aber da war es der BRD nicht recht. Später dann, in den frühen Achtzigern, hatte die Bundesrepublik Interesse, aber es passte der SED nicht.

ZEIT: Deren Chef Erich Honecker sah in diesen Kooperationen "ein Instrument der Unterwanderung" und einen "Destabilisierungsfaktor".

Müntefering: Er hatte wohl Angst, über so etwas die Kontrolle zu verlieren. Auffällig ist, dass Honecker seine Meinung 1986 änderte. Er fädelte gemeinsam mit Oskar Lafontaine, damals SPD-Ministerpräsident im Saarland, eine Städtepartnerschaft zwischen Eisenhüttenstadt und Saarlouis ein.

ZEIT: Warum hat er das gemacht?

Müntefering: Zum einen als Ausdruck seiner Entspannungsbemühungen. Zweitens – mal etwas pathetisch ausgedrückt: aus Sentimentalität, aus Liebe zur Heimat. Honecker stammte ja aus dem Saarland, deshalb war er für den Saarlouis-Vorschlag empfänglich. Später gab es dann noch eine Partnerschaft zwischen Dresden und Hamburg. Die wiederum entstand vermutlich, weil der Hamburger Herbert Wehner, unser langjähriger SPD-Bundestagsfraktionschef, in Dresden geboren war.

ZEIT: Dann haben sich Politiker in den Städtepartnerschaften also ein bisschen selbst verwirklicht?

Müntefering: Dass Politiker persönliche Interessen damit verbinden konnten, mag willkommener Anlass gewesen sein. Die meisten Partnerschaften entstanden aber nicht, weil sich Abgeordnete oder Bürgermeister dies so gewünscht haben – sondern weil die Menschen das so wollten. Bis 1989 gab es etwa 50 Städtepartnerschaften zwischen Ost und West, ein Jahr später waren es schon 1.000. Etwa drei Viertel davon gingen auf das Engagement einzelner Bürger zurück. Da kannten sich einfach Mitglieder der Kegel- oder Schwimmvereine, oder jemand hatte Verwandte im anderen Teil Deutschlands, dann fädelte man so etwas eben ein.

ZEIT: Welchen Nutzen sehen Sie in solchen Partnerschaften?

Müntefering: Ganz banal: Man hält zueinander Kontakt, man hilft sich. Damals lautete die Devise schließlich: Nicht viel überlegen, einfach hinfahren und reden!

ZEIT: Diplomatie von unten.

Müntefering: Ja, gewissermaßen kann man sagen: Das war Diplomatie von unten. Während die Großen der Welt 1990 noch überlegten, wie sie beide deutschen Staaten zusammenführen, haben die Gemeinden schon selbst Verantwortung übernommen. Man beschenkte einander, man informierte sich, wie es im Osten oder Westen so läuft. Nach dem Motto: Wir gehören zusammen, wir tauschen uns jetzt mal aus.

ZEIT: Genützt hat es den Gemeinden auch, vor allem den ostdeutschen. Anfangs waren die Partnerschaften ja eher Patenschaften.

Müntefering: Ist doch logisch, dass es 1990 mehr der Osten war, der Hilfe brauchte. Die Bundesrepublik war nach dem Krieg ja auch mithilfe der USA zu neuem Wohlstand gekommen. Davon etwas abzugeben, empfanden viele Bürger als selbstverständlich.

ZEIT: Im Osten helfen zu wollen – hatten Sie diesen Wunsch nach dem Mauerfall auch?

Müntefering: Ich saß 1990 im Bundestag und hatte meine Aufgaben. Aber als Abgeordneter hatte ich wiederholt mit DDR-Verantwortlichen zu tun, war nach der Wiedervereinigung immer wieder in den neuen Ländern unterwegs.

ZEIT: Was haben sich denn West-Gemeinden von den Partnerschaften versprochen?

Müntefering: Vielleicht ging es auch um Prestige. Diese Partnerschaften waren populär – gerade in den Neunzigern. Wenn da einer sagen konnte, dass er eine ostdeutsche Partnerstadt besorgt habe, dann war das was!

ZEIT: Sie haben einmal über Städtepartnerschaften bemerkt: "Ich will das nicht überhöhen; man kann aus kleinen Förmchen keine großen Kuchen backen." Also sind diese Initiativen doch eher Folklore?

Müntefering: Sie können dem Staat natürlich keine wesentlichen Aufgaben abnehmen. Aber gerade in den Einheitswirren waren solche Partnerschaften sehr hilfreich, wenn nicht gar unerlässlich. Die Kommunen konnten sich vernetzen.

ZEIT: Können Partnerstädte sich gegenseitig auch mal Schwierigkeiten bereiten?

Müntefering: In politisch heiklen Zeiten schon. Es gibt eine Gemeinde im Ruhrgebiet, deren französische Partnerstadt nun von Politikern des rechtspopulistischen Front National regiert wird. Da muss der Bürgermeister plötzlich entscheiden: Will er ein gemeinsames Treffen mit diesen Leuten, will er pressewirksame Bilder? Oder schauen Sie nach Bochum: Die Stadt hat eine Partnerschaft mit Donezk in der Ostukraine, das von Rebellen beherrscht wird. Da fragt man sich: Und jetzt? Meist wird in solchen Fällen das politische Engagement etwas heruntergefahren, dann fallen die Besuche nur noch volkstümlich aus. Es treffen sich die Gesangs- und Sportvereine, das Politische lässt man außen vor und versucht dennoch, die Kontakte aufrechtzuerhalten. Was schon ein Gewinn ist.

ZEIT: Braucht es heute Städtepartnerschaften mit – sagen wir mal – griechischen Gemeinden, um denen zu helfen?

Müntefering: Das ist gar nicht mal so abwegig. Der Verein Deutsche Gesellschaft, dessen Co-Vorsitzender ich bin, hat erst vor wenigen Monaten auf einer Tagung diskutiert, welchen Nutzen Städtepartnerschaften für Europa haben könnten. Es gibt nun Beauftragte, die Partnerschaften zu Gemeinden in ganz Europa gezielt organisieren.

ZEIT: Sie kommen aus Sundern im Sauerland. Wussten Sie, dass Ihr Heimatort eine Partnerschaft mit Schirgiswalde in der Oberlausitz pflegt?

Müntefering: Natürlich, es gibt ja sogar einen Platz in Sundern, der danach benannt ist: den Schirgiswalder Platz!