Ein Kindergeburtstag in Wien: Die Zwillinge Bruno und Jakob sind gerade drei Jahre alt geworden. Es ist der 13. März 1938, der Tag, an dem sich die Nationalsozialisten Österreich einverleiben. Unten auf der Straße laufen die Menschen zusammen, lärmen, rufen in einem fort: "Heil Hitler! Heil Hitler!" Die Begeisterung, die in die Wohnung brandet, elektrisiert den kleinen Bruno. "Heil Hitler", quietscht er nun auch vergnügt. Da tritt sein Bruder an ihn heran und sagt: "Das darfst du nicht sagen, wir sind Juden." In diesem Augenblick habe er begriffen, erzählt er: "Wir sind anders."

Heute verbringt Bruno Goldstein nach einer erfolgreichen Karriere als Bauingenieur in New York seinen Ruhestand in New Jersey. Sein Weg dorthin war, wie bei so vielen Emigranten seiner Generation, abenteuerlich, und er verdankt sein Überleben glücklichen Zufällen. Der vierköpfigen Familie gelingt es, noch im "Anschluss"-Jahr nach Belgien zu entkommen, während der NS-Besatzung sind die Geschwister in einem katholischen Waisenhaus versteckt. Erst nach Kriegsende emigrieren die Goldsteins in die USA. "Wenn ich jetzt nach Österreich zurückkehre", fühle ich mich gut", meint Bruno Goldberg. "Das ist meine Heimat, hier wurde ich geboren." Sein Porträtfoto zeigt einen vitalen älteren Herrn, in dessen Augen noch ein Funke jugendlichen Elans blitzt.

So hat ihn der Grazer Fotograf Meinrad Hofer für sein beeindruckendes Buch witness festgehalten, das die Gesichter und Geschichten von 16 jüdischen Emigranten in den USA vereint. Es sind Männer und Frauen in ihrem achten und neunten Lebensjahrzehnt, die Letzten einer Generation, die den schlimmsten staatlichen Terror in Europa noch am eigenen Leib erlebt hat. Es sind Gesichter, in die sich die wechselvollen Biografien eingegraben haben, es sind nicht nur Fluchtgeschichten, sondern sie erzählen auch vom Ankommen, vom Neubeginn und vom Verlust einer Welt, die zurückgelassen werden musste, aber in der Erinnerung eine neue Heimat gefunden hat. Meinrad Hofer hat sie zu strengen Tableaus arrangiert: von hinten in Schwarz-Weiß, en face und im Profil. Das harte Licht akzentuiert Falten und Furchen, isoliert die Gesichter von ihrer Umgebung. Sie sind Solitäre der Erinnerung. Ohne Details zu erzählen, lassen diese Fotografien die Biografie erahnen.

Meinrad Hofer war nur durch einen Zufall in das anspruchsvolle Projekt geschlittert. Vor drei Jahren begleitete er mit seiner Kamera die damalige Wiener Vizebürgermeisterin Renate Brauner auf einer New-York-Visite und wurde von ihr auch zum Wiener Opernball, dem kleinen transatlantischen Neffen der österreichischen Staatsaffäre, in das Waldorf-Astoria-Hotel mitgenommen. Im ganzen Ballroom befanden sich nur zwei Männer, die nicht im Smoking erschienen waren: der Fotograf und der ehemalige New Yorker State Senator Franz Leichter, der 1940 als zehnjähriger Junge mit seinem Bruder und seinem Vater, dem sozialdemokratischen Publizisten Otto Leichter, über Frankreich und Lissabon in New York eingetroffen war. Seine Mutter, die Sozialwissenschafterin Käthe Leichter, war in Wien von einem befreundeten Genossen denunziert, verschleppt und im Konzentrationslager Ravensbrück ermordet worden.

Der synchrone Kleidungsstil brachte die beiden Ballbesucher rasch ins Gespräch, und mit dem meisten, das der New Yorker erzählte, war der Besucher aus Österreich kaum vertraut. "Im Laufe dieses Projektes habe ich ungeheuer viele Wissenslücken geschlossen", sagt Meinrad Hofer, Jahrgang 1977. An seinem Grazer Gymnasium sei von Vertreibung und Ermordung der Juden nie die Rede gewesen. Jetzt faszinierte ihn das Thema. Bald geriet er auch mit der sogenannten Palatschinkenrunde in Kontakt, einem Emigrantenkränzchen, das sich in der Wohnung von Trudy Jeremias auf der Upper East Side in Manhattan trifft.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 02 vom 07.01.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die heute 90-jährige Kunsthandwerkerin glaubt, dass sie 1938 "eigentlich viel Glück im Vergleich zu anderen" gehabt habe. Da ein Teil ihrer Familie bereits in den USA lebte, fiel es Mutter und Stiefvater leicht, die erforderlichen Reisedokumente aufzutreiben. Sie sehe sich gar nicht als "Holocaust survivor", sagt die zierliche und naturbegeisterte Dame: "Ich bin halt eine unter vielen Emigranten."

Nach Kriegsende pendelt sie häufig zwischen Amerika und Europa, für zwei Jahre ließ sie sich sogar wieder in Wien nieder, schließlich zog es sie aber zu ihrer Familie nach New York zurück. Dort geriet sie mit einer der Nachwehen der NS-Ära in Berührung.

Am Flughafen Idlewild, wie der JFK-Airport früher hieß, jobbte sie beim Bodenpersonal der belgischen Linie Sabena, der einzigen Fluggesellschaft, die damals unbegleitete Kinder von Europa über den Atlantik transportierte. Viele dieser kleinen Passagiere waren farbige Besatzungskinder, die von GIs zurückgelassen worden und nun unterwegs zu Adoptiveltern hauptsächlich aus dem Süden der USA waren (ZEIT Nr. 52/10). Da Trudy Jeremias als Einzige Deutsch sprach, wurde sie abgestellt, die verschüchterten Kinder in Empfang zu nehmen.

"Jeden Tag sind österreichische Kinder angekommen, manchmal eines, manchmal drei", erinnert sich Trudy Jeremias. Wenn sie ein paar Worte hervorbrachten, dann in der Regel im alpenländischen Dialekt. Eines von ihnen war Peter. "Er kam in einem Tirolergewand an, und er hat auch so gesprochen. Peter war ein schwarzes Kind."

Offensichtlich hatte man den Kindern vor der Abreise erzählt, sie würden zu ihren Müttern gebracht. "Viele sagten, ihre Mutti würde sie abholen", erzählt die ehemalige Sabena-Hostess. "Als sie ihren Irrtum bemerkten, waren sie oft verzweifelt. Manchmal musste ich schreiende Kinder übergeben." Etwa jenes österreichische Mädchen, das von einer afroamerikanischen Professorin aus dem tiefen Süden der USA erwartet wurde. "Die war sehr schwarz, und das Kind hat bei der Übergabe laut geschrien: ›Eine Negerin, eine Negerin!‹ Das Mädchen hatte keine Ahnung, dass es selber schwarz war. Es hat sich so vor der Frau gefürchtet."

Die das Fotoprojekt begleitenden Videomonologe (deren Transkripte sich im Buch finden) sind ganz dem oral history-Prinzip verpflichtet: Sie referieren aus subjektiver Erinnerung Geschichte. Dabei mögen einige Aspekte verklärt oder Familienlegenden weitertransportiert werden. Aber diese Methode spiegelt wider, wie der Einzelne Geschichte erlebt. Fast alle der besuchten Emigranten haben beispielsweise das Wien vor dem Nazi-Einmarsch, immerhin auch die Ära von Bürgerkrieg und austrofaschistischer Autokratie, als idyllischen Musenhain in Erinnerung, in dem sie eine behütete Kindheit im Schoß einer mehrere Generationen umfassenden Großfamilie verbrachten. Die wehmütige Erinnerung ist wohl vor allem dem Faktum verpflichtet, dass all dieses familiären Bande brutal durch die Shoah zerrissen wurden.

Ambivalent ist auch das Verhältnis, das die Emigranten heute zu Wien haben. Einerseits schwärmen sie über Musik, Kunst und Kulinarik. Anderseits trauen sie den Wienern, vor allem den älteren, nicht ganz über den Weg. "Eine der Sachen, die ich sehr unglücklich finde", meint Franz Leichter, "ist, dass die Österreicher so lange gebraucht haben, ihre Komplizenschaft in der Nazizeit einzuräumen und aufzuhören, zu behaupten, sie wären Hitlers erstes Opfer gewesen." Nun, es gibt genügend, die das noch immer glauben.

Meinrad Hofer: witness. Kehrer Verlag, Heidelberg 2015; 144 Seiten, 34,90 Euro (Österreich)