Wenn eine große Kinoproduktion in Angriff genommen wird, geschehen die wirklich spannenden Dinge weitab der eigentlichen Dreharbeiten. Im Hintergrund entsteht da nämlich so etwas wie eine virtuelle Fabrik, in der für kurze Zeit Hunderte Menschen gemeinsam die jeweils richtigen Hebel bewegen müssen – Drehbuchschreiber, Regisseur und Kameraleute, Casting-Agenten und Schauspieler, Set-Designer, Kostüm- und Maskenbildner, dazu Leute, die für die Finanzierung einerseits und die Vermarktung andererseits sorgen. Das Besondere daran: Diese hochkomplexe Organisation besteht nur für die Dauer der Arbeit an dem Film. Sie wird aus dem Nichts geboren und löst sich nach Erledigung der Aufgabe wieder spurlos auf. So gut wie alle Beteiligten sind keine Mitarbeiter im engeren Sinn, sondern Zulieferer für bestimmte Leistungen, engagiert von einem Produzenten, dessen einzige Tätigkeit darin besteht, dieses Zusammenspiel zu organisieren.

Virtuelle Unternehmen dieser Art könnten auch die Zukunft der Industrieproduktion prägen, so lautet eines der Ergebnisse der Arena Analyse 2016. Diese Studie, die auf Expertenbefragungen beruht, wird seit 2006 jedes Jahr vom Wiener Beratungsunternehmen Kovar & Partners in Zusammenarbeit mit der ZEIT und der Tageszeitung Der Standard durchgeführt. Sie soll künftige Trends aufspüren, vor allem solche, die außerhalb der fachspezifischen Zirkel noch wenig Beachtung finden. Die aktuelle Arena Analyse 2016 widmet sich gezielt der Frage nach der Arbeitswelt von morgen, insgesamt wurden dafür Tiefeninterviews und schriftliche Beiträge von 58 Expertinnen und Experten ausgewertet.

Die Fabrik der Zukunft, so die Erwartung der Experten, könnte so wie ein Filmteam aus einer Schar von Spezialisten bestehen, die über die ganze Welt verstreut sitzen und von einem Unternehmer koordiniert werden, der im Wesentlichen nur die Rechte auf eine Produktidee besitzt. Die technische Umsetzung, das Design, die Software, die das Ding zum Laufen bringt, die holt er sich ebenso von außen wie das nötige Kapital und das Know-how für Vermarktung und Vertrieb. Rein physisch produzieren muss er seine Ware gar nicht mehr, die Käufer erwerben lediglich einen Code, mit dem sie das Produkt daheim auf ihren 3-D-Printern ausdrucken.

Die Zukunft der Arbeitswelt, darin sind sich die Experten einig, wird von einer Umwälzung geprägt sein, die selbst die Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert in den Schatten stellt. Vor allem kommt so ein Unternehmer völlig ohne fixe Angestellte aus, was im Gegenzug bedeutet, dass die Arbeitnehmer der Zukunft keine Jobs mehr finden, sondern von einem Projekt zum nächsten tingeln, in einer erzwungenen Freiberuflichkeit, abhängig von Web-Plattformen, auf denen sie ihre Fähigkeiten anbieten – und wo sie zwischendurch auch ihre Wohnung übers Wochenende vermieten können, wenn das Geld nicht reicht. Im englischen Sprachgebrauch wurde für eine derart gestaltete Arbeitswelt bereits der Begriff gig economy geprägt. Gigs nennen Musiker ihre kurzzeitigen Engagements. In der gig economy wird die prekäre Unsicherheit, die seit je das Künstlerleben prägt, zum Normalfall für jedermann. "Firmen und fixe Organisationen werden sich auflösen", so schreibt einer der Teilnehmer der Befragung, "die Schwarm-Netzwerk-Organisation wird künftig den Rahmen für Arbeit geben." Manche werden in einem solchen Umfeld von der Vielfalt der Möglichkeiten profitieren, andere rutschen in "hybride Arbeitsverhältnisse", wie das ein anderer Experte nennt, nämlich scheinbare Selbstständigkeit, gepaart mit enormer Abhängigkeit und Ausbeutung.

Es hat erst gar keinen Sinn, sich beim Chef eines Projekts zu beklagen, weil der wahrscheinlich ein Roboter ist. Die radikale Umgestaltung der Arbeitswelt ist nämlich die Folge einer technologischen Revolution, die schon seit einiger Zeit vor sich geht und meist unter den Schlagwörtern Digitalisierung und Robotics abgehandelt wird – also der Erfindung von immer schlaueren Computerprogrammen und immer geschickteren Automaten. Die beiden wichtigsten Entwicklungsstränge sind dabei Big Data einerseits und die 3-D-Printer andererseits. Ersteres, also die Analyse der vielen Billionen an Datensätzen, die weltweit im Internet mehr oder weniger automatisch anfallen, stellt schon jetzt Marketing und Handel auf den Kopf und wird so gut wie allen Wirtschaftszweigen neue Möglichkeiten eröffnen. Die Drucker wiederum – die nur so heißen, in Wahrheit handelt es sich um so etwas wie Spritzgussmaschinen – bedeuten das Ende der Massenproduktion, wenn nicht der herkömmlichen industriellen Produktion überhaupt, weil mit ihnen künftig fast jedes Produkt für den einzelnen Kunden vor Ort nach Wunsch hergestellt werden kann.

Fast die Hälfte aller Jobs können heute schon Roboter und Computer erledigen

Natürlich sind hier wie dort noch einige technologische Hürden zu nehmen, bis die neuen Geräte wirklich zum neuen Standard gehören. Doch es lässt sich leicht hochrechnen, dass bald ein Großteil jener Jobs, die heute noch von Menschen ausgeübt werden, schlicht überflüssig sein werden. Eine mittlerweile berühmte Studie aus dem Jahr 2013, die Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne an der Universität Oxford erstellten, kam zu dem Schluss, dass 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA schon mit den heutigen Technologien automatisierbar wären – von U-Bahn-Fahrern über Flugzeugpiloten bis zu Aktienhändlern und Krimi-Autoren. Wer wissen möchte, ob Digitalisierung und Automatisierung den eigenen Arbeitsplatz gefährden, kann dies übrigens mit einem Klick auf den Button Will a robot take your job? auf der Homepage der BBC überprüfen.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 02 vom 07.01.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Das sind freilich gewollt provokante Horror-Visionen. Die Experten der Arena Analyse halten ein extremes Szenario, bei dem die Hälfte der Bevölkerung in der Wirtschaft nicht mehr gebraucht wird, für sehr unwahrscheinlich. Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg kommt in seiner Studie Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt zum Ergebnis, dass "in kaum einem Beruf der Mensch vollständig ersetzbar" ist. Immerhin wurde für 15 Prozent der deutschen Beschäftigten ein hohes Substituierungspotenzial ermittelt. Diese Leute werken also heute noch in Jobs, in denen mehr als zwei Drittel aller Tätigkeiten von Computern erledigt werden könnten.

Die tatsächlichen Umbrüche werden weniger spektakulär, aber um nichts weniger tiefgreifend sein: In den meisten Fällen werden Roboter und Algorithmen wirkungsvolle Werkzeuge sein, durch die sich die Produktivität steigern lässt, einige Berufe könnten allerdings völlig verschwinden, dafür aber neue, heute noch unbekannte entstehen. Praktisch überall aber wird das gewohnte Tätigkeitsfeld völlig verändert, den Beschäftigten werden neue, erhöhte Qualifikationen abgefordert.