Es war einmal ein Land, das wollte einfach nicht aufhören zu wachsen. Mochten rund um die Welt Immobilienblasen platzen und Banken untergehen, mochte das westliche Finanzsystem vor dem Kollaps stehen, mochte dem Euro der Garaus drohen: Auf die Volksrepublik China war stets Verlass. Inmitten aller Kapriolen verkündete die aufstrebende Supermacht sagenhafte sieben, acht, neun oder zehn Prozent Wachstum – und hielt die Weltwirtschaft am Laufen. Deutsche Autobauer, US-Getränkekonzerne, internationale Rohstoffkonglomerate: Sie scheffelten Milliarden auf dem schier nimmersatten neuen Markt. 25 Jahre in Folge steigerte China sein Bruttoinlandsprodukt um mindestens sieben Prozent.

Werkbank der Welt, Wachstumslokomotive, Motor der Globalisierung, derlei Attribute sind China seit der Jahrtausendwende ständig verpasst worden, oft zu Recht. Aber nun will, nun kann die Volksrepublik keine Billigfabrik mehr sein. Plötzlich stottert, ruckelt der Wachstumsturbo – zum Entsetzen der übrigen Welt. "Die China-Story geht zu Ende", sagt Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.

In drei Jahren verbaute das Land mehr Zement als die USA im 20. Jahrhundert

Erste Folgen sind schon zu beobachten: Der Börsencrash auf Raten in Shanghai und Shenzen sollte ein nationales Problem sein, da es vor allem chinesische Anleger trifft. Dennoch hat er den Dax unter die 10.000-Punkte-Marke stürzen lassen – und der Wall Street gar die schlechteste erste Jahreshandelswoche ihrer Geschichte beschert. Der Ölpreis ist auf einem Zwölf-Jahres-Tief. Und der Promi-Spekulant George Soros warnt vor einer Finanzkrise wie 2008. Wird China, der einstige Wachstumsgarant, zum Epizentrum eines neuen globalen Abschwungs?

Fest steht: Das Land steckt tief im Strukturwandel. Zwei, drei Jahrzehnte lang haben Chinas Mächtige ihr rückständiges Land mit Gewalt modernisiert, haben Fabriken, Immobilien und öffentliche Infrastruktur in einem beispiellosen Tempo hochgezogen. Binnen dreier Jahre, von 2011 bis 2013, verbaute die Volksrepublik mehr Zement als die USA im gesamten 20. Jahrhundert. Das kann nicht auf Dauer so weitergehen.

Der Ökonom Snower zieht Parallelen zum Boom im Nachkriegseuropa. "Damals gab es eine 25, 30 Jahre lange Aufholjagd, dann sanken die Wachstumsraten. Auch China hat jetzt 25 bis 30 Jahre catching up hinter sich." Irgendwann sind die wichtigsten Straßen, Eisenbahnlinien, Kraftwerke oder Wohnkomplexe errichtet. Weitere Projekte bringt nur noch beschränkten Nutzen – und viel Schaden. Kommunen, Regionen und Staatskonzerne sind nach Bauorgien, Fehlinvestitionen und -spekulationen hochverschuldet, Smogwolken hängen über den Städten, Arbeiterproteste nehmen zu. Überall offenbaren sich die Grenzen des alten Betonbooms.

Tappt China in die middle income trap, die mittlere Einkommensfalle? Aufstrebende Nationen wie Mexiko, Thailand oder die Türkei haben es erlebt: Nach Phasen steilen Wachstums steigen die Löhne stark, hält die Produktivität kaum damit Schritt, nehmen Wettbewerbsfähigkeit und Exportkraft ab – wie seit einiger Zeit in China. "Schafft es das Land dann nicht, auf eine höhere Entwicklungsstufe umzusteigen, kann es dauerhaft in der Mitte stecken bleiben. Und bei einfachen Produkten verliert es wegen der gestiegenen Kosten an Konkurrenzfähigkeit", sagt Paul Vandenberg, Ökonom der Asiatischen Entwicklungsbank und Experte für genau solche volkswirtschaftlichen Übergänge.

Kaum etwas offenbart Chinas Dilemma so wie das iPhone. Das Smartphone von Apple wird in der Volksrepublik zusammengebaut, allerdings kommen Idee und Design aus den USA, die hochwertigsten Bauteile aus Japan, Südkorea oder Taiwan. Und so verdient Chinas Wirtschaft an dem Hunderte Dollar teuren Gerät nur eine Handvoll Dollar pro Stück.