Seit der Silvesternacht stehen junge Männer aus Nordafrika im Fokus der Flüchtlingsdebatte. Vor allem Marokkaner, aber auch Algerier, von denen bislang kaum die Rede war und von denen man auch nicht viel weiß. Junge Männer, die oft ohne gültige Papiere einreisen und wissen, dass sie nicht bleiben können, weil sie keinen Anspruch auf Asyl haben. Die aber auch wissen, dass zwei, drei Jahre vergehen, bis sie abgeschoben werden, falls es überhaupt gelingt.

Am Montag legte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger, SPD, die ersten Ermittlungsergebnisse zur Kölner Silvesternacht vor: 516 Strafanzeigen wurden bearbeitet. 237 Fälle von Sexualstraftaten, 107 zugleich mit Diebstahl, die übrigen 279 Fälle Eigentums- und Körperverletzungsdelikte. 19 Tatverdächtige wurden ermittelt: Zehn sind Marokkaner, vier Algerier, bei den übrigen ließ sich keine bestimmte Staatsangehörigkeit nachweisen. Zehn haben einen Asylantrag gestellt, die anderen neun halten sich wohl illegal hier auf. Neun Asylbewerber waren erst Anfang September 2015 registriert worden. Die Zahl der Anzeigen und Tatverdächtigen steigt mit jedem Tag.

Noch längst sind nicht alle Täter identifiziert, oft dürfte das auch misslingen. Bis Redaktionsschluss lagen noch keine Ermittlungsergebnisse aus Hamburg vor, wo in der Silvesternacht ebenfalls zahlreiche Frauen von Verdächtigen mit, wie es heißt, "nordafrikanischem und arabischem Hintergrund" überfallen wurden.

Doch es zeichnet sich ab, dass die Silvesternacht die Flüchtlingsdebatte verändern wird. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) verzeichnete in den vergangenen Monaten eine stark wachsende Zahl von Asylanträgen nordafrikanischer Flüchtlinge. Im September meldeten sich 685 Marokkaner, im Dezember bereits 2.896 – also viermal so viele. Im selben Zeitraum verdoppelte sich die Zahl der algerischen Asylbewerber, von 1.251 auf 2.296. Kölns Polizei gab bekannt, im vergangenen Jahr habe sie 2.000 Straftatverdächtige aus Nordafrika registriert. Und: Von über 800 Marokkanern, Algeriern und Tunesiern, die zwischen Oktober 2014 und November 2015 in Köln als Zuwanderer erfasst worden seien, hätten sich 40 Prozent, also fast die Hälfte, strafbar gemacht – meist wegen Diebstahl oder Raub. Dagegen seien nur 0,5 Prozent der Syrer und 2 Prozent der Iraker mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Nur 3,74 Prozent der Marokkaner wurden als schutzbedürftig anerkannt

Schon vor der Silvesternacht sind einzelne Banden nach dem Kölner Muster vorgegangen, das steht im Beobachtungs- und Feststellungsbericht einer Kölner Zivilstreife vom 11. November 2014. Dort beschreiben die Beamten, wie drei junge Nordafrikaner gezielt Frauen umzingeln und begrapschen, ehe sie in der karnevalesken Masse verschwinden.

Bereits seit Januar 2013 kümmert sich ein Team der Polizei unter dem Namen "AP NAFRI", Analyseprojekt Nordafrikanische Straftäter, um die kriminellen Gruppen aus dem Maghreb. Die Beamten sind frustriert. Nehmen sie einen jungen Täter fest, reicht das Delikt meist nicht für eine Haftstrafe. "Die gehen aus dem Gericht und lachen uns aus", sagt Arnold Plickert von der Gewerkschaft der Polizei in NRW. Und immer wieder klagen die Beamten, das Ausländerrecht stünde einer schnellen Ausweisung und Abschiebung entgegen.

Und in der Tat werden nur sehr wenige abgelehnte Asylbewerber nach Nordafrika abgeschoben. Aber liegt das wirklich an den Gesetzen? Oder eher an administrativen Unzulänglichkeiten und praktischen Hindernissen? Wie die ZEIT aus dem Bundesinnenministerium erfuhr, sind an die 8.000 Nordafrikaner ausreisepflichtig, darunter etwa 2.300 Marokkaner und 1.250 Tunesier. Weil derzeit immer mehr Marokkaner und Algerier nach Deutschland strömten, so das Amt, werde die Zahl dieser Ausreisepflichtigen aller Voraussicht nach stark steigen, denn die allermeisten hätten null Chance auf Asyl. Laut Auskunft des Bamf wurden 2015 lediglich 3,74 Prozent der marokkanischen Asylbewerber als schutzbedürftig anerkannt und nur 1,6 Prozent der Algerier.