Es gibt nur ein einziges Thema in Leipzig, am Dienstagmorgen, in den S-Bahnen, in der Tram: Was ist da letzte Nacht bloß passiert? Hast du das mitbekommen? Die meisten Menschen hatten sich ja schon schlafen gelegt, nachdem alles überraschend friedlich geblieben zu sein schien: Legida, Leipzigs Pegida-Ableger, hatte einjährigen Geburtstag gefeiert, 3000 Demonstranten waren da gewesen, viele Hooligans, auch Neonazis, dazwischen ein paar, die sich für Normalbürger halten. Vorneweg Lutz Bachmann und seine Freunde aus Dresden, angereist aus der Hauptstadt der spazierenden Bewegung. Offene Gewalt hatte es nicht gegeben. Dachte man.

Dienstag früh aber sprach sich herum: In der Nacht hatten, fernab der Innenstadt und der eigentlichen Legida-Demo, 250 Hooligans und Neonazis den linksalternativen Stadtteil Connewitz überfallen, Fensterscheiben ganzer Straßenzüge eingeschmissen, in Bars randaliert, Leute gejagt. Rechtsradikale, selbstbewusst und aggressiv, wie man das auch im Osten lange nicht erlebt hat. Ein Dönerladen: verwüstet. Ein Haus: mit Feuerwerkskörpern angefackelt. Später stellte sich heraus, dass auch auf der Legida-Demo selbst sich Gewaltszenen abgespielt hatten. Einer MDR-Journalistin war ins Gesicht geschlagen worden, der MDR will seine Reporter künftig mit Security zu Pegida schicken.

Der Befund, zwei Wochen nach der Silvesternacht von Köln: Pegida und Rechtsradikale aller Couleur fühlen sich ermutigt, jetzt erst recht – und jeder auf seiner Weise – gegen jene vorzugehen, die im Verdacht stehen, irgendwie Linke zu sein. Der Riss, der durch die Republik geht, ist im Osten inzwischen ein Krater geworden, und es ist kein Zufall, dass in der lebendigsten ostdeutschen Großstadt, in Leipzig, die Lage so extrem erscheint: Es gibt hier, einerseits, die größte Antifa-Szene weit und breit, erst Mitte Dezember hatten Autonome eine Spur der Verwüstung im Leipziger Süden angerichtet. Und, andererseits, offenbar wieder Neonazis in durchaus mobilisierungsfähiger Zahl.

Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling, inzwischen von Rechtsextremisten kaum mehr zu unterscheiden, sprach auf der Leipziger Legida-Bühne von einem "Terroranschlag des entfesselten afroarabischen Sexmobs", den Köln erlebt habe, kurz drauf rief sie indirekt zu Gewalt auf: "Wenn die Mehrheit der Bürger noch klar bei Verstand wäre, dann würde sie zu Mistgabeln greifen und diese volksverratenden, volksverhetzenden Eliten aus den Parlamenten, aus den Gerichten, aus den Kirchen und aus den Pressehäusern prügeln." Die meisten Menschen nehmen so was nicht ernst, einige jedoch schon: Die Hooligans griffen dann, in der Nacht von Leipzig, zwar nicht zu Mistgabeln. Aber eben zu Steinen und Feuerwerkskörpern. Auf der Legida-Bühne trat die Hooligan-Band Kategorie C auf.

Um Abgrenzung zum ganz rechten Rand geht es Lutz Bachmann und Co. wohl nicht mehr. So sieht das auch Leipzigs SPD-Oberbürgermeister: Nach den Demos in der Innenstadt, sagt Burkhard Jung, hätten Neonazis und Hooligans "die menschenverachtenden Legida-Aufrufe in die Tat umgesetzt". Jung, der in den vergangenen Monaten in ähnlich harschen Worten linke Randale verurteilt hatte, spricht nun von "offenem Straßenterror" der Rechtsradikalen; von Neonazis, die "versuchten, Angst und Schrecken zu verbreiten". Es drohen die Dinge offenbar aus dem Ruder zu laufen. "Wir sind fast zurück in den neunziger Jahren", sagt Jürgen Kasek, Sachsens Grünen-Chef, der in Leipzig lebt. "Wenn das so weitergeht, fürchte ich eine Gewaltspirale, die alles übertrifft, was wir zuletzt erlebt haben." Die Stadt werde zum "Polarisierungsplatz", glaubt auch der Leipziger Soziologe Gert Pickel: Rechte wie Linke wollten ihre Machtbereiche abstecken, und ihr Wettrennen könne man nur beenden, wenn jetzt ein durchsetzungsfähiger Staat zeige, dass er die Gewalt nicht dulde. Als die Polizei in der Nacht die Personalien von 226 Rechtsradikalen aufnahm, diese stundenlang festsetzte, mit Kabelbindern fesselte, war das wohl der Anfang davon.

Wie geht es jetzt weiter?

Mit einer Kerze in der Hand stand Sachsens CDU-Justizminister Sebastian Gemkow am Montagabend auf dem Innenstadtring, als Teilnehmer einer Lichterkette wollte er friedlich gegen Legida demonstrieren. Genau an derselben Stelle habe er 1989 als Kind die friedliche Atmosphäre der Montagsdemos erlebt, sagt Gemkow. Jetzt aber redet von der Lichterkette kein Mensch mehr, von friedlicher Atmosphäre erst recht nicht. "Die Ereignisse in Connewitz passen zu der fortschreitenden Verrohung, die wir seit mehr als einem Jahr in unserer Gesellschaft erleben", sagt Gemkow. Was kann er tun, als Minister? "Wenn sich diese Gewalt fortsetzt, werden wir mehr Staatsanwälte und Richter bei uns im Land benötigen. Schon allein, damit der Rechtsstaat gefasste Täter schneller aburteilen kann."

Man muss wissen: Wenn er, Gemkow, über dieses Thema spricht, ist das für ihn nicht bloß Theorie. Die Leipziger Wohnung, in der er mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern bisher lebte, wurde vor einigen Wochen bei einem nächtlichen Anschlag mit Pflastersteinen und Buttersäure verwüstet. Sie ist auf absehbare Zeit unbewohnbar. Die Täter sind noch nicht gefasst. Es waren aber, so glaubt der Verfassungsschutz, linke Extremisten.

Nun also die Rechten. "Am schlimmsten wäre es, wenn wir uns in Leipzig allmählich an solche Exzesse gewöhnen", sagt der Justizminister. "Es gibt leider keine einfachen Lösungen. Alle, die diese Gewalt nicht länger dulden wollen, müssen sich mäßigen. Wir müssen uns dieser Dynamik entziehen."