Ein Junge ruft: "Fotze, du!" Das Wort wird mir hinterhergeworfen wie ein nasser Schneeball, der aus Versehen in meinem Nacken landet. Ich denke: Jetzt bist du doch zu alt für solche Beschimpfungen! Vier Jugendliche versperren den Eingang zur S-Bahn mit der Entschlossenheit von Zwergen in zu großen Körpern, die Hände tief in die Hosentaschen vergraben. Ich wohne am Alexanderplatz in Berlin. Da fängt man sich schon mal eine Verhöhnung ein. Einer ruft jetzt: "Allahu Akbar!", und spuckt auf den Boden.

Wir müssen über Religion reden. Auch wenn die Gefahr besteht, vom schreiverzerrten Chor derer vereinnahmt zu werden, die über die Islamisierung des christlichen Abendland fantasieren. Nach den Ereignissen im Schatten des Kölner Doms über Religion und sexualisierte Gewalt zu reden ist heikel. In den Bildern, die um die Welt gingen, steht das Symbol deutscher Gotik da wie ein schweigender Greis, melancholisch versunken in die eigene, unvollendete Lerngeschichte des Christentums. Darin ist die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt längst nicht abgeschlossen. Doch wenn eine Million Menschen aus überwiegend muslimischen Ländern nun in Deutschland eine Heimat finden sollen, gehört ein nüchterner, kritischer Blick auf den Islam dazu. Genauer gesagt: auf die konfessionellen Prägungen, die sozialen Praktiken, die Auslegungsformen – die diejenigen mitbringen, die zu uns kommen.

Wir brauchen eine genauere Kenntnis der religiösen Topografie der Herkunftsländer. Wir brauchen präzisere Beschreibungen der kulturellen, politischen, familiären und auch religiösen Ordnungsmuster. Denn durch sie werden Ideale von Geschlecht, Hierarchie und Autorität vermittelt. Syrer zum Beispiel bringen Erfahrung mit Andersgläubigen und moderate Auslegungstraditionen mit. Nordafrikaner kommen in der Regel aus einer Welt weitaus strengerer religiöser Normen.

Sexuelle Übergriffe, auch von langer Hand geplante, gehören zum Alltag in fast allen muslimisch geprägten Ländern – obwohl Gewalt gegen Frauen auch im Islam als schwere Sünde gilt. Oft genug eskaliert die Gewalt unter Einfluss von Drogen und Alkohol. Frauenrechtlerinnen, Journalistinnen und kritische Theologen aus diesen Ländern weisen auf das Paradox von strikten Verboten und deren exzessiver Überschreitung seit Jahren hin. Sie schreiben über Pornokonsum, über Geschlechtertrennung, über "Reinheitsgebote", die dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung widersprechen.

Gemäßigt religiöse Männer geben Frauen nicht die Hand – aber fassen ihnen in Bussen und Vorlesungssälen unter den Rock. Sicher sind weder Frauen mit Kopftuch noch ohne. Sogenannte Ungläubige aber sind sexueller Gewalt besonders ausgeliefert. Diese Frauen fühlen sich jetzt alleingelassen vom Justemilieu in den westlichen Gesellschaften. Kein Aufschrei über ihr Leid, nirgends. Und die rhetorische Floskel, "eigentlich" gehe es in fundamentalistisch angeheizten Konflikten um etwas ganz anderes, nämlich um soziale Benachteiligung oder um westliche Engstirnigkeit, macht das Verschweigen noch bitterer. Die die Floskel benutzen, leugnen, dass Religion soziale Auswirkungen hat.

In den dunklen Ecken deutscher Großstädte kann man beobachten, was passiert, wenn wir nicht auch über Religion reden. Zu lange wurde der Jugendrichterin aus Hamburg, der Lehrerin aus dem Ruhrgebiet oder dem Bezirksbürgermeister aus Berlin unterstellt, unter einer déformation professionelle zu leiden, wenn sie aus der Lebenswelt der Desintegrierten berichteten: über Gott als Alibi für die Demütigung von Mädchen, für Respektlosigkeit gegenüber der Polizei, für Kriminalität. Diese dunklen Ecken sind nicht das ganze Bild. Doch sie unausgeleuchtet zu lassen, weil das Bild nicht hässlich werden soll, ist eine gefährliche Form des Selbstbetrugs – vielleicht der letzte Obskurantismus der Intellektuellen.