In einem der Verstecke von Chapo Guzmán in Las Piedrosas im mexikanischen Gebirgsmassiv Sierra Madre Occidental wurde ein Exemplar meines Buches Zero Zero Zero gefunden. Das teilen mir ein paar Carabinieri mitten in der Nacht mit. Ich will es erst nicht glauben, dann aber zeigt man mir ein Video, vom mexikanischen Militär aufgenommen und auf der Homepage der mexikanischen Tageszeitung El Universal veröffentlicht: Im Innern eines Bunkers, das von einem Bett beherrscht wird, sieht man inmitten von grellbunten Hemden mein Buch liegen. Der Kommentator, der das Ambiente beschreibt, behauptet dasselbe.

Ich lasse das Video zurücklaufen, um sicherzugehen: Tatsächlich, dort ist mein Buch. Ich erkenne das Cover, die mexikanischen Soldaten haben sich nicht getäuscht. Jedes Mal, wenn in den Bunkern der Mafiabosse ein Buch, eine Schallplatte mit klassischer Musik oder ein Kunstwerk gefunden wird, löst das eine Kettenreaktion von erstaunten und empörten Kommentaren aus.

Mich erstaunt keineswegs, dass die Bosse lesen. Ich bin im Laufe meines Lebens sehr vielen von ihnen begegnet. Ich sah sie in Gerichtssälen Urteile und Protokolle lesen, und dank meiner Kenntnisse des Mafiamilieus kann ich, ohne als Provokateur zu gelten, sagen, dass Lesen sogar eine typische Beschäftigung dieser Bosse ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 21.1.2016.

Die Tatsache, dass sie viele Stunden in geschlossenen Räumen, Bunkern, Gruben, Gefängnissen verbringen müssen, zwingt sie zu großer Selbstdisziplin, bei der das Lesen eine herausragende Rolle spielt. Die Bosse sind längst nicht jene kriminellen, analphabetischen Bestien, als die sie in vielen amerikanischen Krimis beschrieben werden. Sie sind vielmehr erfahrene Geschäftsleute, die lesen, analysieren, studieren, die den Dingen auf den Grund gehen und genau wissen wollen, was die Welt über sie denkt und schreibt.

Das eigene Buch auf dem Bett eines dieser Mafiabosse liegen zu sehen ist schockierend, so als würde das eigene Werk dadurch beschmutzt. Aber das dauert nur einen Augenblick. Die Macht des Rauschgifthandels zu beschreiben bedeutet zugleich, die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Ich glaube, El Chapo war neugierig zu sehen, was ich da geschrieben habe, was man so über ihn und sein Kartell denkt.

Mexiko ist heute das Zentrum des Drogenhandels, und El Chapo Guzmán ist sein größter Repräsentant. Er ist der lebende Beweis dafür, dass der Name "Narcos" für die mexikanischen Kartelle einer starken Untertreibung gleichkommt. Es handelt sich um eine Mafia. Der Unterschied wird nicht immer klar, wenn man nur den Polizeibericht liest. Man könnte es so zusammenfassen: Den Gangstern geht es ums Geld, den Mafiabossen um den Aufbau eines Machtsystems (in dem das Geld nur ein Mittel zum Zweck ist). Wer diesen Unterschied begreift, hat schon einen wichtigen Schritt zum Verständnis der Verhältnisse getan: Die kriminelle Wirtschaft ist die Gewinnerin, der Gesamterlös der Drogenwirtschaft liegt bei 300 Milliarden Dollar; wenn wir also von den Bossen sprechen, reden wir nicht über Randerscheinungen, sondern von Hauptdarstellern der Weltwirtschaft.

Während ich diese Zeilen schreibe, läutet ständig mein Telefon, und ich werde gefragt: Warum? Warum hatte El Chapo dieses Buch in seinem Bunker? Ich habe keine Ahnung. Ich suche im Internet bei Bloggern, Chronisten, einfachen Lesern nach möglichen Antworten. Einige sind absurd, andere klingen recht plausibel. Manche beziehen sich auf meinen Auftritt im mexikanischen Fernsehen. Nach der Festnahme des Chapo im Februar 2014 hatte ich in einigen Interviews in mexikanischen Medien darauf hingewiesen, dass seine Auslieferung an die Vereinigten Staaten dringend erforderlich sei.

Drogenhandel - Die Spur des Kokains Der Autor Roberto Saviano schildert die Methoden der Drogenkartelle. Sein Vorwurf: Die deutsche Politik interessiere sich wenig für die Macht der Kokain-Händler. (Roberto Saviano, Zero Zero Zero, Wie Kokain die Welt beherrscht; Carl Hanser-Verlag)

El Chapo war schon einmal aus einem mexikanischen Hochsicherheitsgefängnis ausgebrochen, das sich während seiner Haft in eine Art Basislager verwandelt hatte, in dem er tun konnte, was ihm beliebte, und in dem er vor allem sein Kartell weiterhin befehligen konnte. Mexiko hatte sich mehr als einmal als zu "leicht" für ihn erwiesen.

Die Auslieferung in die USA ist das, was die mexikanischen Drogenhändler mehr fürchten als den Tod ("Lieber ein Grab in Kolumbien als eine Zelle in den Staaten", sagte einst Pablo Escobar). Ungeachtet dessen, dass die Mexikaner damals zögerten, El Chapo auszuliefern, weil sie der Welt beweisen wollten, dass sie als freie Demokratie selbst mit den Problemen fertigwürden, betonte ich, dass eine Nicht-Auslieferung gefährlich sei, da die mexikanische Regierung nicht für seine sichere Verwahrung garantieren könne. Eine Behauptung, die sich schon ein gutes Jahr später, als El Chapo erneut aus dem Gefängnis ausbrach, als zutreffend erwies. Das war nicht schwer vorherzusehen, alle wussten es, aber, wie so oft in solch offensichtlichen Fällen, schwiegen die meisten.

Die neuen Bosse wollen Geschichten über sich verbreiten

Es gibt Leute, die sagen, meine Bemerkungen hätten den Boss neugierig gemacht. Ich bekomme aus Mexiko Informationen unterschiedlichster Sorte: Manche meinen, El Chapo sei besorgt wegen der TV-Serie Zero Zero Zero, an der ich gerade schreibe, und er möchte meine Arbeiten genauer kennenlernen; andere sagen, sein Anwalt habe ihn darauf hingewiesen, dass mein Buch hinsichtlich seiner Auslieferung eine Gefahr bedeute. Wieder andere behaupten, sein Sohn habe ihm das Buch gegeben, nachdem er mein Interview im amerikanischen Fernsehsender CNN gesehen hätte. Als ich kürzlich in den USA war, hat man mich gleich gefragt, ob es stimme, dass jenes Exemplar meines Buches mit meiner Unterschrift versehen und ihm gewidmet sei.

Die Mafia-Chefs fürchten die Weltöffentlichkeit

Ich hatte weder eine Ahnung davon, dass meine Unterschrift darin steht, noch habe ich jemals eine Widmung für El Chapo verfasst, Gott bewahre. Ein chilenischer Journalist fragte mich, ob El Chapo wirklich eine der Quellen für mein Buch gewesen sei. Kurz, zurzeit stellt alle Welt fantasievolle Hypothesen auf, manche davon sind absurd, andere etwas wahrscheinlicher. Aber ich habe, allen Ernstes, keine Ahnung. Wie alle Narcos liebt El Chapo die lokale Aufmerksamkeit und fürchtet die internationale. Denn die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit kann ihm ernsthaft schaden, bis hin zur Auslieferung, die ein Narco mehr fürchtet als alles andere. Deshalb will er wissen, was über ihn und sein Kartell gesagt wird.

Zugleich gilt, dass es nichts Besonderes ist, wenn ein Mafiaboss Bücher liest. Im Bunker des ’Ndrangheta-Bosses Pasquale Condello fand man den Roman Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez sowie ein Buch von Italo Calvino, beim Camorrista Sandokan wiederum einige Dutzend Abhandlungen über Napoleon. Der Boss Pietro Aglieri las nur theologische Werke, vorzugsweise vom heiligen Augustinus. Der Journalist Gió Marazzo, ein Experte für das organisierte Verbrechen, erzählte, der Mafiaboss Raffaele Cutolo habe in seiner Zelle Thomas Hobbes, Platons Staat und Mein Kampf herumliegen gehabt.

Oder sollte Eitelkeit das wahre Motiv sein? Wenn dem so ist, müsste El Chapo sehr viel Zeit mit Lesen verbringen, denn sehr viele haben über ihn geschrieben. Ich glaube, die Bosse bringen deshalb so viel Zeit und Mühe für die Lektüre auf, weil ihnen das in der unvermeidlichen Isolation ihrer Verstecke dabei hilft, einen besseren Blick für ihre eigene Lage zu gewinnen. Auch wenn es absurd klingt, so meine ich, dass die Texte über die Mafia ihnen sogar mehr bringen als die bloße Information darüber, was über sie geredet wird.

Chapo weiß, dass sich sein Leben in einen großen Film verwandeln kann

El Chapo ist dabei, die Strategie, mit der die Bosse sich selber darstellen, zu verändern. In einem Interview in der amerikanischen Zeitschrift Rolling Stone brüstet er sich nicht nur damit, ein Drogenboss zu sein, sondern prahlt sogar, der größte von allen zu sein: "Ich habe mehr Heroin, Amphetamin, Kokain und Marihuana geliefert als irgendjemand sonst auf der Welt. Meine Flotte setzt sich aus Unterseebooten, Flugzeugen, Lastwagen und Schiffen zusammen." Er schildert sogar, wie er seine Narco-Dollar wäscht, ein von Mafiabossen üblicherweise gehütetes Geheimnis.

Der amerikanische Schauspieler Sean Penn, der den flüchtigen El Chapo interviewt hat, erzählt, John Gotti, der verstorbene Boss der Gambino-Familie von New York, habe von sich stets gesagt, er sei ein einfacher Geschäftsmann. Wir könnten noch andere Mafiosi zitieren (etwa Pablo Escobar oder Semion Mogilevitsch, Boss der russischen Mafia), die behaupteten, ihren Lebensunterhalt mit Blumenhandel oder Getreideexport zu verdienen. El Chapo dagegen brüstet sich mit seinen kriminellen Fähigkeiten. Und er tut das, weil er weiß, dass sein Leben sich in einen großen Film verwandeln könnte. Er weiß, die Leute werden angerührt sein von der Epoche eines Mannes, der mehrfach gefangen genommen wurde und wieder ausgebrochen ist. Die neuen Bosse wollen Geschichten über sich verbreiten und benötigen darum immer mehr Informationen über das, was man sich über sie erzählt.

Der größte Fehler, den man machen kann, wenn man über die Bosse berichtet, ist, sie als simple Kampfmaschinen zu beschreiben; oder sie anhand der folkloristischen Details zu beurteilen, die über sie in Umlauf sind. Zu meinen, sie wüssten die Welt nicht einzuschätzen oder sie würden sich nicht laufend informieren über die Analysen, die über ihr "Business" erstellt werden, bedeutet, sie zu unterschätzen.

Nein, es erschreckt mich nicht, vom Chapo gelesen und durchschaut zu werden. Das ist übrigens oft die zweite Frage, die man mir stellt, gleich nach der Frage: "Warum gerade dein Buch?" Es hat mich ja auch nicht erschreckt, zu erfahren, dass man im Versteck des Bosses Michele Zagaria das Buch Gomorrha gefunden hat. Wenn man in einem Buch einen Mechanismus aufklärt und darstellt, so dient das auch jenem, der von diesem Mechanismus beherrscht ist. Er wird versuchen, sich nicht auseinandernehmen zu lassen. Wir können nichts anderes tun, als uns um diese Geschichten zu kümmern, damit sie nicht verloren gehen in den lateinamerikanischen Wäldern – umso mehr, wenn wir hören, was El Chapo erzählt, dass er nämlich drei seiner Ingenieure ausgerechnet nach Deutschland entsandt habe, damit sie sich dort kundig machten, wie man den Tunnel baue, durch den er sodann aus dem Gefängnis geflohen ist. Solche Geschichten gehören mehr zu uns, als wir uns träumen lassen.

Aus dem Italienischen von Sabina Kienlechner

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