Oliver Bierhoff ist pünktlich, er kommt allein und wählt einen Tisch an der Fensterfront der Stube. Der Gasthof liegt auf einem kleinen Hügel. Bereits am Vormittag ist das Lokal gut besucht. Bierhoff ist oft hier, das merkt man daran, dass die Gäste ihn nach der Begrüßung in Ruhe lassen.

Bierhoff wurde mit der Nationalmannschaft 2014 Weltmeister, seitdem widmet er sich mit ganzer Kraft einem Projekt, das größer werden soll als alles, was er als Manager bisher erreicht hat: Er plant und baut die DFB-Akademie.

"Das, was da entstehen soll", sagt Oliver Bierhoff, "ist nicht nur ein Gebäude, in das wir umziehen werden." Leistungszentrum oder Akademie klingt fast zu sperrig, zu kühl, um das auszudrücken, was Bierhoff plant: "Es geht darum, wie wir uns inhaltlich aufstellen, es geht um den neuen DFB."

Der größte Sportverband der Welt, der stets versuchte, jede Innovation zu blockieren, will sich neu erfinden. Und Bierhoff sorgt für den Schub beim krisengeplagten DFB, der seit dem Rücktritt Wolfgang Niersbachs im November ohne einen Präsidenten auskommen muss. Die Vakanz macht das Dilemma deutlich: Es ist an der Verbandsspitze niemand da, der für die Zukunft steht.

Eigentlich könnte das Rainer Koch sein. Koch ist Übergangspräsident, der Mann, den man seit Niersbachs Rücktritt mit braunem Schnurrbart und zum Seitenscheitel gelegtem Haar in den Nachrichten beobachten kann. Koch gehört zu denjenigen, die von Fußball-Insidern als "Landesfürsten" bezeichnet werden. Er vertritt den mächtigen Landesverband Bayern und arbeitet als Richter am Oberlandesgericht in München – halbtags, mehr vertrage sich nicht mit seinem Job als Funktionär.

In einer Radiosendung wird er gefragt: War die Fußball-WM 2006 gekauft? Und werden die für die Korruption Verantwortlichen nun endlich zur Rechenschaft gezogen? "Ich stehe dafür", antwortet Koch, "dass der Fußball in Deutschland wieder so aufgestellt wird, dass er kritischer Betrachtung standhält. Und ich stehe für Transparenz." Es werde möglicherweise mehr Kontrollen geben. Er sei es schließlich gewohnt, mit Konflikten umzugehen, "ich gestalte gerne und versuche gerne zusammenzuführen". Ob er sich vorstellen könne, den DFB auch langfristig als Präsident in eine bessere Zukunft zu führen? Um Gottes willen! Die Zukunft überlässt er lieber anderen. "Nein", sagt Koch, das verbiete ihm seine Heimatverbundenheit, sein Herz schlage für die vielen Tausend bayerischen Amateure, "denen ich so gerne eine Stimme gebe".

Die Idee existiert bereits seit 2007 – Oliver Bierhoff hat sich an Weitblick gewöhnt

Oliver Bierhoff will auch nicht. "Mit dem Präsidentenamt befasse ich mich nicht", sagt er. Seine Vision, das wird an diesem Vormittag schnell klar, ist größer als ein Amt. Seit Beginn des DFB-Skandals wird er immer wieder als möglicher Nachfolger Niersbachs genannt, obwohl sich die Vertreter der Landesverbände bereits im November einstimmig auf den niedersächsischen CDU-Bundestagsabgeordneten und DFB-Schatzmeister Reinhard Grindel als Kandidaten festgelegt haben. "Mit Reinhard Grindel haben wir einen sehr guten Kandidaten", sagt Bierhoff. Einer der größten Befürworter Grindels ist Rainer Koch.

Bierhoff schaut aus dem Fenster, blickt über die Terrasse und die Felder hinweg bis auf die Berge. Bierhoff ist Weitblick gewöhnt. Schon als Kapitän der deutschen Nationalmannschaft soll er die wichtigsten Sponsoren manchmal direkt angeschrieben haben, um seine Ideen vorzutragen. "Die Idee für die Akademie existiert bei mir bereits seit 2007." Da war er schon Manager der Nationalelf. Der DFB könne nur langfristig zukunftsfähig sein, erklärte Bierhoff damals, wenn der Verband seine Kompetenzen an der Spitze bündele. Sieh an, mögen die DFB-Granden gedacht haben, der Manager will mehr Macht.

Acht Jahre später werden die Kompetenzen nun also unter der Aufsicht Bierhoffs gebündelt. Rund hundert Millionen Euro kostet die Zukunft des DFB. Die Gebäude sollen auf dem Gelände der Galopprennbahn im Frankfurter Stadtteil Niederrad entstehen. Die Finanzierung trägt der DFB mit "überschaubaren" Zuschüssen von Uefa und Fifa, wie es in Frankfurt heißt. Die Bauarbeiten beginnen in einem Jahr, Ende 2018 sollen sie fertig sein.

Der DFB bekomme "keinen Palast", es werde keine hohen Mauern, keinen Stacheldraht geben, sagt Bierhoff. "Wir werden uns nicht verschließen." 75 Prozent des Areals blieben grün. Auf der restlichen Fläche entstehen Sportplätze, Büro- und Funktionsräume und Übernachtungsmöglichkeiten.