Es gibt Witze, die ganz ähnlich funktionieren wie dieses Stück: Ein Jude, ein Muslim und ein Christ sitzen in einem Fesselballon. Da sagt der Jude ...

Oder: Ein Schwarzer, ein Weißer und ein Araber sitzen auf einem Rettungsfloß. Sagt der Schwarze ...

Meistens sind es ethnische oder religiöse Konflikte, die durch Witzfiguren zur Eskalation beziehungsweise zur Verpuffungspointe geführt werden. Wobei die Verantwortung für das Gelingen des Witzes stets bei derjenigen Figur liegt, die das letzte Wort hat.

In der deutschen Theaterlandschaft ist jetzt ein Stück aus Amerika aufgetaucht, Geächtet, welches auf dem Fundament dieses Witzschemas eine beachtliche Komplexität entfaltet. Ein Amerikaner mit pakistanischen Wurzeln, eine Afroamerikanerin, eine weiße protestantische Amerikanerin und ein jüdischer Amerikaner sitzen, nein, nicht in einem Fesselballon, aber doch relativ weit oben. In einer Höhe nämlich, in der sich nicht alle vier werden halten können, sie befinden sich in einem teuren Apartment in Manhattans Upper East Side. Ihre Gespräche drehen sich, oberflächlich betrachtet, ums Geld, eigentlich aber um Gesichtswahrung oder, wie Soziologen sagen würden: um Anerkennung. Am Ende, neunzig Minuten später, wird der Pakistaner Amir abgestürzt sein, er wird seine weiße protestantische Frau und seinen Anwaltsjob verloren haben – die Frau an den Juden, den Job an die Afroamerikanerin.

Am Hamburger Schauspielhaus fand jetzt die deutsche Erstaufführung von Geächtet im Bühnensetting einer Boulevardkomödie statt, man sieht Figuren, die ihr persönliches biografisches Unglückspäckchen wie einen kleinen, eleganten Sprengstoffgürtel auf Taille tragen – jederzeit zur Selbstentzündung bereit. Es ist eine souveräne, nicht glanzvolle Inszenierung, aus der ein Spieler, Samuel Weiss als der Jude Isaac, herausragt, der sich in seinem Sprengstoffgürtel genießerisch räkelt. Zahlreiche Bühnen (etwa in Berlin, München, Ingolstadt) werden Geächtet nachspielen.

Im Stück warnt Amir, der Mann mit dem muslimischen Familienhintergrund, seine christlichen, jüdischen beziehungsweise großstädtisch agnostischen Freunde vor der Rabiatheit der Muslime, vor der Religion, der er entronnen ist: Denn, sagt Amir, diese Leute schlagen ihre Frauen. Am Ende schlägt Amir seine eigene Frau. Nehmt euch in Acht vor dem Islam, sagt Amir, denn die Muslime seien zum Überleben in der Wüste erzogen – und später bekennt er, dass ihm die Anschläge auf die Twin Towers Genugtuung bereitet hätten. Der Witz, den Amir am Ende blindwütig verkörpert und zur Entladung bringt, besteht darin, dass er selbst, momentweise, derjenige ist, vor dem er selbst seine Freunde immer gewarnt hat. Schon zuvor, in der kurzen Plänkel-Phase des Stücks, hat er, im Halbspaß, gesagt: "Der nächste Anschlag wird vermutlich von einem verübt, der so aussieht wie ich." Zuletzt hält man für möglich, dass er es selbst sein könnte, der ihn verübt. Er ist amerikanischer Bürger, aber er ist auch ein klammheimlicher, von Gewalt träumender Dschihadist – ein freier Mann und doch das Opfer seiner Herkunft. Wer weiß, welche Kräfte die Demütigungen dieses Tages oder die Glückserlebnisse des kommenden Tages in ihm wecken werden.

Geächtet stammt von dem amerikanischen Dramatiker Ayad Akhtar, der selbst pakistanische Wurzeln hat. Das Stück kam 2012 heraus und brachte seinem Autor den Pulitzer-Preis, und nun wird es in Deutschland als "Stück der Stunde" gehandelt. Es fallen darin Sätze, die wie für die ganz große Domplatte, Deutschland nach der Kölner Silvesternacht, geschrieben sind, etwa der Satz, dass "alle" Muslime "alle" weißen Frauen für Huren hielten, und die Brisanz des Satzes liegt darin, dass Amir ihn selbst sagt. Im Grunde wissen nämlich alle, welche Vorurteile sie im jeweils anderen wecken – und machen sie sich, aus Selbstironie, mangelnder Selbstachtung, vertrackter Höflichkeit, zu eigen. Man will ja geliebt werden. Das geht nicht lange gut. Geächtet ist ein Stück, das mit Brandbeschleuniger geschrieben wurde. Die von uralten Konflikten gerittenen Figuren streben ohne retardierenden Schnickschnack wohlgemut der Eskalation entgegen, als würden sie endlich erlöst.

Es sind Feinde von gestern, potenzielle Feinde von morgen, die hier einen Waffenstillstand, einen Moment des Gleichgewichts, genießen und ihn dann ruinieren. Weil die Verhältnisse mehr nicht zulassen? Oder weil die Figuren selbst es sind, die den Frieden nicht ertragen?

Man sieht dieses Schauspiel, und es fällt einem der wunderbare deutsche Trickfilm Balance ein, in dem fünf Männer auf einer Bühne stehen, die in großer Höhe über einem Abgrund schwebt. Die Bühne von Balance ist nur dann im Gleichgewicht, wenn alle zusammenarbeiten, aufeinander achten und wach bleiben. Sobald einer Mist macht und sich falsch bewegt, kippt die Bühne und alle stürzen ab. Im Grunde lernt man genau dies aus Geächtet: dass es beim Halten der Balance – oder sagen wir: des Friedens – keine Unbeteiligten gibt.