Ein beliebtes rhetorisches Mittel sowjetischer Politiker war der "Whataboutism". Wer Menschenrechtsverletzungen ankreidete, erntete sofort Kommentare über eigene Verfehlungen: "The Gulag? What about Vietnam?" Derartige Argumentationsmuster haben heute wieder Konjunktur. Wer russische Politiker auf die Krim anspricht, dem wird erwidert: "What about Guantánamo?" Das Störmanöver funktioniert: Statt sich mit dem spezifischen Vorwurf auseinanderzusetzen, wird der Fragesteller disqualifiziert und der Missstand relativiert. Die Debatte ist zu Ende, bevor sie begonnen hat.

Eine derartige Guerilla-Kommunikation ist auch jetzt so häufig zu hören, dass man daran verzweifeln könnte. Ein Standardargument, mit dem man dem Kölner Ereignis begegnete, lautete nämlich: Gut, es gab Gewalt von Arabern und Muslimen gegen Frauen – but what about the Oktoberfest? What about Karneval? Der Whataboutism verschob die Migrationsprobleme ins weite Reich sexualisierter Männergewalt, mit der man sowohl in Timbuktu oder in Nordkorea als auch in Köln allzeit zu rechnen habe.

Heute fordern Linke eine robuste Polizei, Rechte betreiben Ursachenforschung

Alice Schwarzer hat vor wenigen Tagen daran erinnert, wie Feministinnen in den sechziger Jahren in den Debatten um Haupt- und Nebenwiderspruch zerrieben wurden. Der Geschlechterkampf galt als Nebenschauplatz. Wäre einmal das Hauptproblem gelöst, der Kapitalismus, wäre auch die Frauenunterdrückung vom Tisch: "Von Klassen redet heute niemand mehr. Trotzdem haben wir heute bei den Grünen, in der linken Szene und in einer gewissen Internetszene eine ähnlich groteske Situation in der Feminismus-Debatte: Jetzt gilt der Rassismus als Hauptwiderspruch", sagte Alice Schwarzer in der Welt.

Es war folgenreich, dass seit den siebziger Jahren an den Universitäten des Westens zwar über Geschlecht, Macht und Rasse debattiert wird, nicht aber über handfeste soziale Fragen. Der postmoderne französische Philosoph Michel Foucault feierte folgerichtig einst die iranische Revolution – als religiös-politischen Kampf gegen die Monstrosität des westlichen Staates und seine filigranen Machtstrukturen. Damit war die Ursünde begangen, denn aus Sorge vor Rassismus erscheint vielen auch heute die Toleranz gegenüber dem Vormodernen und Religiösen dringlicher als die Verteidigung des säkularen Staates und seiner Errungenschaften wie Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit. Dabei treibt den so verhassten deutschen Kleinbürger womöglich keineswegs immer Fremdenfeindlichkeit um, wie notorisch vermutet wird, sondern die konkrete Frage, ob ihm im Niedriglohnsektor neuer Wettbewerb erwächst. Ob seine Miete teurer wird. Ob er aus seinem Stadtteil verdrängt wird. Wurden diese naheliegenden Fragen in irgendeiner Talkshow der vergangenen Tage auch nur gestreift?

Seit je hat man den Rechten vorgeworfen, nur die Symptome zu bekämpfen (Polizei!), und den Linken unterstellt, sie suchten manisch nach den Ursachen von Problemen (die Kindheit des Täters!). Heute beklagen ausgerechnet linke Politiker eine schwachbrüstige Polizei. Und wenn sich jemand mit den kulturellen und sozialen Hintergründen der Täter beschäftigt, dann häufig Politiker aus dem konservativen Lager, die vor einer Islamisierung des Landes warnen. Als kleinster gemeinsamer Nenner erweist sich parteiübergreifend die Verschärfung von Abschiebe- oder Vergewaltigungsparagrafen. Ein klassischer Nebenwiderspruch.

What about the Oktoberfest? Keine Frage, der Westen hat eine lange Tradition des Patriarchats. Noch in den sechziger Jahren war es ein Drama, als unverheiratete junge Frau allein auszugehen, erst recht im Minirock und geschminkt. Sex war ein Drama, auch für ledige Männer, weil er sich im Halbseidenen, in Puffs und auf Autorückbänken, vollzog. Das autoritäre Klima der frühen Bundesrepublik wurde zu Recht ausgiebig beklagt. Wenn es überwunden wurde, dann nicht, weil man ausgesucht tolerant gegenüber der Rückständigkeit der Provinz, gegenüber den Kirchen und ihren Wertvorstellungen gewesen wäre.

Heute müssen wir über die konkreten sozialen und kulturellen Hintergründe der Täter sprechen. Nicht wenige sind illegal im Land und befinden sich damit am untersten Ende der Einwandererhierarchie. Macht wird daher durch die Demonstration körperlicher Überlegenheit und gewalttätiger Virilität erworben – womit die Übergriffe nicht gerechtfertigt, aber zum Teil erklärt werden können. Über das Oktoberfest können wir ja ein andermal sprechen.

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