Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

Das Schicksal des Tessins ist eng mit dem Gotthard verbunden. Es begann im Jahr 1882 mit dem Bahntunnel. Endlich war der Kanton besser an die restliche Schweiz angebunden. Nach 400 Jahren als Vogtei-Untertanen fehlte es den Tessinern zwar an Unternehmungsgeist, doch Hoteliers aus der Deutschschweiz sprangen in die Bresche: Sie entwickelten unsere Tourismusindustrie. Vielen Dank dafür! Auch die "Lokiführer" und Bahnangestellten, die sich im Tessin niederließen, leisteten einen wichtigen Beitrag zugunsten unserer Gemeinschaft. 1980 folgte dann der Straßentunnel.

Wegen einer Tunnelsanierung dürfen unser Kanton und seine Wirtschaft nicht vom Rest der Schweiz abgeschnitten werden. Hinzu kommt: Im Gotthard herrscht Gegenverkehr, was immer wieder zu Unfällen mit Toten und Verletzten führt. Auch deshalb braucht es dringend eine zweite Röhre. Geizige Buchhalterköpfe wollen dies verhindern und vergleichen die Unfallzahlen mit jenen auf anderen Straßenabschnitten. Das beunruhigt mich: Todesfälle zu verhindern ist ein Muss und darf nicht von statistischen Wahrscheinlichkeiten abhängen.

Tunnelgegner gibt es auch unter den Tessinern. Die einen sind Nostalgiker, die den alten Zeiten nachtrauern, als beileibe nicht alles besser war. Die anderen sind die Technophobiker: Sie messen die Zukunft mit den Maßstäben der Vergangenheit. Sie glauben nicht an den Fortschritt, ja sie verachten ihn. Die nächsten Autos, die wir benutzen – nicht kaufen –, werden von Google hergestellt. Aber auch elektrische Autos, autonom fahrende Pkw oder Carsharing-Benutzer fahren auf Straßen und durch Tunnel. Und wenn im Jahr 2050 neun Millionen Menschen in der Schweiz leben, braucht es eine bessere Infrastruktur.

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 04 vom 21.01.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Die ärgerlichsten Verkehrsprobleme im Tessin haben allerdings nichts mit dem Gotthard zu tun. In gewissen Stunden wagt man sich in Lugano gar nicht mehr mit dem Auto in die Stadt, es herrscht Dauerstau; schlimmer ist die Situation nur noch in Zürich. Aber die Politik hat das Thema jahrzehntelang vernachlässigt. Sie wollte zum Beispiel nicht wahrhaben, dass die täglich 65.000 Grenzgänger die Straßen verstopfen. Hier wären kreative Lösungen gefordert. Nein, ich plädiere nicht für einen Kampf Straße gegen Bahn – oder umgekehrt. Jedem soll es freistehen, jenes Verkehrsmittel zu nutzen, das für seine Bedürfnisse das beste ist. Ohne dass ihn der Staat dazu drängt. Ich setze mich ein für die bestmögliche Anbindung des Tessins an die Schweiz und die Welt; dazu gehört auch der Flughafen Lugano-Agno.

Dabei geht es für mich als Tessiner nicht nur um wirtschaftliche, sondern auch um emotionelle und kulturelle Argumente. Ich bin Schweizer und gehöre einer kleinen Minderheit an, die eine andere Muttersprache hat und in der Peripherie lebt. Wir grenzen an eine große europäische Nation, mit der uns zwar eine gemeinsame Sprache verbindet – aber sonst nicht allzu viel. Uns Tessiner trennt von Rom, von seiner Politik, seiner Verwaltung und seiner Zivilgesellschaft viel mehr, als der gemeine Deutschschweizer annimmt.

Der Gotthard-Tunnel ist für mich deshalb mehr als nur ein Loch. Er festigt unser Zugehörigkeitsgefühl zur Eidgenossenschaft. Wer das nicht versteht, begeht einen großen Fehler.

Nächste Woche in unserer Kolumne Nord-Süd-Achse: Die Basler SP-Ständerätin Anita Fetz