Am 13. März 2015, einem kühlen Freitag, klingelt um kurz nach halb eins in einem Büro im LKA Hannover das Telefon. Am Apparat ist ein Kollege aus Bayern. "Wir haben einen Treffer", sagt er. Am Morgen hat die Bundespolizei Rosenheim einen Fernbus im bayerischen Kiefersfelden kontrolliert und einen Somalier mit zur Wache genommen, weil er gefälschte italienische Papiere bei sich hatte. Die Fingerabdrücke des Mannes haben die Beamten mit einer bundesweiten Datenbank abgeglichen. Die Abdrücke sind schon bekannt. Sie wurden Ende 2010 auf der Marguerite sichergestellt. "Sollen wir ihn jetzt dabehalten oder nicht?", fragt der Kollege aus München. "Dabehalten", sagt der niedersächsische Polizist.

Zu dritt fahren die Ermittler nach Bayern. Auf dem Weg schauen sie noch einmal in ihre Unterlagen: Von keinem Menschen an Bord gab es so viele Fingerabdrücke wie von dem Mann, den die Bundespolizei festgenommen hat. Unter anderem wurden sie auf etlichen Listen aus der Buchhaltung der Piraten gefunden, auf Aufzeichnungen, die über fast den gesamten Zeitraum der Entführung gemacht wurden.

Als die Beamten Ahmed zum ersten Mal sehen, ahnen sie schon, dass Buudi Gaab vor ihnen steht. Kaum 1,60 Meter groß, schmal, jung wirkend – genau so haben der Kapitän Makane, der Auszubildende Varghese und die anderen Zeugen ihren Folterer nach der Befreiung beschrieben. Die Beamten bringen Ahmed nach Osnabrück, wo er dem Haftrichter vorgeführt wird. Dann fahren sie ihn ins Oldenburger Gefängnis, wo schon Salaax einsitzt. Im Auto, so werden die Ermittler es später schildern, murmelt Ahmed, er habe großen Mist gebaut, damals sei er verrückt gewesen. Er gibt den Polizisten sein Handy. Sie finden darauf eine WhatsApp-Nachricht. Einem Bekannten in Schweden hat Ahmed geschrieben: "Hallo, ich bin’s, Buudi Gaab."

Die Polizisten lassen zwei ehemalige Besatzungsmitglieder der Marguerite als Zeugen von Indien nach Deutschland einfliegen. Auch Robin Varghese soll etwas später noch anreisen. Der Kapitän, der seit der Befreiung kein Schiff mehr betreten hat, scheint zu traumatisiert für eine weitere Aussage.

Die Beamten haben vor, Ahmed den Opfern gegenüberzustellen, doch dafür müssen strenge Regeln eingehalten werden. Sie bräuchten eine Reihe von anderen Somaliern in Ahmeds Alter, Menschen, die dem Verdächtigen ähnlich sehen. Aber die Polizisten finden keinen einzigen Somalier, der zu einer Gegenüberstellung bereit ist. Die Ermittler vermuten, dass die Somalier vor ihrem Clan nicht als Verräter dastehen wollen.

Also greifen die Ermittler auf das Verfahren der "Wahllichtbild-Vorlage" zurück, das für solche Fälle vorgesehen ist. Sie zeigen den Zeugen acht Bilder von ähnlich aussehenden Männern. Auf einem der Fotos ist Ahmed zu sehen.

Die beiden angereisten Entführungsopfer seien gute Zeugen, darin sind sich die Polizisten, der Staatsanwalt und auch das Gericht einig. Die Seeleute hätten "keinerlei Belastungstendenzen", das haben sie beim Prozess gegen den Piraten Salaax bewiesen. Ihn haben sie entlastet. Er habe mit den Misshandlungen nichts zu tun gehabt. In Ahmed aber erkennen die beiden Inder ohne jeden Zweifel Buudi Gaab. Ihren Folterknecht.

Auf den italienischen Einreisepapieren ist 1991 als Ahmeds Geburtsjahr vermerkt, den Polizisten in Bayern hat er gesagt, er sei 1999 geboren worden. In Niedersachsen gibt er an, er wisse nicht, wie alt er sei. Sein Verteidiger beantragt ein Altersgutachten. Zwei Monate lang warten die Beamten ungeduldig auf das Ergebnis der Untersuchung. Sie ist wichtig, denn wie alt Ahmed ist, entscheidet auch über sein Strafmaß. Dann, endlich, kommt das Ergebnis per Post. Der Sachverständige ist zu dem Schluss gekommen, dass Ahmed zum Zeitpunkt der Untersuchung am 10. Juni 2015, fünf Jahre nach der Entführung, ein "absolutes Mindestalter" von 17,3 Jahren hatte. Das "wahrscheinlichste Lebensalter" liege bei 19 Jahren. Was das bedeutet, wissen die Ermittler sofort: Es kann sein, dass Ahmed zum Zeitpunkt der Tat erst zwölf Jahre alt war, und strafmündig ist man in Deutschland erst mit 14 Jahren. Vielleicht war Ahmed noch ein Kind. Wegen des Altersgutachtens entlässt der Haftrichter Ahmed aus der Untersuchungshaft. Die Ermittlungen werden eingestellt. Robin Varghese soll jetzt doch nicht nach Deutschland reisen.

Die Werte des Rechtsstaats erweisen sich auch im Umgang mit Kriminellen, gerade dann, wenn sie aus dem Ausland nach Deutschland geflohen sind. Ein somalischer Straftäter darf nicht anders behandelt werden als ein deutscher. Das wissen natürlich auch die Ermittler. Trotzdem sind sie frustriert. Sie halten Ahmed für älter als 17 Jahre. Und sie fragen sich, wie verlässlich das Gutachten ist.

Der Gutachter, Andreas Schmeling, stellvertretender Leiter der Münsteraner Rechtsmedizin, ist ein Profi auf seinem Gebiet. In den vergangenen Monaten wurde er oft gebeten, das Alter unbegleiteter Flüchtlinge zu schätzen. Nur Volljährige dürfen abgeschoben werden, und Schmeling wurde vorgeworfen, solche Gutachten würden dazu benutzt, möglichst viele Flüchtlinge loszuwerden. Deswegen ist er im Umgang mit Journalisten vorsichtig geworden. Fragen beantwortet er nur schriftlich.

Schmeling schreibt, jedes Altersgutachten folge dem Prinzip des Mindestalters. Man gebe immer das geringstmögliche Alter an, damit niemand als volljährig gelte, der es noch nicht sei. Kann es sein, dass ein Untersuchter erheblich älter ist als das festgestellte Mindestalter? Das sei "nicht nur möglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich", antwortet Schmeling. Das Mindestalter liege "praktisch immer unter dem tatsächlichen Alter der zu untersuchenden Person".

Das Verfahren der medizinischen Altersdiagnostik – die Untersuchung von Handknochen, Weisheitszähnen, Schlüsselbeinen und Genitalien – ist höchst umstritten, weil es auf einer statistisch dünnen Grundlage beruht. Für die Referenzstudien wurden nur wenige Jugendliche untersucht, und fast alle sind in Industrienationen aufgewachsen, als Mittelschichtskinder. Wochenlang wälzen die LKA-Beamten nun Doktorarbeiten über die Aussagekraft von Wachstumsfugen. Sie lesen wissenschaftliche Artikel über Menschen, die langsamer wachsen, weil sie früh Hunger erlitten haben, und über die beschleunigte Weisheitszahn-Mineralisation bei Afrikanern. Schmeling hält seine Gutachten trotzdem für verlässlich, da immer mehrere Merkmale untersucht würden. Bei den Weisheitszähnen greife man auch auf Studien mit afrikanischen Probanden zurück.