Bir Tawil beispielsweise, eine 2.000 Quadratmeter große Felsenwüste zwischen dem Sudan und Ägypten. Die Geschichte kennt zigfache Kriege, die um solche Grenzregionen geführt wurden. Bei Bir Tawil ist es das Gegenteil: Keiner der beiden Staaten möchte das Gebiet haben, obwohl es bewohnbar wäre. Sein exterritorialer Charakter macht diesen Ort zum Komplizen innerstädtischer Verkehrsinseln und zum fernen Verwandten der 3500 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Stadt Selenogorsk. Im Jahr 1950 zu einem einzigen Zweck, der Herstellung von Atomwaffen, errichtet und einst von nicht weniger als 90.000 Menschen bewohnt, ist Selenogorsk heute ein entleertes, hermetisch abgeriegeltes Museum des Kalten Krieges. Ein Ort, der sich in ein Gerücht verwandelt hat, nicht anders als die Stadt Mekka. Wo das alte Mekka war, schreibt Bonnett, stehen heute hochmoderne Hotelkomplexe für Millionen Pilgernde.

Den Sieg im Wettbewerb um Geisterstädte trägt indes Nordkorea davon. An der Grenze zu Südkorea und von dort aus gut sichtbar, errichtete die kommunistische Diktatur Kijong-dong, ein Städtchen aus großen Wohnblocks mit glänzend blauen Ziegeldächern. Blitzsauber, nachts erleuchtet, aber menschenleer. Denn Kijong-dong dient einzig der propagandistischen Reklame. Sein Anblick soll mit dem Feldstecher bewaffnete Südkoreaner mit Bewunderung und Neid erfüllen. Fraglich, ob das gelingt. Eine Schlagseite ins Komische hat der Fall Kijong-dong auf alle Fälle. Alastair Bonnett schreibt gelehrsam, dabei wohltuend unakademisch.

Eine leichtgewichtige Plauderei ist das Buch des Geografen aber schon deshalb nicht, weil es in nuce eine engagierte Verteidigungsschrift enthält. Bonnett bricht nicht nur eine Lanze für die Entdeckbarkeit der Welt und ihre übersehenen Orte, sondern auch für die Magie des Ortes selbst, der in der Spätmoderne vom Raum beziehungsweise vom Raumdenken verdrängt wurde. Der technische Fortschritt privilegiert zwangsläufig die Überwindung der Strecke gegenüber der Versenkung in den Ort. Wirkliches Reisen aber kann sich nur in beidem erfüllen.

Glanzstück der Herausgeberkunst

Die zweieinhalb Jahrtausende alte Geschichte der Reiseliteratur bildet – von Herodot über Humboldt bis zu Gertrude Bell, Bruce Chatwin, Julio Cortázar und David Foster Wallace – die großformatige, luxuriös illustrierte Edition Das Buch des Reisens ab. Konzipiert hat den Prachtband der Berliner Lektor Rainer Wieland. Man darf Wieland, dessen philologischen Expeditionen sich unter anderem Das Buch der Tagebücher, die Liebesbriefe berühmter Frauen und die Liebesbriefe großer Männer verdanken, getrost als Maestro jener Herausgeberkunst bezeichnen, die Popularitätsfähigkeit mit wissenschaftlicher Gültigkeit vereint. Das Buch des Reisens ist sein Glanzstück.

Man liest sich sofort fest, beispielsweise in Herodots Bestandsaufnahme ägyptischer Sitten 450 vor Christus ("Anderswo tragen die Priester der Götter langes Haar, in Ägypten schneiden sie es ... Andere Leute leben nicht mit ihrem Vieh zusammen, die Ägypter leben mit ihm unter einem Dache ... Die Geschlechtsteile lassen andere so, wie sie von Natur beschaffen sind, die Ägypter aber, und solche, die es ihnen nachmachen, beschneiden sie"), die im Ton eines überraschten, latent komischen Staunens an die Aufzählung der Merkwürdigkeiten erinnert, die Katharina von Arx in Hongkong vor die Nase kamen. Und man nimmt teil an einer Historie des Reisens, die sich gleichsam von selbst erzählt. Von Epoche zu Epoche wandelten oder wiederholten sich Anlass und Intention. Die mittelalterliche Pilgerreise ist bis heute aktuell. (Was es mit dem alten Mekka auf sich hat, lässt sich parallel bei Alastair Bonnett nachlesen). Die Forschungs- und Entdeckungsreise nahm unter der Flagge der Aufklärung in der Neuzeit Fahrt auf, die Bildungs- und Vergnügungsreise kam im 19. Jahrhundert in Mode. Am stärksten hat wohl die Handelsreise ihr Gesicht verändert. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist ein Interkontinentalflug zum Meeting in New York oder Peking ein Kinkerlitzchen im Terminkalender höherer Manager.

© Propyläen

Rainer Wielands Buch des Reisens ist enzyklopädisch im besten Sinn: eine gleichermaßen umfassende wie sinnhaft selektive Textauswahl. Allen Texten stellt der Herausgeber kurze Einführungen voran, in denen er die Biografie der Reiseautoren und den Verlauf ihrer Abenteuer skizziert. Deren Pointe liegt mit Vorliebe im unerwarteten Handicap. Nicht zufällig schließt der Band mit einer Höllenreise der modernen Art. Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace hat sie unternommen. Im März 1995 begab er sich im Auftrag der Zeitschrift Harper’s Magazine auf ein Luxuskreuzfahrtschiff. Sieben Tage und Nächte in der Karibik. Da war ganz zweifellos der richtige Mann am richtigen Ort. Ein Agoraphobiker, also ein Mensch, der Menschenansammlungen nicht erträgt, im touristischen Lemurenpulk. Von fernen Ländern und Kulturen sah Wallace null Komma nichts, da er in den Häfen, die das schwimmende Hotel ansteuerte, dieses nie verließ. Er stand auf dem Oberdeck, verfolgte den Landgang seiner Landsleute, kam um vor Scham und Widerwillen. Dies zeigt: Man kann sich in jedem Alter als Reisender vergreist vorkommen.

Katharina von Arx: "Nehmt mich bitte mit". Eine Weltreise per Anhalter; Nagel & Kimche, München 2015; 267 S., 21,90 €

Alastair Bonnett: "Die seltsamsten Orte der Welt." A. d. Engl. v. Andreas Wirthensohn; C. H. Beck, München 2015; 295 S., 19,95 €

Rainer Wieland (Hrsg.): "Das Buch des Reisens". Propyläen, München 2015; 493 S., mit zahlreichen Abb., 48,– €