In der Kantine des christlichen Jugenddorfwerks von Sangerhausen sucht eine christliche Partei nach Stühlen. Der Wahlkampf in Sachsen-Anhalt hat begonnen, und der Vorsitzende der CDU-Fraktion, André Schröder, hat zum Gespräch über Flüchtlinge und Sicherheit geladen. Dass der Saal an diesem Freitagabend so voll ist, hat sicherlich mit dem Thema zu tun, vor allem aber mit dem angekündigten Redner: Wolfgang Bosbach, den sie hier als "König der Talkshows" begrüßen. In einem Bundesland, in dem im März Landtagswahlen anstehen und die AfD nach jüngsten Umfragen bei 15 Prozent liegt, ist einer wie Bosbach ein besonders willkommener Gast: der prominenteste Kanzlerinnenkritiker aus den eigenen Reihen.

"Wenn das, was die Menschen bewegt, im Bundestag nicht stattfindet, wenden sie sich von den etablierten Parteien ab", eröffnet Bosbach das Gespräch. Im Publikum sitzen hauptsächlich Männer, ergraute Schnurrbärte, beige Sakkos. Die meisten sind CDU-Mitglieder, geeint in dem Gefühl, dass die Flüchtlingspolitik ihrer Partei außer Kontrolle geraten ist. Also das ideale Setting für Bosbach, der gerne im Gestus des Klartext-Sprechers daherkommt.

Doch Bosbach erzählt von einem Deutschland, das immer ein Einwanderungsland gewesen sei, von Hugenotten in Brandenburg und Polen im Ruhrgebiet. Als er dann sagt, das deutsche Asylrecht kenne keine Obergrenze, wird es einem Mann aus dem Publikum zu viel: Warum eigentlich nicht?, ruft er verärgert. Bosbach stutzt.

Dann erklärt er, ruhig im Ton und klar in der Sache, dass das deutsche Asylrecht, anders als fast überall auf der Welt, eben ein individuelles Asylrecht sei. Und dass sich die Väter des Grundgesetzes dabei schon etwas gedacht hätten. Bosbach, Versteher der Besorgten, wird in der Konfrontation mit dem Wähler zum Verteidiger der Kanzlerin. Das zeigt, wie durcheinander die Lage in der CDU ist.

Das Publikum aber lässt nicht locker. "Wenn ich mir heute Deutschland in zehn Jahren vorstelle, wie mein Umfeld aussehen wird, wie meine Enkel aufwachsen werden", sagt ein älterer Herr in braunem Hemd, "dann ist das immer mit Angst verbunden." Gemurmel hebt an, Köpfe nicken zustimmend. Ein anderer erzählt von der Bürgerwehr, die es neuerdings in seiner Stadt gebe. "Die Entwicklung hat viele beunruhigt, ich mache mir Sorgen um meine Kinder und meine Frau."

Statt Klartext bevorzugt Bosbach hier in Sangerhausen das Ungefähre. Einer Diskussion um Obergrenzen weicht er aus: "Es geht doch nicht nur um Zahlen und Kosten", sagt er. "Wir müssen uns fragen: Was hat das zur Folge für die Gesellschaft?"

Im Doppel mit André Schröder vollführt er an diesem Abend einen Balanceakt: erst die Sorgen anzusprechen, um sie dann zu entkräften. Die Erzählung von Deutschland als Einwanderungsland, das Aufzählen von konkreten Maßnahmen wie dem zweiten Asylpaket und rührende Anekdoten von Begegnungen mit Flüchtlingen – lauter positive Botschaften gegen die Angst.

Es scheint zu funktionieren. Später, nach dem offiziellen Teil, werden Bockwurst und Brötchen verspeist. Nur zwei Männer lassen nicht locker, der Abend hat sie nicht überzeugt. Zwei Unzufriedene von mehr als hundert – mit dieser Bilanz kann Schröder gut leben. Wolfgang Bosbach sitzt da schon längst im Zug.