Wer in diesen Wochen politische Talkshows anschaut, entgeht den Vertretern der AfD kaum. Politiker der Alternative für Deutschland sitzen bei Anne Will , Maybritt Illner oder hart aber fair. Was sie dort vortragen und wie sie sich benehmen, wird anschließend im ganzen Land diskutiert. Mindestens so aufmerksam werden seit Langem die Montagsdemonstrationen der AfD-Freunde von Pegida beobachtet. Über ein paar Tausend Protestierende in Dresden wurde oft mehr berichtet als über Berliner Kundgebungen mit Zehntausenden. Der AfD und ihren Unterstützern fehlt es also wahrlich nicht an öffentlicher Aufmerksamkeit. Und alles spricht dafür, dass das Interesse bis zu den Landtagswahlen am 13. März weiter zunehmen wird. Dass die AfD sich dennoch als Opfer einer vermeintlichen Lügenpresse und eines journalistischen Schweigekartells inszeniert, lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Noch mehr Aufmerksamkeit, noch mehr Fernsehrunden ändern diese Pose nicht. Die AfD fände nach jeder Begegnung neue Gründe und neue Beispiele für ihre vermeintliche Benachteiligung.

Deshalb ist es nicht nur legitim, sondern auch klug, dass Sozialdemokratinnen wie Malu Dreyer und Hannelore Kraft sowie Politiker der Grünen und der Linken beschlossen haben, nicht mit AfD-Vertretern in Wahlsendungen aufzutreten. In solchen Runden ist für sie wenig zu gewinnen. Lügen sind dort oft schwer zu enttarnen, meist spulen AfD-Vertreter einfach ihr Programm ab, unabhängig von Einwänden und Fragen. Die Absage der Talkrunden kommt wenigstens bei den eigenen Leuten gut an. Dreyer wurde gerade auf ihrem Landesparteitag in Rheinland-Pfalz für ihren AfD-Kurs bejubelt. Schließlich ist ihre Absage auch eine Ansage: Die AfD ist nicht nur ein politischer Konkurrent, sie ist ein Gegner. Die sonst üblichen Regeln, nach denen demokratisch gewählte Parteien respektvoll miteinander umgehen, gelten für sie nicht.

Diese Klarstellung ist überfällig, weil sich der Blick auf die AfD merkwürdig verändert hat. Als vor anderthalb Jahren Unionsfraktionschef Volker Kauder ankündigte, die AfD durch Nichtbeachtung zu schwächen und Talkshows mit ihren Vertretern zu meiden, kam kaum Protest. Im Gegenteil: Damals mussten sich jene rechtfertigen, die sich auf die AfD einließen, wie Mike Mohring, CDU-Fraktionschef in Thüringen.

Inzwischen liegt die AfD bei elf statt fünf Prozent. Weil außer der CSU keine politische Kraft Angela Merkel von rechts kritisiert, hat die Partei viele neue bürgerliche Fans mit einem ernst zu nehmenden Wunsch nach einer anderen, restriktiveren Flüchtlingspolitik. Das lässt nun auch einige Medien milder auf die Protestpartei blicken. Doch bloß weil das Anliegen ihrer Wähler in Ordnung ist, ist es die AfD selber noch lange nicht.

Die Partei ist seit der ersten Boykott-Ankündigung durch Kauder nicht etwa menschenfreundlicher und seriöser geworden, sondern – im Gegenteil – radikaler. Ihre Anhänger hetzen gegen Ausländer, verharmlosen Gewalt und distanzieren sich nicht genug von Rechtsextremen. Oft ist die ganze Tonlage komplett daneben. Der thüringische Spitzenmann Björn Höcke forderte gerade, Angela Merkel in einer Zwangsjacke aus dem Kanzleramt abzuführen, während Beatrix von Storch die Kanzlerin schon im chilenischen Exil sieht. Höcke schwafelte auch schon über den "lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp". Erinnerte so was nicht an den Rassenwahn der Nazis, man müsste drüber lachen. Jeder Politiker sollte das Recht haben, Leuten wie Höcke außerhalb des Parlaments aus dem Weg zu gehen.

Das sei nicht nötig, heißt es oft, schließlich würden sich AfD-Vertreter gerade im Fernsehen doch selbst demontieren. Doch genauso häufig kommt es vor, dass AfD-Vertreter das Format besonders geschickt für ihre Zwecke nutzen und erfolgreich darauf setzen, dass sich ihre falschen Behauptungen auf die Schnelle schwer widerlegen lassen. Eine Dresdner Universität verbiete ihren Mitarbeitern, bei Pegida zu demonstrieren, behauptete AfD-Chefin Frauke Petry kürzlich bei hart aber fair. Die Hochschule zog daraufhin vor Gericht, die AfD-Chefin musste sich korrigieren und sagte, sie "habe etwas durcheinandergebracht". Bild berichtete. Doch ohne den Rechtsstreit wäre Petry nicht widerlegt worden. Und vermutlich erfuhr nur ein kleiner Teil des Fernsehpublikums zuletzt von der Lüge.

Deshalb ist es in Ordnung, wenn die Wahlkämpfer tun, was im politischen Betrieb ohnehin üblich ist: die eigene Bekanntheit strategisch nutzen. Jeder Abgeordnete, jeder Minister kalkuliert, wem er mit seiner Teilnahme auf dem Podium Aufmerksamkeit verschafft. Wen Angela Merkel auszeichnen will, dem hört sie bei Parteitagen demonstrativ zu. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit bestimmt das politische Geschäft. Alle Spitzenpolitiker üben Macht aus, indem sie Scheinwerfer ein- und ausschalten. Die AfD wird trotzdem bestimmt nicht übersehen.

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