Er plakatiert seit elf Jahren. Fährt mit seinem Lieferwagen von Laternenmast zu Laternenmast, holt die Poster auf Pappe von der Ladefläche und befestigt sie mit Kabelbindern. Plakate für Theateraufführungen und Discoabende zum Beispiel, und jetzt, im Wahlkampf, für Parteien. Am 13. März wählt Baden-Württemberg seine Landesregierung. Der aktuelle Kunde des Plakatierers: die AfD. Angemacht wird er dafür öfter, Passanten nennen ihn Wichser, Hurensohn, auch Faschist. Mehr ist noch nicht passiert – bis Samstag. Da wurde auf ihn geschossen.

Der Plakatierer arbeitet bei einer Werbeagentur mit Sitz in der östlichen Peripherie von Karlsruhe. Er will nicht in der Öffentlichkeit stehen, und reden will er auch nicht. Er beantwortet Fragen nur per Mail, und das nur über einen der AfD nahestehenden Mittelsmann. Er hat Angst, noch weiter zwischen die Fronten zu geraten. Er ist kein Mitglied der AfD, er sei nur loyal gegenüber seinem Kunden. Er schreibt: "Nun wird der Wahlkampf auf dem Rücken von jemandem ausgetragen, der politisch neutral ist."

Das letzte Plakat in der Rembrandtstraße im Karlsruher Norden – "Erfolg der Energiewende: siehe Stromrechnung!" – ist gerade befestigt, als ein Vermummter am Samstagabend gegen Viertel vor neun den Plakatierer bedrängt und beschimpft haben soll. Der Plakatierer flüchtet in seinen Lieferwagen, lässt den Motor an, als der Vermummte, so wird von der Polizei vermutet, eine Schreckschusspistole zieht, sie ans Fenster der Fahrerseite hält und abdrückt. Die Scheibe zerspringt, der Plakatierer gibt das Gas, ruft ein paar Straßen weiter die Polizei. Über den Täter ist noch nichts bekannt.

Wäre nicht Januar 2016, sondern, sagen wir, Januar 2015, wäre diese Meldung aus Karlsruhe vermutlich eine Meldung für Karlsruhe geblieben: ein glimpflich ausgegangenes Gewaltdelikt, möglicherweise politisch motiviert, möglicherweise die Tat eines einzelnen Irren. Doch nach dem Brandanschlag auf das Fahrzeug der AfD-Politikerin Beatrix von Storch im Oktober 2015, nach den brennenden Autos von Pegida-Anhängern diese Woche in Dresden findet die Meldung aus Karlsruhe einen bundesweiten Echoraum.

Marc Bernhard ist der AfD-Kandidat für den Wahlkreis Karlsruhe-West, dort liegt auch die Rembrandtstraße. Bernhard wählt seine Worte zwar mit Bedacht, aber für ihn ist klar, wer zumindest mitverantwortlich ist für den Angriff auf den Plakatierer. "Mit ihrer Hetze gegen die AfD haben die etablierten Parteien ein Klima erzeugt, in dem Angriffe auf uns legitim erscheinen", sagt er in seinem Geschäftsführerbüro eines Karlsruher Technologieunternehmens.

An der Rembrandtstraße im Stadtteil Neureut, wo der Angriff geschah, guckt der grauhaarige Bernhard alle 60 Meter von einem Plakat, im Wechsel mit seinen Forderungen. Mehr direkte Demokratie, Asylchaos stoppen, null Toleranz gegen Terroristen. Nur vereinzelt sieht man CDU-Plakate, SPD, die Linke.

Die Siedlung an der Rembrandtstraße ist, wenn man so will, ein kleines Stück gelebter AfD-Traum. Zwei Kirchen, ein katholischer Kindergarten, eine Sparkasse. Eine "Seniorenstube" mit Gymnastikgruppe und Akkordeon-Orchester und ein Polizeiposten mit Dienstzeiten von Montag bis Freitag.

Die AfD in der Märtyrerrolle, das funktioniert für Bernhard. Er weiß sehr wohl, dass ihm der Angriff politisch nützt. "Bürger solidarisieren sich mit uns, ich bekomme viele Mails von Leuten, die keine Mitglieder sind, sich aber jetzt engagieren wollen." Bernhard glaubt, 12 bis 15 Prozent für ihn seien realistisch.