Auch so kann man Geschichte schreiben: An diesem Donnerstag präsentiert der neue Chef der Deutschen Bank in Frankfurt den höchsten Verlust seit Gründung des Instituts Ende des 19. Jahrhunderts. Im vergangenen Jahr hat Deutschlands größte Bank nach Steuern 6,7 Milliarden Euro Miese gemacht – mehr als auf dem Höhepunkt der Finanzkrise und mehr, als die meisten Branchenkenner erwartet hatten.

Es ist noch nicht so lange her, da wurden die Manager in den Zwillingstürmen dafür kritisiert, dass es ihnen nur um den Profit gehe und sie für gesellschaftliche Belange wenig übrig hätten. In diesen Tagen lautet die Frage eher, ob dort überhaupt jemals wieder Geld verdient wird. Zeitweise kostete eine Aktie der Deutschen Bank in dieser Woche weniger als 17 Euro – etwa halb so viel wie vor einem halben Jahr, als John Cryan den Chefposten von seinem gescheiterten Vorgänger Anshu Jain übernommen hatte, um dem Institut wieder zu altem Glanz zu verhelfen.

Ob das gelingt, erscheint allerdings nun fraglicher denn je – und wegen der schieren Größe der Deutschen Bank und ihrer Bedeutung für die Wirtschaft des Landes ist das immer auch eine Frage mit nationaler Bedeutung. Damit gerät ein Mann in die Schusslinie, der maßgeblich für die Personalauswahl an der Spitze der Bank verantwortlich ist: Aufsichtsratschef Paul Achleitner.

Es war Achleitner, der nach seinem Wechsel an die Spitze des Kontrollgremiums im Jahr 2012 eine rasche Aufarbeitung der zahlreichen Skandale versprach, in die das Institut verwickelt ist – und es war Achleitner, der zugesehen hat, wie die Aufklärung verschleppt wurde. Erst nachdem die Finanzaufsicht BaFin massiv Druck gemacht hatte, wurde der glücklose Jain durch Cryan ersetzt, den Achleitner zuvor in den Aufsichtsrat der Bank geholt hatte. Dabei hatte sich schon lange abgezeichnet, dass Jain den Neuanfang nicht auf den Weg bringen konnte – oder wollte. Zu sehr waren er und seine Leute in die Affären verstrickt, auch wenn Jain nie persönliches Fehlverhalten nachgewiesen werden konnte.

Um so rabiater geht John Cryan jetzt vor. Die ersten beiden Führungsebenen der Bank wurden praktisch komplett ausgetauscht. Unter dramatischen Umständen mussten Jains Vertraute wie der für den globalen Wertpapierhandel verantwortliche Colin Fan im vergangenen Jahr das Haus verlassen. Weitere Spitzenmanager sind ihm inzwischen gefolgt. Das einst von Josef Ackermann eingeführte Group Executive Committee – eine Art persönliches Küchenkabinett des Bankchefs, das im Tagesgeschäft weitgehend den Vorstand ersetzte – ist abgeschafft. Die Investmentsparte wurde aufgespalten. Und seine Angestellten ließ der neue Chef wissen, Banker verdienten seiner Ansicht nach generell "zu viel Geld".

Doch die Bank hat wertvolle Zeit verloren – und Kritiker in der Bank und unter Investoren geben daran auch Achleitner die Schuld. Der ehemalige Deutschland-Chef von Goldman Sachs und Vorstand des Versicherungsriesen Allianz ist in Politik und Wirtschaft bestens verdrahtet und gilt vor allem als Mann des Dialogs und der Moderation. Er schien die Idealbesetzung zu sein für ein Institut, das nach dem vermasselten Abgang von Josef Ackermann von Grabenkämpfen gezeichnet war und zu keiner gemeinsamen Linie fand. Ackermann hatte es versäumt, einen Nachfolger aufzubauen, und erwog zeitweilig, selbst an die Spitze des Aufsichtsrats zu wechseln. Daraus wurde nichts, und das offenbarte, dass Achleitners Stärke auch seine Schwäche ist: Er ließ die Dinge zu lange laufen. Hoffnungsträger wie Privatkundenchef Rainer Neske gaben entnervt auf, dringende strategische Entscheidungen wurden aufgeschoben. Auf dem hart umkämpften Bankenmarkt bleibt so etwas nicht ohne Folgen. Längst ist die Konkurrenz davongeeilt. Die Giganten der Wall Street – mit denen man sich in Frankfurt gerne misst – verdienen wieder prächtig, obwohl sie ebenfalls unter den "schwierigen Bedingungen" an den internationalen Finanzmärkten leiden, die die Deutsche Bank als Begründung für die schlechten Zahlen anführt. Die Investmentbank Morgan Stanley beispielsweise erzielte im vergangenen Jahr einen Gewinn von 5,7 Milliarden Dollar, die Bank of America strich 15,9 Milliarden Dollar ein, und JP Morgan erwirtschaftete sogar 24,4 Milliarden Dollar. Damit könnten sich die Amerikaner zum derzeitigen Aktienkurs praktisch die gesamte Deutsche Bank kaufen.

Besonders bitter für die erfolgsverwöhnten Deutschbanker: Selbst bei der teilverstaatlichten und deutlich kleineren Commerzbank scheint es inzwischen besser zu laufen. Der Frankfurter Erzrivale schüttet erstmals wieder eine Dividende an seine Aktionäre aus, während Cryan diese gestrichen hat.