Angela Merkel hat sich selbst in diese Zwickmühle manövriert. Ihre Lage wird sehr gut in einem Kompliment zusammengefasst, das die britische Zeitschrift Economist ihr bereits im vergangenen Herbst machte: "Sie hat kühn die europäischen Werte verteidigt", war dort zu lesen, "nahezu allein in ihrer Entschlossenheit, Flüchtlinge willkommen zu heißen." Da klingen edle Gefühle an. Bei näherem Hinsehen ist das allerdings Unsinn: Wenn die Kanzlerin "nahezu allein" diese Werte verteidigt, dann können es eben nicht europäische Werte im weitesten Sinne sein.

Merkel hat ihre eigene Meinung und die deutschen Interessen mit den Meinungen und Interessen Europas verwechselt. Sie hat die Flucht der Syrer und anderer Menschen aus den Kriegszonen des Nahen Ostens nicht verursacht, aber auf neue Höhen getrieben. Ihre Ankündigung im vergangenen Sommer, Deutschland könne 800.000 Migranten aufnehmen, hatte für die anderen Europäer den Klang eines Machtworts. Und sie brachte die süd- und osteuropäischen Nationen in eine fürchterliche Klemme. Jeder, der seine nationalen Grenzen verteidigte (und vertragsgemäß die EU-Außengrenzen verteidigte), blockierte damit plötzlich deutsche nationale Interessen.

Dieser Politikwechsel lud zur Konfrontation ein, und so kam es dann auch. In deutschen Augen allerdings ist immer irgendjemand anderes an dem Durcheinander schuld, das infolge Merkels Einladung entstanden ist: Ungarn ist inhuman. Die Österreicher leiten die Flüchtlinge zu schnell durch. Mit der neuen polnischen Regierung kann man nicht vernünftig reden. Die Griechen setzen ihre Marine nicht ein.

Wenn man nun aber kein Deutscher ist, erscheint einem das willkürlich und unfair. Sollen andere Länder etwa Deutschlands Wünsche voraussehen, ausführen und sich auch noch maßregeln lassen, wenn sie dabei Fehler machen? Die Willkür zeigt sich am deutlichsten am Umgang mit den Dublin-Regeln, nach denen sich ja bekanntlich das Erstaufnahmeland um die Asylbewerber zu kümmern hat. Deutschland hat so lange auf strikter Einhaltung von Dublin bestanden, wie es ihm nützte. Aber im Rausch der Willkommenskultur entschieden Merkel und ihre Berater, dass das System kaputt sei, und gingen eifrig daran, sich die Regeln nach ihrem Gusto zurechtzubiegen. Wie die Kanzlerin so schön sagte: "Deshalb ist es wichtig, dass wir schon sagen, deutsche Gründlichkeit ist super, aber es wird jetzt deutsche Flexibilität gebraucht." Erst hieß es: Lasst sie kommen! Doch als der Zustrom der Migranten die Erwartungen übertraf, schwenkte man wieder zurück zur harten Dublin-Linie. Diese Woche empfahlen die europäischen Innenminister gar den Ausschluss Griechenlands aus dem Schengen-Raum, bis es endlich seine "Hausaufgaben" gemacht habe.

Dies ist nicht der Ort, um den griechisch-deutschen Streit um den Euro Revue passieren zu lassen. Aber ein Land, das mit eiserner Sturheit darauf bestanden hat, dass Schuldner ihre vertraglichen Verpflichtungen zu erfüllen hätten, ist in einer schlechten Position, bei der Anwendung von Einwanderungsgesetzen "Flexibilität" einzuklagen.

Merkels Haltung gegenüber den Migranten beruht zweifellos auf ehrenwerten Grundsätzen. Das Problem mit solchen Haltungen ist, dass sie schwer zu verändern sind, wenn sie sich als falsch erwiesen haben. Die Kanzlerin ist nicht naiv, aber sie hat das Ausmaß der Schwierigkeit krass unterschätzt, Lösungen für eine komplexere Welt zu finden, die nichts mehr mit der unipolaren Wohlstandswelt der Jahrhundertwende gemein hat.

Wo es strategisch zu entscheiden gälte, was praktikabel ist, zeigt sie sich sentimental und unausgewogen. Auf der einen Seite ist sie übermäßig selbstbewusst. Kein politischer Denker würde es für klug erachten, in so kurzer Zeit mehr junge Männer aufzunehmen, als in einer ganzen Alterskohorte geboren werden. Auf der anderen Seite ist sie zu wenig selbstbewusst. Der führende Migrationsexperte in den Vereinigten Staaten, Demetrios Papademetriou, hat im vergangenen Herbst in einem Interview mit der ZEIT seine Verwunderung zu erkennen gegeben über all die vielen Europäer, die glaubten, Wanderungsmuster könnten nicht beeinflusst und Grenzen nicht verteidigt werden. "Natürlich können sie das", sagte Papademetriou. "Nahezu jedes Land auf der Erde tut es, und zwar mit Erfolg." Merkel steht natürlich nicht allein mit ihrem Defätismus. Er ist in Brüssel sehr verbreitet. Nahezu alle deutschen Parteien zeigen Sympathien für die Idee eines Integrationsvertrages, der die Aufnahme von Einwanderern an ihre Anerkennung von europäischen Werten knüpft: Frauenrechte, Respekt für Homosexuelle, Religionsfreiheit und so fort. Aber solche Angelegenheiten werden nun einmal nicht von Anwälten ausgehandelt. Sie werden manchmal durch demografische Fakten entschieden, manchmal an der Wahlurne, manchmal durch den Markt.

Europa erscheint mir in seinem derzeitigen Zustand einfach nicht stark genug, eine große Zahl von Einwanderern aufzunehmen, besonders nicht aus dem Nahen Osten mit seinen starken kulturellen und religiösen Prägungen.

Die europäischen Nationen sind natürlich frei, sich dennoch dafür zu entscheiden, aber sie haben nicht das Recht, darauf zu bestehen, dass andere Nationen dann die Kosten dieser Entscheidungen zu tragen haben.

Wenn Sie wissen wollen, wie die Nachwelt Merkels Entscheidung betrachten wird, die Migranten aus Syrien willkommen zu heißen, dann mag es helfen, sich George W. Bushs Beschluss vor Augen zu halten, dem Irak Saddam Husseins den Krieg zu erklären.

Einwanderer aufzunehmen ist ein ehrenwertes Ziel, genauso wie die Verbreitung der Demokratie. Aber wenn ein Land unilateral handelt – ganz egal wie nobel seine behaupteten Ziele sein mögen –, dann kann es sich nicht anschließend beklagen, wenn seine "Partner" nicht "ihren Teil der Last" zu tragen bereit sind. In diesem Fall sind sie nicht wirklich Partner, sondern Handlanger. Und sie empfinden das ihnen Aufgetragene dann eben nicht als ihre eigene Aufgabe. Merkel meint es gut, wie übrigens auch Bush es tat. Aber für viele außerhalb Deutschlands stellt sich ihre Entscheidung nicht als Akt der Fürsorge oder als wohlwollende politische Führung dar, sondern als deutsche Anmaßung, ja: Aggression.