Mit einem wie ihm hatte hier niemand gerechnet. War gerade noch Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga; diesen Verband der glatten Funktionäre mögen sie nicht auf St.Pauli. War davor erst Manager bei Bayer Leverkusen und dann beim 1. FC Köln; solche Leute mögen sie erst recht nicht auf St. Pauli. Wie kann man zum größten Rivalen eines Vereins wechseln, bei dem man fast zehn Jahre lang gearbeitet hat? Soll er doch gleich zum HSV gehen, meckerten einige.

Dann aber war er da.

Amtsantritt: 1. September 2015.

Und was passierte?

Unter dem Neuen wurde aus dem FC St. Pauli wieder der FC St. Pauli, wie man ihn aus alten Zeiten kennt: Laut! Unangepasst! Politisch! Links!

Der Neue heißt Andreas Rettig, und Andreas Rettig empfängt dort, wo er gerade die meiste Zeit verbringt: Millerntorstadion, Geschäftsstelle. Es ist ein Mittwochabend in der Winterpause. Rettig trägt weißes Hemd und schwarze Schuhe. Ein Rebell in feinen Klamotten. Auch daran mussten sie sich auf St. Pauli erst mal gewöhnen.

Sind Sie hier, weil Sie alle überraschen wollten, Herr Rettig?

"Das hat nichts damit zu tun, dass ich überraschen will. Ich bin 52, ich habe mir überlegt: Was willst du noch machen? Wo willst du noch hin? Und dann habe ich mich für den FC St. Pauli entschieden."

Andreas Rettig und der FC St. Pauli: Nicht nur die Fans waren irritiert, als der Präsident ihres Vereins im Sommer den Neuzugang bekannt gab. Auch bei den Konkurrenzvereinen fragten sich viele, ob das wohl zusammenpasst. Was, der Rettig geht in die Zweite Liga? Der hat doch Angebote aus der Ersten Liga!, sagten sie. Und ja, die Angebote gab es, aber wer Andreas Rettig kennt, der weiß: Der FC St. Pauli ist für ihn eine logische Wahl. Weil sie auf den ersten Blick so unlogisch wirkt.

Es war Ende der Neunziger, als Rettig die Branche zum ersten Mal überraschte. Von Leverkusen, einem Champions-League-Verein, wechselte er nach Freiburg, dort war der Etat ähnlich hoch wie das Gehalt zweier Topspieler von Bayer. Im Jahr 2002, als alle dachten, er würde nach Leverkusen zurückkehren, ging er zum ärgsten Rivalen nach Köln, damals stark abstiegsbedroht. "Da konnte ich doch viel mehr bewegen", sagt Rettig. Die nächste Station: Augsburg, als er unterschrieb, noch in der Dritten Liga. 2013, Augsburg hatte sich mittlerweile in der Ersten Bundesliga etabliert, wollte Rettig nicht zu etabliert werden und wechselte die Seiten. Er ging zur Deutschen Fußball-Liga und wurde Geschäftsführer. Als alle dachten: Da wird er bleiben, gab er seinen Abschied bekannt und ging in die Zweite Liga, zum FC St. Pauli.

Um den Verein vom Kiez war es in den letzten Jahren ein wenig ruhig geworden. Manche sorgten sich schon, selbst dieser Verein sei nun ein ordentliches, angepasstes Mustermitglied im Betrieb des Profifußballs geworden. Nichts mehr übrig aus den Chaostagen, in denen die Kabinen abgeranzt waren wie ein alter Gartenschuppen und die Geschäftsführung in zugigen Containern hauste. Es gab keine Schulden mehr. Keine Skandale mehr. Und wenig Aufmucken. Seit Andreas Rettig da ist, ist es anders. Nicht mit den Schulden und den Skandalen, damit ist es wohl erst mal vorbei. Aber das mit dem Aufmucken hat sich gewaltig verändert.

"Ich bin hier bei einem Verein der Überzeugungstäter. Das darf man auch gerne in ganz Deutschland mitbekommen", sagt Andreas Rettig.