Zurück in den Krieg, nur weil für einige Monate die Privatsphäre fehlt? Nein, das könne man aushalten, sagt Abbas. Was ihn zermürbe, sei die Trennung von seiner Familie.

Der Syrer kramt ein altes Smartphone aus seiner Tasche, er hänge an dem Teil "wie am Tropf", so übersetzt der Dolmetscher seine Worte. Jeden Tag telefoniert Abbas übers Internet fünf bis sechs Stunden mit seiner Frau, es sind Gespräche zwischen Alltag und Ausnahmezustand: Wie geht es den Jungs? Erledigen sie ihre Hausaufgaben? Wo sind Bomben gefallen? Was machen die Nachbarn? Wer ist gestorben?

Er scrollt durch die Fotos auf seinem Handy und zeigt Bilder zerstörter Straßen, die seine Frau ihm geschickt hat. Die Hoffnung, sie in Hamburg wiederzusehen, hat er aufgegeben. Bis er den Antrag auf Familiennachzug stellen kann, muss er noch einmal mindestens ein halbes Jahr warten. So lange soll seine Familie in Aleppo ausharren?

Was Abbas nicht einmal weiß: Es könnte sein, dass ihm das Recht, seine Familie nachzuholen, vorerst ganz abgesprochen wird. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat angekündigt, die Asylanträge von Syrern künftig wieder einzeln prüfen zu lassen. Zudem soll nur noch der subsidiäre Schutz erteilt werden, eine Art begrenztes Asyl auf Zeit. Die weitreichendste Folge: Der Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte könnte einem Beschluss der Regierungsfraktionen zufolge für zwei Jahre ausgesetzt werden.

Der Staat versucht, eine Ordnung herzustellen, die abhandengekommen ist. Und Männer wie Mohammed Abbas fragen sich, was ihr Leben in dieser Ordnung für einen Sinn ergibt, wenn sie von ihrer Familie getrennt sind und Angst haben, ihre Kinder nie wieder zu sehen.

Der älteste von Abbas’ vier Söhnen ist 13 Jahre alt, der jüngste drei. Er habe die Kinder auf keinen Fall mit auf die gefährliche Reise nehmen wollen, sagt er. Ganze Familien auf der Flucht gibt es inzwischen aber deutlich häufiger. Offenbar gehen immer mehr Flüchtlinge davon aus, ihre Familien nicht nachholen zu können – und riskieren deshalb mehr. Nach Zahlen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) ist der Anteil von minderjährigen Flüchtlingen bei der Ankunft in Griechenland von 16 Prozent im Juni auf 28 Prozent im November gestiegen. Auch die Zahl der Kleinkinder in den Flüchtlingsbooten ist größer geworden. Im Juni lag der Anteil laut UNHCR bei vier Prozent, bis November ist er auf elf Prozent gestiegen.

Mohammed Abbas sagt, er sei wegen seiner Kinder nach Deutschland gekommen, er habe ihnen ein besseres Leben bieten wollen. "Jetzt gehe ich wegen meiner Kinder wieder zurück, ich kann sie nicht allein lassen."

Doch so einfach ist das mit der Rückkehr nicht, es ist sogar unklar, ob Abbas es je zurück schafft. Während Iraker und Afghanen bei ihrer Ausreise von staatlichen Fördermodellen unterstützt werden, sind Syrer auf sich allein gestellt. Eine Ausreise in das vom Krieg zerstörte Land ist nicht vorgesehen, schlicht weil sie als zu gefährlich gilt. Sichere Wege in Städte wie Aleppo gibt es nicht.

Abbas wollte in die Türkei fliegen, um von dort in seine Heimat zu gelangen. Aber das werde nicht funktionieren, sagt Anne Helberg vom Flüchtlingszentrum. Syrer würden zurzeit keine Visa für die Türkei bekommen. In den Libanon zu fliegen und es von dort zu versuchen komme ebenfalls nicht infrage. Abbas müsste sich durch große Teile Syriens kämpfen und vom "Islamischen Staat" beherrschte Gebiete durchqueren.

Es bleibt also nur der Landweg, quer durch Europa und die Türkei. Ebenjene Route, über die Abbas nach Deutschland gekommen ist.

Ihm bleibe nichts anderes übrig, als das Risiko einzugehen, sagt er. "Ich bin aus Aleppo geflohen, um dem schnellen Tod zu entkommen. Aber hier sterbe ich gerade ganz langsam." Seine Tasche hat er schon gepackt.