Was kostet die Angst? – Seite 1

Oldenburg ist ein guter, vielleicht sogar der ideale Ort, dem bürgerlichen Deutschland den Puls zu fühlen. Um zu schauen, wie sich die Angst ausbreitet. Es ist eine übersichtliche Stadtgesellschaft, nicht zu groß und nicht zu klein geraten, rund 160.000 Menschen leben dort.

Mittendrin steht ein Schloss, zitronengelb, und vor ein paar Tagen liegt noch Schnee auf Dach und Stuck, als hätte jemand entschieden, alles mit Zucker zu verzieren. Ältere Damen mit Angoramützen stapfen durch den Schnee und bemühen sich, nicht auszurutschen. Väter in Funktionsjacken schieben Kinderwagen übers Kopfsteinpflaster. Ab und zu radelt jemand auf einem Hollandrad vorbei. In den nahen Gassen hat eine Polsterei geöffnet, eine Weinhandlung und ein Laden, der vegane Seifen verkauft, um die Ecke gibt es Golfschläger. Die Wohlstandsrepublik geht hier zu Fuß einkaufen.

Doch durch diese heile Welt geht ein Riss, seit es auch in Oldenburg sexuelle Übergriffe gab. Dabei ist weniger entscheidend, dass nur einer angezeigt wurde. Es geht darum, dass es geschehen ist. Der Polizei zufolge waren vier Flüchtlinge, Algerier und Marokkaner, und ein besoffener Deutscher beteiligt. Einem der Flüchtlinge lässt sich wohl nachweisen, dass er eine Frau begrapscht und sexuell belästigt hat. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft, und Oldenburg fügt sich ins aktuelle Lagebild des Bundeskriminalamts. Dem zufolge kam es in zwölf Bundesländern zu Übergriffen. Nordrhein-Westfalen meldet mehr als tausend Anzeigen in Köln, Düsseldorf und Bielefeld, Bayern 27 Fälle mit Schwerpunkten in Nürnberg und München, elf wurden in Bremen angezeigt – einer in Oldenburg.

Flüchtlinge - "Wir möchten Deutschland etwas zurückgeben" Der syrische Flüchtling Basel Esa ist immer noch entsetzt über die Ereignisse in der Silvesternacht. Gemeinsam mit anderen Syrern will er deshalb ein Zeichen gegen Sexismus setzen. Kriminellen Asylbewerbern würde er jede Unterstützung entziehen.

Seither kann man minutiös beobachten, wie die Stadt in Wallung gerät. Wie ein Rentner erst eine Bürgerwehr gründet und flucht, nun sei "Achmed mit der Samenkanone" im Land. Wie daraufhin Flüchtlinge gegen Gewalt demonstrieren und skandieren: "Wir wollen gute Nachbarn sein!" Wie die Antifa gegen die Bürgerwehr und generell gegen Ausländerfeinde marschiert. Wie die Polizei ihre Präsenz auf den Straßen massiv verstärkt und wie die Verunsicherung trotzdem weiter durch die Straßen kriecht, in die Vororte und auch bis ins Wohnzimmer von Michael Onken, 38, Mary-Ann Nawrocki, 35, und Maxime, 13.

Die drei leben in Rastede, einem Vorort von Oldenburg. Michael hat Informatik studiert und ist Softwareentwickler. Er trägt eine blaue Jeans und darüber ein graues T-Shirt. Mary-Ann, Halbbrasilianerin, schwarze Locken, arbeitet als Einzelhandelskauffrau in einem Uhrengeschäft. "Hier kennt wirklich jeder jeden", sagt Mary-Ann. "Ich dachte, ich muss mir keine Sorgen machen."

Zusammen mit Michael, mit dem sie seit drei Jahren zusammenlebt, sitzt Mary-Ann nun auf einer beigfarbenen Eckcouch im Wohnzimmer und versucht zu erklären, wie die Angst sich in ihr Leben schlich. Im September, als die vielen Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof willkommen geheißen wurden, saßen auch sie vorm Fernseher und verfolgten die Bilder. Mary-Ann dachte: "Ich bin stolz auf dieses offene, gastfreundliche Land." Zusammen mit Michael überlegte sie, wie sie selbst helfen könnten. Kurz darauf spendeten sie Kleidung und Decken.

Dann aber kam Köln, der Übergriff in Oldenburg, die Angst. "Mein erster Gedanke war: Was hättest du in der Situation dieser Frauen gemacht?", sagt Mary-Ann. Ihre intuitive Antwort: "Ich hätte mich wohl gewehrt." Dann aber schoss ihr sofort eine zweite Frage durch den Kopf. Und die lässt sie bis heute nicht los: "Was, wenn es deiner Tochter passiert?" Seither darf Maxime, die früher oft allein ins Stadtzentrum von Oldenburg fuhr und sich mit ihren Freundinnen zum Shoppen traf, nur noch in Begleitung ihrer Mutter dorthin. Ein Weilchen allein bummeln darf sie dann nur entlang der Hauptstraßen, wo genug los ist. Im Dunkeln darf sie es gar nicht. "Das ist schon doof", findet Maxime, die kurz aus ihrem Zimmer kommt und sich dazusetzt. Aber sie kann es verstehen. "Es ist ja auch gefährlich."

Gefahren zu ignorieren ist dumm

15 Prozent aller Deutschen geben in einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts forsa, die im Auftrag von ZEIT und ZEIT ONLINE entstand, an: Sie haben ihren Alltag nach Ereignissen wie in Köln und Paris verändert. Einige von ihnen sagen, dass sie allgemein vorsichtiger und misstrauischer geworden sind, andere meiden Großveranstaltungen, wieder andere haben Pfefferspray gekauft.

Mary-Ann Nawrocki hat sich sogar bei einem Freund aus dem Schützenverein erkundigt, was sie tun müsste, um einen Waffenschein zu machen. Das kam ihr dann selbst ein bisschen zu krass vor. "Aber überlegt habe ich", sagt sie. Mary-Ann und Michael scheinen fast selbst noch ein wenig überrascht, wie schnell sich ihr Alltag verändert hat. Michael sagt: "Ich war bis zu den Übergriffen, glaube ich, überoptimistisch, dass wir das mit den vielen Flüchtlingen schon gewuppt bekommen." Nun sei er nicht mehr ganz so blauäugig. Einen Plan, wann und wie die Familie ihren früheren Alltag wieder aufnimmt, gibt es nicht.

Die Zeiten, in denen Deutschland von Jahr zu Jahr zu einem immer zuversichtlicheren Land geworden war, gehen gerade zu Ende. Es waren Jahre, in denen die Angst vor Kriminalität weiter und weiter sank. Jahre, in denen die deutsche Bevölkerung durch den Zuzug vieler EU-Bürger wuchs und das Bild eines weltoffenen Landes entstand. Es waren Jahre, in denen mehr Menschen denn je einen Job bekamen, sodass es schien, als bekäme bald auch der Letzte seine Chance.

Doch jetzt diskutieren Städte wie Bornheim ein Badeverbot für Flüchtlinge, Nachtclubbesitzer in Freiburg wollen ihnen keinen Zutritt mehr gewähren, und am vergangenen Sonntag ging es in der ARD-Talkshow bei Anne Will mehr um das Wie als um das Ob neuer Grenzkontrollen und um Obergrenzen für die Zahl von Flüchtlingen, die ins Land dürfen. Aus einem zuversichtlichen Land ist fast über Nacht wieder eine verunsicherte Nation geworden.

Die Experten der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) sehen Anzeichen dafür, dass die "German Angst" zurückkehrt. Die Zahl derer, die voller Sorgen in die Zukunft blicken, ist zum Ende des vergangenen Jahres von 31 Prozent der Bevölkerung auf über die Hälfte gestiegen. Terrorgefahr, wachsende Flüchtlingszahlen, eine damit wachsende Konkurrenz um Jobs und die Gewalttaten an Silvester verschwinden nicht einfach aus den Köpfen. "Wenn das jemandem keine Angst macht, würde ich gern wissen, in was für einer Welt der lebt", sagt Navid Kermani, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels und Schriftsteller mit iranischen Wurzeln, im Nachrichtenmagazin Der Spiegel. "Fast eine Million Einwanderer in einem halben Jahr, das sind echt viele. Eine riesige Aufgabe." Mit den vielen Flüchtlingen kommen die Fragen: Bedrohen die Neuen unsere Werteordnung? Und seit Silvester: Bedrohen sie uns?

Angst - "Das ist eigentlich vielmehr für den Kopf" Beunruhigt von den Ereignissen in Köln in der Neujahrsnacht hat sich die Studentin Sandra einen Elektroschocker gekauft. Dabei zweifelt sie selber am Nutzwert der Waffe. Elektroimpulsgeräte können in Deutschland ohne Waffenschein erworben werden, sofern sie das Prüfsiegel der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt tragen.

Gefahren zu ignorieren ist dumm, denn es gibt sie, und sie haben oft soziale, politische und ökonomische Folgen. Sie falsch einzuschätzen ist aber typisch, es ist menschlich. Menschen neigen psychologischen Studien zufolge dazu, eine Gefahr zu unterschätzen, wenn sie ihr länger ausgesetzt sind und sie sich daran gewöhnt haben (Autofahren) – oder wenn sie sich ihr freiwillig aussetzen (Skifahren).

Umgekehrt überschätzen Menschen ein Risiko, das neu auftaucht und wenn unklar ist, ob es sie treffen könnte. So ein Risiko schwillt schnell an zu einer Gefahr in XXL. Psychologen kennen das, sie wissen, dass unter solchen Umständen der Urmensch in uns erwacht. Dann laufen Millionen Jahre alte Mechanismen ab, die einst das Überleben unserer Art gesichert haben. Ottfried Renn, der lange Professor für Umwelt- und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart war, hat mehrere Bücher zu dem Thema verfasst, zuletzt Das Risikoparadox. Warum wir uns vor dem Falschen fürchten. Renn sagt: "Wenn wir eine Gefahr nicht kennen, wissen wir nicht, wie wir reagieren sollen. Sollen wir uns tot stellen, kämpfen, flüchten oder uns unterwerfen? Angst ist eigentlich ein Informationsfilter, sie soll uns auf eines dieser Reaktionsmuster vorbereiten. Aber wenn wir keine Entscheidung fällen können, schafft das Stress, und das kann bis hin zu kollektiver Hysterie führen." Und zu falschen Entscheidungen.

So sind beispielsweise nach den Anschlägen vom 11. September 2001, als Terroristen zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Center steuerten, viele Menschen nicht mehr geflogen und stattdessen Auto gefahren. Dabei sterben im Straßenverkehr viel mehr Menschen als bei Flugzeugabstürzen.

Migranten sind grundsätzlich nicht krimineller als Einheimische

Aktuelle Angst vor Terror und Gewalt hat noch einen zusätzlichen Verstärker: Je mehr über ein neues, schwer kalkulierbares Risiko gesprochen und berichtet wird, umso größer kann es erscheinen, umso heftiger fallen die Reaktionen aus. Das merkt ein Unternehmer wie Kai Prase aus Frankfurt überdeutlich. Seit 21 Jahren verkauft er Pfefferspray. Seine Firma Deftec beliefert Waffenläden und Jagdgeschäfte, Gefängnisse und Polizeireviere in ganz Deutschland, und dadurch spürt Prase immer wieder Schübe von Angst und Verunsicherung: etwa als Flüchtlinge vor dem Balkankrieg flohen – und immer mehr Deutsche glaubten, sie müssten sich vor ihnen schützen. Nach dem 11. September 2001, als Misstrauen um sich griff. Nach der Osterweiterung der EU, als sich viele Bürger vor Einbrechern aus Polen und Tschechien fürchteten. Prases Geschäftsbücher erfassen diese Schübe wie ein Seismograf. Aber noch nie, sagt er, sei die Angst so heftig gewesen wie in den vergangenen Monaten. "Das ist nicht mehr normal." Im Vergleich zum Vorjahresquartal sei sein Umsatz um mehr als 700 Prozent gestiegen, und Prase ist überzeugt: "Ohne die Medien wäre die Hysterie nur halb so groß." Seit den Gewalttaten von Köln sei mehr als ein Dutzend Journalisten bei ihm gewesen: Die Hessenschau und das ZDF-mittagsmagazin haben Kamerateams geschickt, der MDR war da und der WDR. Reporter von der Welt, vom Focus, von Reuters International. So wie bei Büchern eine gute Rezension die Verkäufe fördert, so speist die Berichterstattung offenbar die Angst und erhöht die Nachfrage nach Pfefferspray weiter. Am Ende sieht man das Thema überall – und es wird auf Facebook hysterisch gelikt und geteilt.

Aber wenn es Angstbeschleuniger gibt, sollte es da nicht auch ein Gegenmittel geben? Der Ökonom Horst Entorf glaubt, er habe eines gefunden, und auch wenn es alt ist, er glaubt daran: die Rationalität der Zahlen. Seit mehr als 20 Jahren erforscht Entorf an der Universität Frankfurt, wie sich die Kriminalität in Deutschland entwickelt und was sie die Gesellschaft kostet. Und er betont erst einmal, dass Deutschland seit den neunziger Jahren – abgesehen von einigen Delikten – ein sichereres Land geworden sei. Es gebe heute weniger Diebstähle und Körperverletzungen als noch vor zehn Jahren.

Durch die Flüchtlinge, sagt Entorf, bekämen "wir keine neue Sicherheitslage". Aber es sei falsch, zu glauben, die jüngste Einwanderungswelle werde folgenlos bleiben. "Wir werden in den nächsten Jahren wegen des Flüchtlingszustroms einen Anstieg bei der Kriminalität sehen", sagt er. "Alles andere würde mich sehr überraschen."

Entorf beruft sich auf die wissenschaftliche Literatur. Deren Befund sagt seit Langem: Migranten sind grundsätzlich nicht krimineller als Einheimische, aber das gilt nur, wenn Zuwanderer die gleichen Arbeitsmarktchancen, die gleiche Bildung, die gleiche Altersstruktur haben wie die Einheimischen. Das ist bei den Flüchtlingen, die derzeit nach Deutschland kommen, keineswegs der Fall.

Beispiel Bildung: Im Jahr 2008 hatten mehr als 60 Prozent aller Gefängnisinsassen in Deutschland maximal einen Hauptschulabschluss, im Durchschnitt der Bevölkerung sind es rund 36 Prozent. Mehrere Studien legen nahe, dass ein Zusammenhang zwischen Bildung und Kriminalität besteht. Laut einer Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge hat ein Drittel der erwachsenen Flüchtlinge maximal die Grundschule besucht.

Beispiel Alter: In Deutschland ist die größte Tätergruppe die Gruppe junger Männer zwischen 18 und 25. Diese Altersgruppe ist unter den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, überrepräsentiert. "Das hat mit Migrant oder Nicht-Migrant nichts zu tun", sagt Entorf. "Würden wir den gleichen Zuwachs in der deutschen Risikogruppe sehen, würde die Kriminalität genauso steigen."

Das bedeutet: Die Kriminalität wird zunehmen. "Wenn wir nicht wollen, dass die Kriminalität steigt, sollten wir also alle unsere Bemühungen in die Integration der Flüchtlinge stecken", sagt Entorf. "Das ist sinnvoller, als das Geld in Pfefferspray anzulegen." Er erinnert an die neunziger Jahre, als Deutschland nach dem Fall der Mauer und den Balkankriegen schon einmal eine Einwanderungswelle erlebte. Auch damals stieg die Kriminalität leicht an, um dann im Verlauf der neunziger Jahre wieder zu sinken. Auch diesmal werde es eine Weile brauchen, bis die Flüchtlinge in die Mehrheitsgesellschaft integriert seien.

Viele Menschen sind für solche Abwägungen nicht mehr empfänglich. Eine wachsende Minderheit versucht, sich das Gefühl von Sicherheit zu kaufen, indem sie sich bewaffnet. Allein in Oldenburg wurden im Januar 200 sogenannte Kleine Waffenscheine beantragt, in Köln waren es in den ersten Januarwochen 1200, egal, wo man schaut, ob in Bayern oder Sachsen: Die Zahl der Anträge hat sich vervielfacht.

Tatsache ist, die Einbrüche nehmen zu

Im Südosten Oldenburgs steht Reinhard Behrens im Licht einer grellen Neonröhre, an der Brusttasche seines blauen Arbeitskittels klemmt ein Phasenprüfer. "Ich sach ma: Sicherheit ist mein Geschäft", sagt Behrens mit norddeutschem Akzent. Seit fast 20 Jahren montiert er in Oldenburg Alarmanlagen und Überwachungskameras, er verkauft Schließsysteme und Sicherheitsbeschläge, Stahltresore und Infrarotkameras. Er verkauft sich selbst verriegelnde Schlösser, Zahlenschlösser, Kastenschlösser. Behrens zieht einen silberfarbenen Alukoffer aus dem Regal und klappt ihn auf. Darin liegt, in Schaumstoff gebettet, eine digitale Alarmanlage. Behrens tippt auf einer Fernbedienung herum. "Jetzt ist sie scharf", sagt er. Die Anlage fiept ohrenbetäubend. "Tipptopp", sagt er. Und klappt den Koffer wieder zu.

Behrens hat das Zubehör, um seinen Kunden viel von ihrer Angst zu nehmen. Manchen reicht eine kleine Überwachungskamera am Gartentor, um abends ruhig zu schlafen. Andere geben mehr als 20.000 Euro für eine Alarmanlage aus. Eigentlich ist Behrens’ Werkstatt ein Einmannbetrieb. Aber immer öfter muss er jetzt nach Aushilfen suchen, die ihm bei der Montage helfen. "Hier gab’s immer nur Gelegenheitseinbrecher, aber seit einer Weile sind Banden unterwegs, richtige Profibanden", sagt er und zählt die Einbrüche der letzten Wochen auf: Bei Elektro-Kuhnt haben sie 150 iPhones geklaut. "Vier Leute, alle vermummt, und dann – zack! – mit dem Vorschlaghammer die Scheiben eingeschlagen." Im Massagestudio um die Ecke sollen sie um 12 Uhr mittags eingestiegen sein. "Am helllichten Tag!" Selbst im Altersheim werde jetzt gestohlen. Mehrmals sollen Unbekannte dort in die Zimmer eingedrungen sein, um Portemonnaies und Schmuck von den Nachttischen der alten Leute zu klauen, "wenn die alten Leute den Rollator zum Esstisch schieben; irre ist das", sagt Behrens. Gefasst wurden die Täter nicht. "Das sind Profibanden", sagt Behrens. "Vermutlich Ausländer."

Tatsache ist, die Einbrüche nehmen zu. Der Leiter der Polizeiinspektion Oldenburg und Ammerland, Eckhard Wache, hat noch keine offiziellen Zahlen fürs vergangene Jahr, schätzt den Anstieg aber auf zehn Prozent. Dass Flüchtlinge dafür verantwortlich seien, hält er für unwahrscheinlich. "Die haben ja in der Regel nicht mal ein Auto."

Sicherheitstechniker Behrens sagt, einige Kunden hätten die Neuankömmlinge trotzdem in Verdacht. "Sie sagen das ganz klar: Jetzt, wo die Flüchtlinge da sind, wollen sie sich noch mal besonders schützen."

Angst - Ein Besuch im Waffenladen Zu Beginn des Jahres 2016 sind Pfefferspray und Schreckschusspistolen gefragt wie nie. Decken sich die Deutschen mit frei verkäuflichen Waffen ein?

Diese neue Lage und die Angst davor erzeugen Kosten, die Ökonomen zu beziffern beginnen. Sie können erste Hinweise geben, wie teuer der Stimmungsumschwung ist, auch wenn die prägenden Ereignisse erst kurz zurückliegen und sich die Lage dauernd ändert. In den vergangenen Tagen war viel davon die Rede, wie sehr es die Wirtschaft belaste, wenn Deutschland und andere Länder wieder Grenzkontrollen einführten, wenn Lkw-Staus an den Grenzen wieder zum Alltag gehörten. Die höchsten Schätzungen gehen von maximal zehn Milliarden Euro aus – bei einem Bruttoinlandsprodukt von drei Billionen Euro wäre das zu verkraften.

Viel größer könnten die dauerhaften Kosten der Angst werden. Die GfK misst bereits, dass 40 Prozent der Deutschen steigende Arbeitslosigkeit befürchten, die meisten davon, weil Flüchtlinge auf den Arbeitsmarkt drängen. Wächst diese Furcht, hat es negative Auswirkungen auf den Konsum. Wer Angst hat, kauft weniger auf Raten, wer Angst hat, gibt weniger aus. Und es kann ein Zufall sein, aber erste Wirte in Oldenburg berichten von gesunkenen Umsätzen im Januar. Verglichen mit dem Januar des Vorjahres.

Hinzu kommen die Kosten für mehr Sicherheit. Das ist im Kleinen das Pfefferspray, aber eben auch die Alarmanlage von Behrens, mehr Personal bei Sicherheitsdiensten und Tausende neue Polizisten. Überall im Land wird Geld ausgegeben, um ein Niveau an gefühlter und tatsächlicher Sicherheit wiederherzustellen, das vorher viel billiger zu haben war. Der leitende Konjunkturforscher Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel sagt: "Solche Ausgaben beleben zwar die Sicherheitsbranchen, aber das Geld und die dort eingesetzten Menschen fehlen anderswo, um neues dauerhaftes Wachstum zu erzeugen. Dieses Kapital wird uns fehlen, und deshalb bremsen solche Mehrausgaben für Sicherheit letztlich unsere Volkswirtschaft."

"40 Flüchtlinge pro Woche schaffen wir"

Am vergangenen Sonntag, im Rathaus ist es still, sitzt der Oberbürgermeister von Oldenburg, Jürgen Krogmann, 52, in seinem Büro. Auf seinem Tisch liegt ein Dutzend Mappen, grün und rot, die sind am Freitag liegen geblieben. Es war zu viel los.

Krogmann ist ein langer Kerl, den eigentlich nichts so leicht aus der Ruhe bringt, verwurzelt in seiner Stadt und in der SPD. Journalist war er, Sprecher eines früheren Bürgermeisters, dann Landtagsabgeordneter, er kennt das politische Geschäft. Zugleich spielt er freitags noch immer in seinem alten Verein, SV Eintracht, Fußball in der Ü 48.

Als Bürgermeister von Oldenburg ist er außerdem in einer vergleichsweise komfortablen Lage, hat noch fünfeinhalb Jahre im Amt vor sich, die Haushaltslage sei gut, und die Oldenburger seien, wie er sagt, ein angenehmer Menschenschlag. "In anderen Rathäusern gehen kübelweise Schmähbriefe ein, hier nicht." Auch die 2.500 Flüchtlinge seien freundlich aufgenommen worden, zwischenzeitlich habe die Stadt keine Spenden mehr annehmen können.

Wenn Krogmann davon erzählt, was ihm Kopfzerbrechen macht, spricht er über das, worüber alle derzeit reden. "So groß, wie der Flüchtlingszustrom jetzt ist, kann er nicht bleiben. 40 Flüchtlinge pro Woche schaffen wir. Derzeit kommen 75, das schaffen wir irgendwann nicht mehr." Noch habe er niemanden in einer Turnhalle unterbringen müssen – geschweige denn im Zelt. Aber dieses Gefühl, dass man "eine Herausforderung erledigt, und im nächsten Moment kommt eine noch größere auf uns zu, überfordert viele." Und auf einmal bricht die Weltpolitik in sein Büro herein. Wenn nach dem nächsten EU-Gipfel im März keine Lösung absehbar sei, wenn der türkische Präsident den Europäern nicht helfe, dann ... Krogmann lässt offen, was dann.

Flüchtlinge - Ein Student kämpft gegen Vorurteile Ali Can stammt aus der Türkei, studiert in Gießen und gibt Workshops für verunsicherte Menschen, um ihre interkulturelle Kompetenz zu stärken. Dabei trifft er häufig auf Vorurteile.

Seine Gedanken kehren zum Tagesgeschäft zurück: Wo bekommt er für die nächsten Flüchtlinge ein Dach überm Kopf her? Wie stellt er ihre Gesundheitsvorsorge sicher? Und wie bekämpft er die Angst vieler Oldenburger? Die Polizei schickt derzeit doppelt so viele Beamte auf Fußstreife durch die Innenstadt, auch Polizisten in Zivil sind unterwegs. Zudem bildet die Kripo zum 1. Februar eine "Sonderkommission für Straftaten im Flüchtlingskontext", und der Oberbürgermeister sagt seit Silvester in jeder Rede, dass es "null Toleranz" gebe.

Krogmann sagt ganz nüchtern: Er rechne mit mehr Kriminalität auch durch Flüchtlinge, aber nur für eine Übergangszeit, auch wenn er jeden Bürger verstehe, den das nicht tröste, wenn er zu Schaden komme. Bundesweite Zahlen dazu gibt es noch nicht, aber die Oldenburger Polizei erhebt sie für die Stadt – und gibt sie heraus. Demzufolge sind von Oktober bis Dezember des vergangenen Jahres insgesamt rund 4.000 Straftaten begangen worden. An lediglich 124 davon waren Flüchtlinge beteiligt. Davon waren 47 Diebstähle, 24 Körperverletzungen, 7 Betrügereien, der Rest so etwas wie Hausfriedensbruch und Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz – aber nicht ein sexueller Übergriff.

Den Oberbürgermeister stimmen die geringen Zahlen optimistisch. "Wahr ist eben: Wenn die Integration gelingt, kann Oldenburg davon sehr profitieren. So wie es das nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen ist, als viele Vertriebene in die Stadt kamen und blieben." Man dürfe die "Mehrheit der Flüchtlinge nicht für die wenigen verantwortlich machen", aber das täten die meisten Bürger auch nicht.

"Oldenburg ist immer noch Oldenburg. Das lass ich mir nicht ausreden." Und dann fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu: "Die meisten Flüchtlinge fahren außerdem schon Fahrrad, ein Teil des kulturellen Ankommens ist bereits gelungen."