Aktuelle Angst vor Terror und Gewalt hat noch einen zusätzlichen Verstärker: Je mehr über ein neues, schwer kalkulierbares Risiko gesprochen und berichtet wird, umso größer kann es erscheinen, umso heftiger fallen die Reaktionen aus. Das merkt ein Unternehmer wie Kai Prase aus Frankfurt überdeutlich. Seit 21 Jahren verkauft er Pfefferspray. Seine Firma Deftec beliefert Waffenläden und Jagdgeschäfte, Gefängnisse und Polizeireviere in ganz Deutschland, und dadurch spürt Prase immer wieder Schübe von Angst und Verunsicherung: etwa als Flüchtlinge vor dem Balkankrieg flohen – und immer mehr Deutsche glaubten, sie müssten sich vor ihnen schützen. Nach dem 11. September 2001, als Misstrauen um sich griff. Nach der Osterweiterung der EU, als sich viele Bürger vor Einbrechern aus Polen und Tschechien fürchteten. Prases Geschäftsbücher erfassen diese Schübe wie ein Seismograf. Aber noch nie, sagt er, sei die Angst so heftig gewesen wie in den vergangenen Monaten. "Das ist nicht mehr normal." Im Vergleich zum Vorjahresquartal sei sein Umsatz um mehr als 700 Prozent gestiegen, und Prase ist überzeugt: "Ohne die Medien wäre die Hysterie nur halb so groß." Seit den Gewalttaten von Köln sei mehr als ein Dutzend Journalisten bei ihm gewesen: Die Hessenschau und das ZDF-mittagsmagazin haben Kamerateams geschickt, der MDR war da und der WDR. Reporter von der Welt, vom Focus, von Reuters International. So wie bei Büchern eine gute Rezension die Verkäufe fördert, so speist die Berichterstattung offenbar die Angst und erhöht die Nachfrage nach Pfefferspray weiter. Am Ende sieht man das Thema überall – und es wird auf Facebook hysterisch gelikt und geteilt.

Aber wenn es Angstbeschleuniger gibt, sollte es da nicht auch ein Gegenmittel geben? Der Ökonom Horst Entorf glaubt, er habe eines gefunden, und auch wenn es alt ist, er glaubt daran: die Rationalität der Zahlen. Seit mehr als 20 Jahren erforscht Entorf an der Universität Frankfurt, wie sich die Kriminalität in Deutschland entwickelt und was sie die Gesellschaft kostet. Und er betont erst einmal, dass Deutschland seit den neunziger Jahren – abgesehen von einigen Delikten – ein sichereres Land geworden sei. Es gebe heute weniger Diebstähle und Körperverletzungen als noch vor zehn Jahren.

Durch die Flüchtlinge, sagt Entorf, bekämen "wir keine neue Sicherheitslage". Aber es sei falsch, zu glauben, die jüngste Einwanderungswelle werde folgenlos bleiben. "Wir werden in den nächsten Jahren wegen des Flüchtlingszustroms einen Anstieg bei der Kriminalität sehen", sagt er. "Alles andere würde mich sehr überraschen."

Entorf beruft sich auf die wissenschaftliche Literatur. Deren Befund sagt seit Langem: Migranten sind grundsätzlich nicht krimineller als Einheimische, aber das gilt nur, wenn Zuwanderer die gleichen Arbeitsmarktchancen, die gleiche Bildung, die gleiche Altersstruktur haben wie die Einheimischen. Das ist bei den Flüchtlingen, die derzeit nach Deutschland kommen, keineswegs der Fall.

Beispiel Bildung: Im Jahr 2008 hatten mehr als 60 Prozent aller Gefängnisinsassen in Deutschland maximal einen Hauptschulabschluss, im Durchschnitt der Bevölkerung sind es rund 36 Prozent. Mehrere Studien legen nahe, dass ein Zusammenhang zwischen Bildung und Kriminalität besteht. Laut einer Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge hat ein Drittel der erwachsenen Flüchtlinge maximal die Grundschule besucht.

Beispiel Alter: In Deutschland ist die größte Tätergruppe die Gruppe junger Männer zwischen 18 und 25. Diese Altersgruppe ist unter den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, überrepräsentiert. "Das hat mit Migrant oder Nicht-Migrant nichts zu tun", sagt Entorf. "Würden wir den gleichen Zuwachs in der deutschen Risikogruppe sehen, würde die Kriminalität genauso steigen."

Das bedeutet: Die Kriminalität wird zunehmen. "Wenn wir nicht wollen, dass die Kriminalität steigt, sollten wir also alle unsere Bemühungen in die Integration der Flüchtlinge stecken", sagt Entorf. "Das ist sinnvoller, als das Geld in Pfefferspray anzulegen." Er erinnert an die neunziger Jahre, als Deutschland nach dem Fall der Mauer und den Balkankriegen schon einmal eine Einwanderungswelle erlebte. Auch damals stieg die Kriminalität leicht an, um dann im Verlauf der neunziger Jahre wieder zu sinken. Auch diesmal werde es eine Weile brauchen, bis die Flüchtlinge in die Mehrheitsgesellschaft integriert seien.

Viele Menschen sind für solche Abwägungen nicht mehr empfänglich. Eine wachsende Minderheit versucht, sich das Gefühl von Sicherheit zu kaufen, indem sie sich bewaffnet. Allein in Oldenburg wurden im Januar 200 sogenannte Kleine Waffenscheine beantragt, in Köln waren es in den ersten Januarwochen 1200, egal, wo man schaut, ob in Bayern oder Sachsen: Die Zahl der Anträge hat sich vervielfacht.