Am vergangenen Sonntag, im Rathaus ist es still, sitzt der Oberbürgermeister von Oldenburg, Jürgen Krogmann, 52, in seinem Büro. Auf seinem Tisch liegt ein Dutzend Mappen, grün und rot, die sind am Freitag liegen geblieben. Es war zu viel los.

Krogmann ist ein langer Kerl, den eigentlich nichts so leicht aus der Ruhe bringt, verwurzelt in seiner Stadt und in der SPD. Journalist war er, Sprecher eines früheren Bürgermeisters, dann Landtagsabgeordneter, er kennt das politische Geschäft. Zugleich spielt er freitags noch immer in seinem alten Verein, SV Eintracht, Fußball in der Ü 48.

Als Bürgermeister von Oldenburg ist er außerdem in einer vergleichsweise komfortablen Lage, hat noch fünfeinhalb Jahre im Amt vor sich, die Haushaltslage sei gut, und die Oldenburger seien, wie er sagt, ein angenehmer Menschenschlag. "In anderen Rathäusern gehen kübelweise Schmähbriefe ein, hier nicht." Auch die 2.500 Flüchtlinge seien freundlich aufgenommen worden, zwischenzeitlich habe die Stadt keine Spenden mehr annehmen können.

Wenn Krogmann davon erzählt, was ihm Kopfzerbrechen macht, spricht er über das, worüber alle derzeit reden. "So groß, wie der Flüchtlingszustrom jetzt ist, kann er nicht bleiben. 40 Flüchtlinge pro Woche schaffen wir. Derzeit kommen 75, das schaffen wir irgendwann nicht mehr." Noch habe er niemanden in einer Turnhalle unterbringen müssen – geschweige denn im Zelt. Aber dieses Gefühl, dass man "eine Herausforderung erledigt, und im nächsten Moment kommt eine noch größere auf uns zu, überfordert viele." Und auf einmal bricht die Weltpolitik in sein Büro herein. Wenn nach dem nächsten EU-Gipfel im März keine Lösung absehbar sei, wenn der türkische Präsident den Europäern nicht helfe, dann ... Krogmann lässt offen, was dann.

Flüchtlinge - Ein Student kämpft gegen Vorurteile Ali Can stammt aus der Türkei, studiert in Gießen und gibt Workshops für verunsicherte Menschen, um ihre interkulturelle Kompetenz zu stärken. Dabei trifft er häufig auf Vorurteile.

Seine Gedanken kehren zum Tagesgeschäft zurück: Wo bekommt er für die nächsten Flüchtlinge ein Dach überm Kopf her? Wie stellt er ihre Gesundheitsvorsorge sicher? Und wie bekämpft er die Angst vieler Oldenburger? Die Polizei schickt derzeit doppelt so viele Beamte auf Fußstreife durch die Innenstadt, auch Polizisten in Zivil sind unterwegs. Zudem bildet die Kripo zum 1. Februar eine "Sonderkommission für Straftaten im Flüchtlingskontext", und der Oberbürgermeister sagt seit Silvester in jeder Rede, dass es "null Toleranz" gebe.

Krogmann sagt ganz nüchtern: Er rechne mit mehr Kriminalität auch durch Flüchtlinge, aber nur für eine Übergangszeit, auch wenn er jeden Bürger verstehe, den das nicht tröste, wenn er zu Schaden komme. Bundesweite Zahlen dazu gibt es noch nicht, aber die Oldenburger Polizei erhebt sie für die Stadt – und gibt sie heraus. Demzufolge sind von Oktober bis Dezember des vergangenen Jahres insgesamt rund 4.000 Straftaten begangen worden. An lediglich 124 davon waren Flüchtlinge beteiligt. Davon waren 47 Diebstähle, 24 Körperverletzungen, 7 Betrügereien, der Rest so etwas wie Hausfriedensbruch und Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz – aber nicht ein sexueller Übergriff.

Den Oberbürgermeister stimmen die geringen Zahlen optimistisch. "Wahr ist eben: Wenn die Integration gelingt, kann Oldenburg davon sehr profitieren. So wie es das nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen ist, als viele Vertriebene in die Stadt kamen und blieben." Man dürfe die "Mehrheit der Flüchtlinge nicht für die wenigen verantwortlich machen", aber das täten die meisten Bürger auch nicht.

"Oldenburg ist immer noch Oldenburg. Das lass ich mir nicht ausreden." Und dann fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu: "Die meisten Flüchtlinge fahren außerdem schon Fahrrad, ein Teil des kulturellen Ankommens ist bereits gelungen."