Als Elisabeth Singer vor zwei Jahren nach Österreich zurückgekehrt ist, verliert sie ihren Antrieb. Zehn Jahre lang hat Singer, warme Stimme und ehrgeiziger Blick, im Ausland gelebt und eine rasante Arztkarriere hingelegt. Während Studienkollegen von einst oft noch auf ihre Berufsberechtigung warten, ist sie an Kliniken in Großbritannien, Deutschland und der Schweiz zur Oberärztin aufgestiegen. Von Medizin schwärmt die 37-jährige Spezialistin für Gefäßkrankheiten wie Schneider von Edelseide, Krankheiten nennt sie "eine intellektuelle Herausforderung", die tiefblauen Augen leuchten.

Aber die Stelle in Wien hat Singer rasch ernüchtert. Hier müssen Patienten im Zehnminutentakt abgefertigt werden, "da kann man die Menschen nur mehr durchschleusen und Fälle nach Schema F abfertigen", sagt sie und schüttelt den Kopf. An diese "Hochfrequenzmedizin", wie sie die österreichische Krankenhausrealität nennt, will sie sich nicht gewöhnen. Nach nur zwölf Monaten hängt Singer den weißen Kittel im Krankenhaus an den Nagel.

Die Internistin ist kein Einzelfall: Österreich gehen die Ärzte aus. Der Befund ist paradox, schließlich gibt es im Land mehr Mediziner pro Kopf als in fast jeder anderen Industrienation. Zudem werden so viele Ärzte ausgebildet wie nirgendwo sonst in Europa. Aber mehr als jeder zweite österreichische Medizinstudent will einer ÖH-Umfrage nach hier nicht arbeiten. Bis zu 8.000 Ärzte habe Österreich in den letzten zehn Jahren ans Ausland verloren, schätzt Karlheinz Kornhäusl, Sprecher der Turnusärzte in der Ärztekammer, Tendenz steigend. Für den Steuerzahler, der das teure Studium finanziert, bedeute das: "Rund 250 Millionen Euro gehen jährlich verloren." Zudem wird die öffentlich garantierte medizinische Versorgung rissig. Das liegt auch am zweiten Fluchtweg der Mediziner, vom Kassensystem hin in Wahlordinationen.

Auch Elisabeth Singer hat nach der Kündigung beim Spitalsbetreiber eine Privatpraxis gegründet. "Im Kassensystem bist du genauso wie im Krankenhaus gezwungen, möglichst viele Leute in möglichst kurzer Zeit anzuschauen", kritisiert sie. Dafür sei sie nicht Ärztin geworden. Ein Jahr nach der Eröffnung macht ihre Ordination finanziell noch keinen Gewinn. Aber jetzt hat Singer wieder Zeit für ihre Patienten.

An der Peripherie ist die Flucht aus dem öffentlichen System längst spürbar. Da gibt es Landarztpraxen, die verwaisen, und Spitäler, die offene Stellen nicht besetzen können. In Braunau warb das Krankenhaus schon 2011 mit Prämien für Mitarbeiter, die Medizinabsolventen vermittelten. Um attraktiver zu werden, investierte das von Hochlohnländern umgebene Vorarlberg in eine Werbekampagne im Westernstil und in höhere Gehälter, und im Osten der Republik kann man vielerorts den Betrieb nur dank Kollegen aus Osteuropa aufrechterhalten.

Zunehmend finden auch die einst überrannten Hauptstadtspitäler keine Bewerber mehr. Wo es früher jahrelang dauerte, bis man einen Ausbildungsplatz als Turnusarzt bekam, sind die Wartelisten heute leer. Assistenz- und Fachärzte werden ebenso händeringend gesucht. Mehr als 300 freie Stellen zählte die Ärztekammer im November bundesweit.

Im Spital verdumme er, sagt ein Turnusarzt über seinen Arbeitsalltag

Wenn Martin Kaufmann seinen Kittel überwirft, verwandelt er sich in einen Spritzenferdl. Gemeint sind im Wiener Medizinjargon jene Generationen von Turnusärzten, die als billige wie willige Arbeitskräfte die Spitalsstrukturen aufrechterhalten. Kaufmann, ein 29-Jähriger mit starken Unterarmen und angespanntem Blick, will Chirurg werden. Aber bislang nimmt er im Dienst nur Blut ab und macht EKGs, hängt Infusionen an und tippt Werte in den Rechner ein. "Ich habe das Gefühl, dass ich hier komplett verdumme", sagt er zornig. "Ich arbeite als Pfleger und Sekretär, aber nicht als Arzt."

Die Ära der Spritzenferdln sollte mit der Ausbildungsreform des letzten Jahres Geschichte sein. Nur wird die Lehrqualität nach wie vor nicht verbindlich kontrolliert. Zudem, so kritisieren Experten, Rechnungshof und Jungärzte, seien grundlegende Schwachstellen der Ausbildungsstrukturen keineswegs ausgemerzt worden.

Martin Kaufmann heißt in Wirklichkeit anders, aber wie fast alle angestellten Ärzte, die sich kritisch äußern, fürchtet er mehr oder weniger direkte Disziplinarmaßnahmen. Seinen Hader kanalisiert Kaufmann indessen per Facebook, wo er eine der unzähligen Gruppen betreibt, in denen sich der Unmut der Mediziner sammelt.

Schuld an den schlechten Arbeitsbedingungen in den Spitälern soll laut Krankenhausbetreibern und Ärztekammer das neue Arbeitszeitgesetz sein. Demnach dürfen Ärzte nur mehr 48 statt bisher 72 Wochenstunden arbeiten. Weil die Vorschrift überstürzt eingeführt wurde, heißt das: In weniger Stunden müssen gleich viele Patienten von gleich vielen Ärzten versorgt werden.

Damit hat sich aber nur ein gewachsenes Problem zugespitzt. "Hier machen Ärzte das, was international die Aufgabe von Pflegern und administrativem Personal ist", kritisiert Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom am Institut für Höhere Studien. Den zuständigen Ländern kam es gelegen, dass Ärzte lange Zeit im Überfluss und billig für den Betrieb der vielen Häuser mit ihren vielen Betten zu haben waren. Und die Ärztekammer habe sich dagegen gewehrt, Tätigkeiten an andere Berufsgruppen abzugeben, sagt Czypionka, der dahinter einen "Zielkonflikt zwischen Geltungs- und Einkommensinteresse" vermutet.

Als Billigpersonal mit Doktortitel lassen sich die Jungmediziner nicht mehr halten. Jeder dritte Medizinabsolvent bewirbt sich nicht mehr an einem österreichischen Krankenhaus. Manche zieht es in die Privatwirtschaft, der überwiegende Teil aber verlässt das Land.

2.700 österreichische Ärzte arbeiten in Deutschland, rund 580 in der Schweiz, weitere in Großbritannien, Skandinavien oder Belgien. Die Ausbildungszeit ist kürzer und besser, die Gehälter sind höher, die Strukturen mit Teilzeitoptionen und Kinderbetreuungseinrichtungen familienfreundlicher, die Hierarchien flacher.

Als Rezept gegen den Ärztemangel werden derweil neue Medizinuniversitäten ins Leben gerufen. Oberösterreich hat sein Prestigeprojekt in Linz durchgesetzt, das bis 2027 630 Millionen Euro kosten soll, und auch Tirol will eine zusätzliche Medical School haben. An den Problemen ändert das nichts. 400.000 Euro steckt der Staat in die Ausbildung eines Arztes. Aber in den Spitalsstrukturen, aus denen die Mediziner dann in Scharen fliehen, bleiben Investitionen aus.

Die Malaise der Spitäler spüren auch die Patienten. In Innsbruck mussten im Dezember zwei Operationssäle geschlossen werden, weil Anästhesisten fehlten. An Dutzenden Krankenhäusern werden Untersuchungstermine, Operationen, Behandlungen um Monate verschoben und ganze Abteilungen geschlossen. Wer die Hüfte operieren lassen muss, wartet in Wien bis zu einem Jahr, und selbst für Tumorpatienten verstreichen immer öfter lebensentscheidende Wochen bis zu CT- und MRT-Terminen.

Der Ausweg für die Patienten führt in die Privatordinationen der Primare. Hilfreich, das berichten Ärzte immer wieder hinter vorgehaltener Hand, sind zuweilen der Hinweis auf die Zusatzversicherung und mitunter gar Bares auf die Hand, um Wartezeiten zu umgehen. Pech hat, wer sich das nicht leisten kann.

"Unter den Ärzten gibt es eine Kellnermentalität", sagt Markus Müller über seine eigene Zunft. Die im internationalen Vergleich extrem niedrigen Grundgehälter führten zu einer "Toleranz gegenüber alternativen Einkommensquellen". Der Pharmakologe Müller ist seit vier Monaten als neuer Rektor der Medizinischen Universität Wien nicht nur Herr über eine der größten Ärzte-Ausbildungsstätten der Welt. Er hat mit dem AKH, dem größten Spital Europas, auch eine von Machtkämpfen und Korruptionsskandalen erschütterte Großbaustelle übernommen.

Die Zweiklassenmedizin bringt viele Ärzte in Gewissensnöte

Tatsächlich hat sich die Ärztekammer in den Verhandlungen mit den geldgebenden Ländern stets auf niedrige Löhne eingelassen. Dafür hat sie ihrer Klientel die Möglichkeit geschaffen, durch Überstunden oder eben Nebentätigkeiten gut dazuzuverdienen. "Das hat die Privatmedizin leider beflügelt", kritisiert Müller.

Wo die öffentliche Hand spart, muss der Patient in die eigene Tasche greifen. "Die Zahl der Wahlärzte ist explodiert", sagt IHS-Experte Czypionka. Allein zwischen 2013 und 2014 wurden 399 neue Wahlordinationen eröffnet. Umgekehrt hat etwa in der Bundeshauptstadt nur noch jeder dritte niedergelassene Arzt einen Vertrag mit den Pflichtkassen.

Für Elisabeth Singer liegen die Vorteile ihrer Privatordination auf der Hand. "Jetzt kann ich auch einmal eine Stunde mit einem Patienten sprechen. Im Kassentarif würde ich damit pleitegehen", sagt sie. Die niedrigen Honorare, welche die immer wieder defizitären Krankenkassen an Vertragsärzte zahlen, kritisiert auch IHS-Forscher Thomas Czypionka: "Im Kassensystem lässt sich nur durch Masse Einkommen machen." Das Problem treffe den Hausarztbereich ganz besonders, warnt er: "Die medizinische Versorgung ist in echter Gefahr", die bisherigen Reformen des Systems seien "noch viel zu wenig, um den Ärztemangel in den öffentlichen Versorgungsstrukturen aufzuhalten".

Die Zweiklassenmedizin bringt viele Ärzte derweil in Gewissensnöte. Elisabeth Singer zögert. "An sich wäre sie ja nicht schlimm", sagt die Internistin schließlich. Sie atmet tief durch, bevor sie hinzufügt: "Solange auch die sogenannte Holzklasse gut versorgt bleibt. Aber die Rahmenbedingungen machen das zunehmend schwierig."