Das Geheimnis der Falte – Seite 1

Gibt es ein Bildnis der deutschen Renaissance, das bedeutender, das eindrücklicher wäre? Allenfalls wohl Albrecht Dürers Selbstbildnis als Christus ist noch berühmter als die Darmstädter Madonna des Malers Hans Holbein des Jüngeren. Eine überreiche Deutungsgeschichte hat sich auf diesem Bildnis abgelagert. In unzähligen Aufsätzen und Katalogen wurde versucht, der Madonna ihr Geheimnis zu entlocken. Fast könnte man jammern und prophezeien, dass dieses Werk auf immer rätselhaft bleiben werde. Dies wäre aber nur die halbe Wahrheit. Denn bislang hat noch jede Generation unbemerkte Details entdeckt und unser Verständnis dieses großartigen Kunstwerks bereichert. So ist es auch jetzt wieder.

Eine soeben im Berliner Bode-Museum eröffnete Ausstellung regt dazu an, einen frischen Blick auf Holbeins Madonnendarstellung und ihre ungewöhnliche Ikonografie zu werfen. Und siehe da, sie liefert einige beachtenswerte Beobachtungen. Üblicherweise ist das Bildnis im fernen Schwäbisch Hall zu sehen, denn 2011 wurde es an den Unternehmer Reinhold Würth verkauft. Auf der Museumsinsel kann man es nun für einige Monate in einer sehr reizvollen Konstellation betrachten, denn der Maria mit dem Kind sind wichtige Holbein-Bilder aus den Berliner Sammlungen zur Seite gestellt, darunter Porträts, wie jenes des Kaufmanns Georg Gisze, und Zeichnungen. Eine gelungene Kabinettausstellung, die mit wenigen Tafeln deutlich macht, mit welch brillantem Illusionisten wir es zu tun haben. Hier lernt einer, die Welt neu zu sehen, mehr noch, er möchte uns, das Publikum, in seine Schule des Schauens hineinziehen.

Schon die altniederländische Malerei hatte mit ihren Trompe-l’Œil-Effekten erprobt, wie weit sich die Täuschung des Auges treiben lässt. Holbein knüpft daran an, doch durch größere Bildformate bringt er den Illusionismus auf ein geradezu lebensgroßes Format und entwickelt zudem einige ungewöhnliche Kniffe. So nutzt er für sein Porträt eines Mitglieds der Familie Wedigh eine Hintergrundfarbe, die einen so starken Oberflächenwert besitzt, dass sie den Mann aus dem Bild zu schieben scheint. Besonders aber Holbeins Entwürfe für eine Fassadenmalerei zeigen seine Fähigkeit, schwierige, wenn nicht sogar paradoxe perspektivische Konstruktionen zu entwerfen, die vor allem eines wollen: den Betrachter verblüffen.

Der in Augsburg 1497 geborene Maler ist ein Illusionsingenieur, er spielt mit der Scheinqualität seiner Bilder. Besonders deutlich wird das im Porträt des Kaufmanns Gisze, in dessen Hintergrund ein kleines gemaltes Zettelchen zu sehen ist. Von diesem Cartellino glaubt man zunächst, dass er an der rückwärtigen Wand des Kontors hänge, meint aber sodann, dass er auf der Oberfläche des Bildes befestigt sein müsse. Täuschung und Enttäuschung fallen hier zusammen. Sein und Schein sind nicht mehr voneinander zu trennen.

In Holbeins Kunst geht die Konstruktion des Sichtbaren oft weit über eine nur zentralperspektivische Bildlichkeit hinaus. Lange vor dem Italiener Caravaggio hat er den Raum zwischen Bild und Betrachter erkundet, um ihn möglichst raffiniert zu überwinden. Was mag ihn dazu veranlasst haben? Und was bedeutet das für unseren Blick auf die Madonna?

Über das intellektuelle Profil des in Basel und später in London tätigen Holbein ist bis heute relativ wenig bekannt. Er war, so viel ist gewiss, als Illustrator wissenschaftlicher Texte tätig, er bebilderte astronomische Traktate, die Mond- und Sonnenfinsternisse erklären sollten. Mit anderen Worten, er wusste, dass wir von einer sich drehenden Kugel aus ins All schauen. Er entwarf Weltkarten, die der Kugelgestalt der Erde Rechnung tragen. Unsere vermeintlich natürliche Wahrnehmung, die die Sonne auf- oder untergehen sieht, hatte sich damit für ihn erledigt. Man darf sich Holbein daher als einen selbstbewussten, einen forschenden Künstler vorstellen. Vielleicht sogar als einen, der mit einer gewissen Lust an der Überzeichnung auf die Welt sah, schließlich hatte er das berühmte satirische Traktat Lob der Torheit des Erasmus von Rotterdam illustriert. Es scheint jedenfalls naheliegend, Holbeins Reflexionsvermögen auch in seiner Darmstädter Madonna aufspüren zu wollen, obwohl es sich eigentlich um ein klassisches Auftragswerk handelt, bezahlt vom Basler Bürgermeister Jakob Meyer zum Hasen.

Als es entstand, muss das Bild eine Provokation gewesen sein, denn in jenen Jahren wechselte Basel gerade die Konfession und trat der Reformation bei. Dass Meyer ein gläubiger Katholik geblieben war, belegt bereits das Motiv der Schutzmantelmadonna. Allerdings gibt es kaum Quellen zur Ikonografie des Bildes und zu den genauen Entstehungsbedingungen. Selbst die Datierung lässt sich nur indirekt rekonstruieren, plausibel erscheinen die Jahre 1526 bis 1528. Vage bleibt zudem, um welchen Bildtypus es sich eigentlich handelt.

Was zeigt das Madonnenbildnis?

Holbein vereint – und hier zeigt sich bereits etwas von seinem Freigeist – mehrere Traditionen. So haben wir es nicht nur mit dem klassischen Motiv der Schutzmantelmadonna zu tun, das bereits im 13. Jahrhundert auftaucht, sondern zugleich mit einem Stifterbild. Außerdem könnte man das Gemälde zu den Andachtsbildern zählen. Und schließlich lässt es sich als Epitaph begreifen, als ein Denkmal, das an einen oder mehrere Verstorbene erinnert. So jedenfalls schlägt es die Berliner Ausstellung vor.

Denn was zeigt das Madonnenbildnis? Auf der rechten, der Frauenseite, ist die erste, verstorbene Frau des Bürgermeisters dargestellt, zudem seine zweite, damals noch lebende Gemahlin und deren Tochter Anna. Links hingegen sehen wir unterhalb des knienden Stifters einen vornehm gekleideten Jungen, der seinerseits ein nacktes Kleinkind hält. Der ältere Knabe kümmert sich fürsorglich um den Kleinen, denn wie leicht könnte dieser die niedrige, von einem Teppich verdeckte Stufe herunterfallen.

Um wen genau es sich bei den beiden handelt, ist umstritten. Bisher wurde das nackte Kind in der Forschung als Johannes der Täufer identifiziert. Nun aber zieht die Berliner Ausstellung eine bisher übersehene Quelle hinzu, und in dieser ist von einem Sohn Meyers die Rede. Als sich der spätere Bürgermeister mit gerade mal 22 Jahren auf Lebenszeit in die Basler Kaufmannszunft einkaufte, wird ihm dies bewilligt, nicht aber seinem gerade geborenen Nachkommen. Daraus lässt sich schließen, dass Meyer aus erster Ehe einen Sohn hatte. Der Kurator Stefan Kemperdick geht aber noch weiter und vermutet, dass es sich bei beiden dargestellten Jungen um Meyers Söhne handele, die aber bereits verstorben waren, als Holbein das Bildnis schließlich malte.

Allerdings bleibt bei Kemperdicks Überlegungen ungeklärt, warum der eine Junge entblößt, der andere aber bekleidet zu sehen ist. Einen als Kleinkind verstorbenen Menschen wird man als "unschuldig nackte Seele" repräsentieren dürfen, aber wie steht es um den knienden Jugendlichen? Kemperdick hält sich bei dieser Frage nicht weiter auf, will er doch in der Darmstädter Madonna vor allem ein Epitaph erkennen. In seiner Vorstellung wies der kleine Junge möglicherweise auf ein Grab, das sich vor dem Bild befand, vielleicht war es das eigene.

Eine andere Deutung erscheint plausibler, dafür allerdings muss man sich Holbeins Liebe zur Illusion vor Augen halten, vor allem aber die auffällig inszenierte Falte im Teppich, die bei Kemperdick unberücksichtigt bleibt. Wovon erzählt der Wulst?

Schaut man sich die Madonna genauer an, wird rasch deutlich, dass Holbein nicht einfach nur ein Bild malte. Er plante auch dessen Rezeption. Ja, er wusste dem Betrachter einen Standpunkt zuzuweisen: Er wird aufgefordert zu knien. Erst in kniender Pose nämlich entfaltet Holbeins Werk seine intendierte Wirkung. Erst so wirkt die Gottesmutter nicht länger gestaucht und als zu kurz, wie im 19. Jahrhundert oft kritisiert wurde. Vielmehr streckt sie sich und erscheint dem wahren Gläubigen in ihrer eigentlichen Herrlichkeit.

Aus dieser Perspektive entwickelt auch die Falte ihre Wirkung. Sie befindet sich nun auf Augenhöhe, ist zum Greifen nahe und öffnet die Grenze zwischen Bild- und Realraum. Der im Bild angelegte offene Halbkreis der Figuren wird durch uns geschlossen, wir sind nicht länger nur Zusehende, sondern Anteilnehmende. Wir treten ein in die Kunst.

Damit wäre auch geklärt, wem die Blicke des nackten Jungen gelten: einem vor dem Bild knieenden Betrachter, der die Aufmerksamkeit des Kindes auf sich gezogen hat. Ebenso verweist der ausgestreckte Arm des Christusknaben auf einen darunter befindlichen Menschen.

Die Falte entwickelt so eine doppelte Bedeutung. In formaler Hinsicht macht sie das Kunstwerk durchlässig für mehrere Wirklichkeiten. Sie beginnt sichtbar am Fuß Mariens und reicht über die Stufe hinweg in den Raum des Betrachters, vor dessen Augen sie endet. Dem Gläubigen wird verdeutlicht, dass Fürbitten vor dem Bild nicht sinnlos sind, sondern das Ohr der Gottesmutter erreichen können. In theologischer Hinsicht erzählt dieses Detail im Sinne der Explicatio dei, der Ausfaltung Gottes, grundsätzlich vom Erscheinen des Göttlichen in einer begrenzt-materiellen Welt. Das heißt, durch das Bild erreichen Gebete nicht nur das Ohr der Gottesmutter, sondern umgekehrt lässt es den Betenden zugleich ihres Segens teilhaftig werden.

Ob aber Gläubige oder Ungläubige die Madonna betrachten – Holbeins Kunst wird sie in Berlin gleichermaßen begeistern. Sie kündet von der Macht und Ohnmacht der Bilder, von den Grenzen des Sichtbaren und des Seins, das notwendigerweise immer ein Schein sein wird.

Die Ausstellung im Bode-Museum läuft bis zum 8. Mai. Der Katalog (144 Seiten) kostet 19,95 Euro.