Holbein vereint – und hier zeigt sich bereits etwas von seinem Freigeist – mehrere Traditionen. So haben wir es nicht nur mit dem klassischen Motiv der Schutzmantelmadonna zu tun, das bereits im 13. Jahrhundert auftaucht, sondern zugleich mit einem Stifterbild. Außerdem könnte man das Gemälde zu den Andachtsbildern zählen. Und schließlich lässt es sich als Epitaph begreifen, als ein Denkmal, das an einen oder mehrere Verstorbene erinnert. So jedenfalls schlägt es die Berliner Ausstellung vor.

Denn was zeigt das Madonnenbildnis? Auf der rechten, der Frauenseite, ist die erste, verstorbene Frau des Bürgermeisters dargestellt, zudem seine zweite, damals noch lebende Gemahlin und deren Tochter Anna. Links hingegen sehen wir unterhalb des knienden Stifters einen vornehm gekleideten Jungen, der seinerseits ein nacktes Kleinkind hält. Der ältere Knabe kümmert sich fürsorglich um den Kleinen, denn wie leicht könnte dieser die niedrige, von einem Teppich verdeckte Stufe herunterfallen.

Um wen genau es sich bei den beiden handelt, ist umstritten. Bisher wurde das nackte Kind in der Forschung als Johannes der Täufer identifiziert. Nun aber zieht die Berliner Ausstellung eine bisher übersehene Quelle hinzu, und in dieser ist von einem Sohn Meyers die Rede. Als sich der spätere Bürgermeister mit gerade mal 22 Jahren auf Lebenszeit in die Basler Kaufmannszunft einkaufte, wird ihm dies bewilligt, nicht aber seinem gerade geborenen Nachkommen. Daraus lässt sich schließen, dass Meyer aus erster Ehe einen Sohn hatte. Der Kurator Stefan Kemperdick geht aber noch weiter und vermutet, dass es sich bei beiden dargestellten Jungen um Meyers Söhne handele, die aber bereits verstorben waren, als Holbein das Bildnis schließlich malte.

Allerdings bleibt bei Kemperdicks Überlegungen ungeklärt, warum der eine Junge entblößt, der andere aber bekleidet zu sehen ist. Einen als Kleinkind verstorbenen Menschen wird man als "unschuldig nackte Seele" repräsentieren dürfen, aber wie steht es um den knienden Jugendlichen? Kemperdick hält sich bei dieser Frage nicht weiter auf, will er doch in der Darmstädter Madonna vor allem ein Epitaph erkennen. In seiner Vorstellung wies der kleine Junge möglicherweise auf ein Grab, das sich vor dem Bild befand, vielleicht war es das eigene.

Eine andere Deutung erscheint plausibler, dafür allerdings muss man sich Holbeins Liebe zur Illusion vor Augen halten, vor allem aber die auffällig inszenierte Falte im Teppich, die bei Kemperdick unberücksichtigt bleibt. Wovon erzählt der Wulst?

Schaut man sich die Madonna genauer an, wird rasch deutlich, dass Holbein nicht einfach nur ein Bild malte. Er plante auch dessen Rezeption. Ja, er wusste dem Betrachter einen Standpunkt zuzuweisen: Er wird aufgefordert zu knien. Erst in kniender Pose nämlich entfaltet Holbeins Werk seine intendierte Wirkung. Erst so wirkt die Gottesmutter nicht länger gestaucht und als zu kurz, wie im 19. Jahrhundert oft kritisiert wurde. Vielmehr streckt sie sich und erscheint dem wahren Gläubigen in ihrer eigentlichen Herrlichkeit.

Aus dieser Perspektive entwickelt auch die Falte ihre Wirkung. Sie befindet sich nun auf Augenhöhe, ist zum Greifen nahe und öffnet die Grenze zwischen Bild- und Realraum. Der im Bild angelegte offene Halbkreis der Figuren wird durch uns geschlossen, wir sind nicht länger nur Zusehende, sondern Anteilnehmende. Wir treten ein in die Kunst.

Damit wäre auch geklärt, wem die Blicke des nackten Jungen gelten: einem vor dem Bild knieenden Betrachter, der die Aufmerksamkeit des Kindes auf sich gezogen hat. Ebenso verweist der ausgestreckte Arm des Christusknaben auf einen darunter befindlichen Menschen.

Die Falte entwickelt so eine doppelte Bedeutung. In formaler Hinsicht macht sie das Kunstwerk durchlässig für mehrere Wirklichkeiten. Sie beginnt sichtbar am Fuß Mariens und reicht über die Stufe hinweg in den Raum des Betrachters, vor dessen Augen sie endet. Dem Gläubigen wird verdeutlicht, dass Fürbitten vor dem Bild nicht sinnlos sind, sondern das Ohr der Gottesmutter erreichen können. In theologischer Hinsicht erzählt dieses Detail im Sinne der Explicatio dei, der Ausfaltung Gottes, grundsätzlich vom Erscheinen des Göttlichen in einer begrenzt-materiellen Welt. Das heißt, durch das Bild erreichen Gebete nicht nur das Ohr der Gottesmutter, sondern umgekehrt lässt es den Betenden zugleich ihres Segens teilhaftig werden.

Ob aber Gläubige oder Ungläubige die Madonna betrachten – Holbeins Kunst wird sie in Berlin gleichermaßen begeistern. Sie kündet von der Macht und Ohnmacht der Bilder, von den Grenzen des Sichtbaren und des Seins, das notwendigerweise immer ein Schein sein wird.

Die Ausstellung im Bode-Museum läuft bis zum 8. Mai. Der Katalog (144 Seiten) kostet 19,95 Euro.