Er war SPD-Parteivorsitzender, Bundesjustizminister, Kanzlerkandidat. Am 3. Februar hat Hans-Jochen Vogel Geburtstag.

DIE ZEIT: Herr Vogel, was ist das Tröstliche am Alter?

Hans-Jochen Vogel: Ich habe jetzt mehr Zeit. Auch wenn ich weiß, dass mir womöglich nicht mehr viel Zeit bleibt.

ZEIT: Sie leiden seit einiger Zeit an Parkinson. Wie geht es Ihnen?

Vogel: Es geht mir, körperlich gesehen, mäßig. Ich nehme Medikamente und habe das Zittern im Griff. Aber die Krankheit schreitet fort. Zu meiner Freude funktioniert der Kopf noch einigermaßen, und mein Erinnerungsvermögen hält sogar noch der Kontrolle meiner Frau Gemahlin stand.

ZEIT: Sie galten immer als Kontrollmensch, und nun verlieren Sie langsam die Kontrolle über Ihren Körper. Wie ertragen Sie das?

Vogel: Kontrolle war mir immer wichtig, und sie bleibt mir auch wichtig. Was die Körperkontrolle angeht, war ich ja einigermaßen verwöhnt vom Schicksal. Es ist nicht so, dass ich sehr große Angst vor dem Kontrollverlust habe, das wäre vielleicht ein Akzent zu viel. Aber ich kann München kaum mehr verlassen und erlebe dadurch einen Verlust von Präsenz und persönlichen Kontakten. Das schmerzt.

ZEIT: Werden Sie es noch erleben, dass die SPD wieder den Bundeskanzler stellt?

Vogel: Bin ich ein zuverlässiger Prophet meiner Lebensdauer? Das bin ich nicht, infolgedessen kann ich diese Frage nicht beantworten.

ZEIT: Sie klingen skeptisch.

Vogel: Nö. Ich klinge realistisch, und der Realismus beginnt für mich bei der Frage, wie lange ich noch lebe. Also bitte, das sind zwei unterschiedliche Zeitstränge – wie lange ich noch lebe und wann die SPD so weit ist –, und wenn ich nächsten Monat sterben sollte, ist die Frage beantwortet. Nein, da mache ich nicht mit.

ZEIT: Welche Erfahrung würden Sie gerne rückgängig machen?

Vogel: Nicht rückgängig machen, aber vermissen würde ich gerne die Erfahrungen aus der Zeit der RAF. Nach der Entführung von Hanns-Martin Schleyer und der Geiselnahme von Mogadischu war ja die Kernfrage, ob wir den Forderungen der Terroristen nachgeben und im Gegenzug die in Stammheim inhaftierten RAF-Leute freilassen. Ich war Bundesjustizminister, und ich habe damals gesagt, nein, denn die Freigelassenen werden ja nicht in den Ruhestand gehen, sondern weiter wie schon im Falle Lorenz Mordversuche und Morde unternehmen. Dieser Standpunkt ist von Helmut Schmidt sogleich akzeptiert worden. Die Kernverantwortung und die Entscheidung, die GSG 9 nach Mogadischu zu schicken, um die Geiseln zu befreien, lag bei Helmut Schmidt, der sie auch mit entschlossener Besonnenheit getroffen hat. Zudem gab es ja zwei Tage zuvor auch noch die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, die uns recht gab.

ZEIT: Der Sohn des Entführten, Hanns-Eberhard Schleyer, hatte sich im Namen seines Vaters an das Verfassungsgericht gewandt und wollte mit einer einstweiligen Anordnung die Bundesregierung zwingen, den Forderungen der RAF nachzugeben und dadurch seinen Vater zu befreien.

Vogel: Meine Aufgabe war, den Kontakt zur Familie Schleyer zu halten und sie täglich über die Lage zu informieren. Und dazu gehörte dann auch, nach der Entscheidung des Verfassungsgerichtes nach Stuttgart zu fahren und mit der Familie zu sprechen.

ZEIT: Zu diesem Zeitpunkt lebte Hanns-Martin Schleyer vermutlich noch, und dennoch waren Sie so etwas wie der Überbringer der Todesnachricht.

Vogel: Das wusste die Familie schon, denn Hanns-Eberhard Schleyer hatte an der Verhandlung des Gerichts teilgenommen. Ich war an einer politischen Entscheidung beteiligt, die – wenn sie auch andere rettete – einen Menschen das Leben gekostet hat. Und das ist etwas, worauf ich in meinem Leben gern verzichtet hätte. Ich habe in einem Brief an Frau Schleyer das alles auszudrücken versucht.