DIE ZEIT: Teheran ist voller teurer Autos, die sich Stoßstange an Stoßstange über die Highways schieben. Es gibt jede Menge junger Galerien und Luxusrestaurants. Gehört der Iran eigentlich schon zum Westen?

Mahmud Doulatabadi: Geld haben ist nirgends auf der Welt verboten, auch im Iran nicht. Es gibt kein Gesetz, das verbietet, dass die Menschen reicher werden. Der Reichtum in Teheran kommt aus der Öl- und Kriegswirtschaft, er ist überall sichtbar. Aber es stimmt: Unser Reichtum plündert uns aus.

ZEIT: Ist dieser westliche Lebensstil das Zeichen einer echten Öffnung, oder ist er nur Maskerade, um das Leben im religiösen Staat erträglicher zu machen?

Doulatabadi: Was wir jetzt erleben, ist sozusagen die Fortsetzung einer Art Moderne, die mit der Konstitutionellen Revolution (einer von Bürgern und Aristokraten getragenen iranischen Liberalisierungsbewegung der Jahre 1905 bis 1911, Anm. d. Red.) zum ersten Mal gefordert wurde. Man kann nicht sagen, was an dieser Modernisierung wirklich echt und was nur Fassade ist. Allerdings ist alles, was Sie hier in Teheran sehen, auf legalem oder illegalem Weg importiert worden. Gehen Sie in ein Einkaufszentrum, da sehen Sie all diese westlichen Marken im Schaufenster, werfen Sie einen Blick auf die Autos: Das ist unsere Fassade. Natürlich gibt es hinter dieser Fassade auch neue Ideen. Nach der dreißigjährigen Isolation des Landes modernisieren sich die Künste auf allen Gebieten in rasendem Tempo. Doch die plötzliche Befreiung hat auch zur Folge, dass wir keinen richtigen Maßstab für uns selber haben.

ZEIT: Vieles in diesem Gottesstaat, der Frauen unter den Schleier zwingt, wirkt auf den Besucher völlig dereguliert: Die Revolutionsgarden besorgen den Schmuggel verbotener Güter. Kein Auto hält bei Rot an. Künstler und Journalisten werden willkürlich verhaftet und wieder freigelassen. Zeitungen werden geschlossen und wieder aufgemacht. Eine junge Cartoonistin ist gerade wegen ein paar Zeichnungen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, während die reiche Jeunesse dorée in Teheran ununterbrochen Party feiert und Drogen nimmt.

Doulatabadi: Wir sind im postmodernen Chaos gelandet. Die iranische Postmoderne ist die Idee einer Mittelschicht ohne Identität. Einer Mittelschicht, die ihr Zaumzeug verloren hat. Dieses ganze Durcheinander, dieser Basar in den Künsten ist eine typische Eigenschaft der Mittelklasse. Und das wichtigste Schlachtfeld, das sie gefunden hat, um sich auszutoben, sind Film und Fernsehen.

ZEIT: Ihre Bücher sind im Schah-Regime und in der Iranischen Republik verboten worden. Wo ist Ihre geistige Heimat?

Doulatabadi: Ich bin ein geistiger Kosmopolit, der sich überall fremd fühlt. Dieses persönliche Fremdheitsgefühl hat geschichtliche und philosophische Gründe, aber es hat auch mit dem Iran zu tun. Das Schah-System hat mich ins Gefängnis gesteckt. Nach der Revolution hat man mir gesagt, dass ich von der Bildfläche verschwinden soll. Seit dreißig Jahren sitze ich zu Hause. In dieser Lage habe ich meinen Roman Der Colonel geschrieben, der bis heute im Iran nicht veröffentlicht werden darf.

ZEIT: Wo sind die Wurzeln Ihres Schreibens?

Doulatabadi: Sie liegen am Rande der Chorassan-Wüste. In einem Dorf, das nur einen Baum hatte und Wasser, das salzig war. Dort hat alles angefangen. Ich wollte diesem Käfig aus Wind, Staub, Trockenheit und Niedertracht entkommen.

ZEIT: Heute kann man Sie gelegentlich an der Seite von Präsident Ruhani in der Öffentlichkeit sehen.