"Oh, da is’n Mann dabei", ruft Julia Klöckner erfreut, "die Männer begrüß ich alle extra." Strahlend schiebt sich die rheinland-pfälzische Spitzenkandidatin der CDU durch die Reihen im Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen, wo die Frauen-Union zum "Frauen Flüchtlingsgipfel" eingeladen hat. Die wenigen anwesenden Herren sind entzückt, auch die Damen sind beeindruckt. "Wo kriege die Pollidigger bloß immer die tolle Klamotte her?", seufzt eine Zuschauerin anerkennend, als Klöckner ans Pult tritt.

Der "Julia", wie sie in ihrer Partei genannt wird, geht es aber nicht um Stilfragen, sondern um Grundsätzliches. "Was kommt da auf uns zu?", fragt sie in den Saal hinein. Die Frage steht im Raum, nicht erst seit Köln, aber seither besonders. "Wann bildet sich eigentlich eine Rolle heraus?" Die Antwort gibt sie selbst: "Immer dann, wenn man in einer Relation steht." Deshalb gehe es bei der Integration vor allem um die Männer und ihr Verhältnis zu den Frauen. "Wer ins Haus Deutschland kommt, der muss wissen, dass dieses Haus tragende Wände hat, und eine dieser Wände ist die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau", sagt Klöckner, das Publikum applaudiert heftig. Männer, Frauen, Hausordnung: Politik scheint plötzlich so einfach und konkret.

Drei Landtagswahlen stehen im März an, die Flüchtlingsfrage ist für alle Wahlkämpfer ein Fluch. Es gibt kein anderes Thema mehr, die Probleme sind groß, die Stimmung ist mies. Für Klöckner ist die Flüchtlingskrise indes auch ein Geschenk. Die 43-jährige Winzertochter aus Guldental ist diejenige, die ein Vierteljahrhundert SPD-Herrschaft in Rheinland-Pfalz beenden und an die glorreichen Zeiten Helmut Kohls anknüpfen könnte. Zur Hoffnungsträgerin ihrer Partei ist Klöckner aber auch aus einem anderen Grund geworden: Sie wird zunehmend als Gegenspielerin von Angela Merkel betrachtet, ja sogar als Alternative. Zumindest emotional, denn Klöckner ist alles, was Merkel nicht ist: katholisch, groß, laut, sportlich, die Mundwinkel zeigen immer nach oben. Spätestens seit sie ihren Plan A 2 zur Flüchtlingspolitik vorgelegt hat, stellt sich die Frage: Ist sie auch politisch eine Alternative?

Wann bildet sich eine Rolle heraus, und vor allem: welche? Das ist eine heiße Frage, nicht nur bezogen auf die vielen fremden jungen Männer, die derzeit ins Land strömen, sondern auch auf Julia Klöckner.

Die meisten halten Klöckner für eine Instinktpolitikerin, eine fröhliche Dampfnudel, die eher aus dem Bauch heraus agiert und gerne mal übers Ziel hinausschießt. Vor sechs Jahren twitterte sie, damals noch als Bundestagsabgeordnete, aus der Bundesversammlung: "Leute, ihr könnt in Ruhe Fußball gucken, Wahlgang hat geklappt", und fing sich damit einen heftigen Rüffel ein. Letzte Woche empfahl sie den Nörglern aus der eigenen Fraktion: "Einfach mal die Klappe halten." Klöckner feilt mit Hingabe an dem Bild der leutseligen Klartexterin und Stimmungskanone. Sie nennt sich selbst "geländegängig". Parteifreunde begrüßt sie nicht "herzlich", sondern "ganz besonders herzlich" und immer mit strahlendem Lächeln. Wenn Klöckner mit Leuten spricht, sagt sie oft: "Ich sach Ihnen mal ganz ehrlich ..." Oder: "Das klingt jetzt vielleicht banal, aber ..." Das schafft Nähe und Vertrauen. Über Klöckners Leben auf dem elterlichen Weingut und den großen Bruder gibt es zahlreiche Anekdoten. Alle tragen bei zum Bild einer bodenständigen, volksnahen Frau, die anpacken kann. Die CDU liebt ihre Julia dafür, kaum jemand bekommt auf Parteitagen so viel Beifall und so gute Ergebnisse wie Klöckner. Außer der Kanzlerin natürlich.