Bevor Marina Klessny das Polizeikommissariat Nummer 23 verlässt, geht sie zum Waffenraum. Sie hält ihren Ausweis vor ein kleines Gerät am Eingang und tippt einen Zahlencode ein. Eine schwere Tür öffnet sich und gibt den Blick frei auf eine Reihe von Schließfächern, in denen Dienstwaffen liegen. Klessny holt ihre Pistole und lädt sie mit Munition, 15 Schuss. Dabei hält sie die Waffe über eine Kiste, die mit Sand gefüllt ist. Falls sich versehentlich ein Schuss löst, wird die Kugel sicher abgefangen und schießt nicht wild in den Boden. "Mir ist aber beim Laden und Entladen zum Glück noch nie was passiert", sagt die Polizistin.

Fertig ausgerüstet ist sie, wenn sie am Gürtel nicht nur die Waffe, sondern auch Reservemunition, Handschellen, Pfefferspray und einen kleinen, schweren Schlagstock trägt, der im ersten Moment aussieht wie eine Taschenlampe. Nun noch das Funkgerät an der Jacke befestigen, die Polizeimütze mit dem Hamburger Wappen aufsetzen, und los: Beim Rausgehen schiebt Klessny an einer großen Magnettafel noch rasch ein oranges Schildchen mit ihrem Namen drauf von der Spalte "Im Hause" in die Spalte "Im Gebiet". Neben diesem Schriftzug ist ein laufendes Menschlein mit Polizeimütze zu sehen.

Das passt gut. Denn Klessny ist fast immer zu Fuß unterwegs: "Die Bürger sollen mich ja sehen und ansprechen können!" Klessny ist eine Stadtteilpolizistin. Ihr Gebiet, das ist der Hamburger Stadtteil Groß Borstel.

Was sie da genau macht? "Alles Mögliche: Ich berate alte Menschen, wie sie sich vor Einbrüchen und Diebstählen schützen können. Ich passe auf, dass Kinder sicher zur Schule kommen. Ich höre mir die Sorgen von Bürgern an. Ich überprüfe Anschriften von verdächtigen Personen, und manchmal nehme ich zusammen mit einem Kollegen jemanden fest." Klessny spricht sehr schnell, während sie das erklärt. Ihre Kollegen rufen deswegen oft: "Langsam, Marina, wir verstehen dich nicht!" Sie sagt dann: "Ich hab doch nicht so viel Zeit!"

Klessny ist nicht die einzige Polizistin, der es so geht. Die rund 10.000 Beamten und Angestellten der Hamburger Polizei sind so beschäftigt, dass sie mehr als eine Million Überstunden angehäuft haben. Ihre Kollegen in den anderen Bundesländern haben zurzeit ebenfalls besonders viel zu tun. Die Polizeidienststellen sind oft knapp besetzt, und der Nachwuchs fehlt. Außerdem sind die Aufgaben der Polizei vielfältiger geworden. Das liegt unter anderem daran, dass viele Flüchtlinge in Deutschland ankommen. Es gibt Demonstrationen, bei denen Polizisten aufpassen müssen, dass niemandem etwas passiert. Häufig fahren die Beamten auch zu Flüchtlingsunterkünften: entweder weil es in der Enge dort zu Streitereien unter den Bewohnern kommt oder weil sie von Ausländerfeinden bedroht werden.

In Klessnys Gebiet gibt es ein Heim für geflüchtete Kinder und Jugendliche, die ohne ihre Eltern in Deutschland sind. Da schaut sie jetzt vorbei. Sie möchte sich erkundigen, ob alles in Ordnung ist. Gestern war sie schon mal dort, weil ein Junge sich weigerte, zur Schule zu gehen – bis die Polizistin kam, um ein ernstes Wörtchen mit ihm zu reden. "Ich kann das, ich habe selbst zwei Kinder", sagt die 55-Jährige. Die sind zwar schon erwachsen, aber ihre Standpauke hat trotzdem gewirkt: In der Küche steht heute nur eine Mitarbeiterin und rührt in einem großen Topf. Kein Kind ist da, alle sind in der Schule. "Gut", sagt Klessny und scherzt noch ein wenig mit der Frau.

Streng und freundlich sein – beides muss eine Stadtteilpolizistin können. Die Menschen im Viertel sollen sie mögen und ihr vertrauen, damit sie sich bei Problemen an sie wenden. Doch wichtig ist auch, dass sie Respekt vor ihr haben.

Den haben sie. Das merkt man sofort, wenn man mit Klessny in den Straßen des Wohngebiets unterwegs ist. Ein Mann stoppt plötzlich in der Mitte der Fahrbahn, weil er bei Rot über die Straße gelaufen ist. "Entschuldigung!", ruft er. Die Polizistin hält den Zeigefinger hoch: "Das nächste Mal stehen bleiben!" Ein paar Straßen weiter bremst ein Autofahrer ruckartig neben ihr, um ja nicht bei Gelb über die Ampel zu fahren. Sobald die Einwohner Klessny in ihrer dunkelblauen Uniform sehen, verhalten sie sich vorsichtiger. Viele kennen sie, grüßen sie und wechseln ein paar Sätze mit ihr.

Seit elf Jahren ist Marina Klessny als sogenannte bürgernahe Polizistin in diesem Stadtteil unterwegs – meistens allein. Deswegen muss sie besonders aufpassen, dass sie nicht in gefährliche Situationen gerät. Wenn sie über das Funkgerät hört, dass in ihrem Gebiet etwas passiert ist, entscheidet sie, ob sie allein dorthin gehen kann oder ob lieber ein Streifenwagen, der mit zwei Polizisten besetzt ist, kommen soll.

An diesem Tag im Januar ist das nicht nötig. Klessny besucht noch eine ältere Frau, die auf Trickdiebe hereingefallen ist. Zwei Männer haben behauptet, sie wollten die Feuermelder austauschen, und ihr dann Geld gestohlen. Nun erklärt die Polizistin ihr, wie sie vorsichtiger sein kann, damit so etwas nicht noch mal passiert.

Bevor Klessny auf die Wache zurückkehrt, geht sie noch zur Grundschule. Es ist 13 Uhr. Die Kinder stürmen raus in die Kälte. Klessny passt auf, dass alle heil über die Kreuzung kommen. Dabei tritt sie von einem Bein aufs andere. Was sie besonders mag an ihrem Beruf? "Den engen Kontakt mit den Menschen im Stadtteil." Was sie nicht mag? "Wenn das Wetter schlecht ist", schließlich ist sie die Hälfte der Arbeitszeit draußen. Bei minus sechs Grad heute fühlen sich ihre Füße an wie Eiszapfen. Ausnahmsweise freut sie sich, dass jetzt im warmen Büro noch Papierkram auf sie wartet.