Fraglich bleibt zudem, wie ernst die Verfechter der Entschleierung ihr frauenrechtliches Engagement eigentlich meinten. Evelyn Barings Plädoyer etwa, die Frauen aus dem "unheilvollen Käfig" des Islams zu befreien, wird von seiner Schulpolitik als Kolonialverwalter konterkariert. Er hatte den im Osmanischen Reich kostenlosen und mit Staatsstipendien unterstützten Besuch öffentlicher Schulen durch ein Bezahlsystem mit ständig ansteigenden Kosten ersetzt. Seine Begründung: Der Wunsch, "erzogen" zu werden, manifestiere sich am besten im Willen, dafür zu bezahlen. An anderer Stelle machte er deutlich, worum es ihm mit seiner Strangulierung des Erziehungssystems durch hohe Gebühren tatsächlich ging: Er wollte das Aufkommen gefährlicher nationalistischer Gefühle verhindern, die über kostenlose höhere Bildung befördert werden könnten. Man müsse den Abstand zwischen den Massen und den politisch nur "halb gebildeten Marktschreiern" gering halten.

Auch wenn Baring sich als Kolonialverwalter um den Machterhalt des Empire sorgte, sieht es auf den ersten Blick so aus, als hätte er verlässlich und nachdrücklich für die Sache aller unterdrückten Frauen eingestanden. Sein "Feminismus" reiste jedoch nicht mit ihm nach England zurück. 1910, nach seiner Entlassung infolge einer grausamen Strafexpedition, die er angeordnet hatte, gründete er in England die National League for Opposing the Suffrage of Women, die Nationale Liga gegen das Frauenwahlrecht. Durch Lobbyismus im Parlament wollte er ein Gesetz verhindern, das Frauen das Stimmrecht zuerkennt. Mit von der Partie waren Kolonialgrößen wie Lord Curzon, ehemals Generalgouverneur und von 1899 bis 1905 Vizekönig von Indien, und der berühmte Verfasser des programmatischen Kolonialgedichts White Man’s Burden, der Schriftsteller Rudyard Kipling. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts waren die britischen Frauenrechtlerinnen immer stärker geworden. Ihr radikaler Flügel, die Suffragetten, hatte ihren Forderungen mit Bomben- und Brandanschlägen und Hungerstreiks im Gefängnis Nachdruck verliehen und damit das Anliegen in die Mitte der gesellschaftlichen Diskussion katapultiert.

"Denn der deutsche Mann ist männlich, und die deutsche Frau ist weiblich"

Trotz dieser Publizität war der Einfluss der "Antis", wie die Gegner des Frauenwahlrechts genannt wurden, weitaus größer. Die fehlende physische Stärke der Frauen wurde genauso als Argument ins Feld geführt wie ihre Abhängigkeit von Monatszyklen und die Belastung durch Geburten. Der gesamte moderne Wissensbestand der Jahrhundertwende aus der Medizin und der neu entstehenden Biologie (samt Darwins Evolutionstheorie und den daraus entsprungenen Sozialdarwinismen) wurde aufgeboten, um das Frauenwahlrecht zu diskreditieren.

Evelyn Baring verfolgte noch eine andere Agenda, die mit seinem Engagement für das britische Weltreich zu tun hatte. Wie in Ägypten, wo er die Schulen verteuerte, um dem antikolonialistischen Widerstand das Wasser abzugraben, ging es ihm auch hier um die Stärke des Empire. Die Protagonistinnen des Frauenwahlrechts erschienen ihm als Mannsweiber, die England schwächen würden, wenn es gegen Konkurrenten mit stabiler Geschlechterordnung antreten müsste. Insbesondere das erstarkende deutsche Kaiserreich schien ihm da im Vorteil: "Denn der deutsche Mann ist männlich, und die deutsche Frau ist weiblich [...]. Wie können wir hoffen, mit einer solchen Nation Schritt zu halten, wenn wir zu Hause einen Krieg gegen die Natur entfesseln und die Verhältnisse der Geschlechter umkehren?!" Andere Stimmen in seinem Kreis fragten sorgenvoll, ob etwa die Männer in Indien noch genügend Respekt gegenüber ihren Kolonialherren aufbringen würden, wenn diese zuließen, dass sich ihre Frauen politisch emanzipierten.

Nun würde man annehmen, dass sich britische Frauenrechtlerinnen im Sinne einer "global sisterhood" mit ihren ägyptischen und indischen Schwestern solidarisiert hätten, die ja gewissermaßen doppelt unterdrückt wurden – vom orientalischen Patriarchat in ihren Ländern und von den okzidentalen britischen Besatzern. Doch leider gingen Frauenrechtsdiskurs und Kolonialismuskritik bei den vorwiegend aus der oberen Mittelklasse stammenden britischen Feministinnen selten Hand in Hand.

Heute sprechen Feministinnen aus dem Globalen Süden von "imperialem Feminismus", der strukturell dasselbe "Abfolgemodell" von Frauenemanzipation vor Augen hatte, das auch der Brite Baring und arabische Retter muslimischer Weiblichkeit wie Qasim Amin favorisierten: Westliche Geschlechterregime wurden als der Königsweg betrachtet, über den Frauenemanzipation allein denkbar schien. Entsprechend wurden indische und arabische Frauenrechtsbewegungen nicht als gleichberechtigt angesehen, sondern unter die Fittiche genommen, auf dass sie den rechten Weg fänden. Nach einer Suffrage-Parade in London, in der auch Vertreterinnen von indischen Frauenbewegungen mitliefen, wurde von folgender Reaktion aus dem Publikum berichtet: "Hier laufen sogar ›Brownies‹ mit!" Die charmantesten "Brownies" seien die "in den indischen Kostümen" gewesen.

Es ist also Misstrauen geboten, wenn weiße Männer oder weiße Frauen "braune" Frauen vor "braunen" Männern retten wollen. Bei Evelyn Baring, dem Earl of Cromer, kam noch ein Sentiment gegen starke Frauen hinzu. 1912 hatte er entnervt den Vorsitz der Anti-Wahlrechts-Organisation hingeworfen. Die nationale Liga war nämlich aus der Vereinigung zweier jeweils monogeschlechtlicher Frauen- und Männerligen hervorgegangen. Und auch wenn die alten Haudegen des Empire als Galionsfiguren dienten: Ihre Leitung war paritätisch besetzt. Frauen waren also mehr oder weniger gleichberechtigt als Organisatorinnen und Kampagnenleiterinnen gegen das Frauenwahlrecht tätig. Damit erhielten sie paradoxerweise genau die Möglichkeit politischer Repräsentation, die ihnen das Programm der Liga verwehren wollte.

Im Lauf der Zeit führte dies immer wieder zu Konflikten. Einer davon trieb Baring zum Rücktritt. Er begründete ihn mit seiner zunehmenden Erschöpfung: Um "weiterhin mit diesen infernalischen Frauen zusammenzuarbeiten", fehle ihm die "Gesundheit, Stärke, Jugend und die nötige Ausgeglichenheit".