Jahrelang gab es das gleiche Schauspiel: Die Pforten zur Antiquariatsmesse im Kunstverein am Stuttgarter Schlossplatz öffnen sich, und eine Menschenmenge stürzt in die Hallen, rennt, rempelt, bahnt sich den Weg. Jeder will an den Stand, an dem das Werk steht, das er (es sind tatsächlich überwiegend Männer) im vorab versandten Katalog entdeckt hat. Die Statuten der Messe ließen eine Reservierung nicht zu, man musste einfach nur der Erste am Stand des jeweiligen Antiquariats sein. Diese gleichermaßen würdelose wie erheiternde Stampede geballter Sammlerleidenschaft gibt es nicht mehr. Nicht dass die Bibliophilen ausgestorben wären. Das Prozedere auf der Messe wurde schlicht geändert. Nun werden vorab die Interessenten gelistet und vor Ort ausgelost. Das ist auch nicht immer lustig, aber die Frustrationsschwelle eines Sammlers ist naturgemäß und ziemlich sicher so hoch wie seine Bereitschaft, aufzuspüren und zu erkunden.

Was sich ebenso geändert hat, sind die Themen und Sparten, die nun gerade von jüngeren Sammlern kompiliert werden. Das Interesse gilt dem Obskuren, dem Ephemeren, dem Objektcharakter eines Druckwerks. Die fantasieanregende Narration, die Kunde aus der Vergangenheit soll gleichsam als Schlaglicht beispielsweise in einer weniger spektakulären, aber punktuell aufschlussreichen, möglichst bis dato unbekannten Broschur greifbar werden. Das Skizzenhafte, der Beleg einer Idee, das Fragmentarische, in dem das große Ganze aufblitzt, erregt Aufmerksamkeit.

Freilich finden sich im Katalog zur diesjährigen Messe des Verbands der Antiquare (29. bis 31. Januar, www.stuttgarter-antiquariatsmesse.de) unter den Ankündigungen der 70 Aussteller – zur Internationalität tragen 17 Teilnehmer aus Österreich, der Schweiz, aus Großbritannien und Italien bei – weiterhin die Werke der klassischen Bibliophilie.

Tenschert (Bibermühle, Schweiz) etwa präsentiert ein mit 31 ganzseitigen Miniaturen kostbar illuminiertes Ritterepos, eine elsässische Handschrift aus der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek Donaueschingen für 2,4 Millionen Euro. Das Antiquariat Bado e Mart bringt für seine Stuttgarter Premiere aus Padua die erste gedruckte Ausgabe von Petrarcas Trionfi e canzoniere mit, eine venezianische Inkunabel von 1497 (28.500 Euro). Hatry (Heidelberg) hat ein Konvolut mit 23 Flugschriften zum Bauernkrieg dabei, agitatorische Pamphlete aus den Jahren 1524/25, unter anderem mit scharf formulierten Stellungnahmen von Martin Luther und Thomas Müntzer, die seinerzeit zwar massenhaft gedruckt und verbreitet wurden, jedoch als Propagandamaterial nur selten in einigermaßen gutem Zustand erhalten blieben (68.000 Euro).

Mit solchen Werken ist sowohl der einsatzbereite Sammler angesprochen, der auf die solide Wertanlage eines Rarissimums setzt, als auch der bildungsbürgerlich orientierte Bibliophile mit einem nicht unerheblichen Quantum an Prestigebewusstsein. Unbestreitbar ist aber auch deren, zugegeben vielleicht etwas behäbig daherkommender, über die inhaltliche Bedeutsamkeit hinausweisender, buchstäblich greifbarer Zeitzeugenstatus.

Kleine Werbebroschüren aus den zwanziger Jahren sind heute gesuchte Ware

Der bemerkenswert hohe Standard der Stuttgarter Messe zieht sich durch (fast) alle Wissens- und Sammelgebiete. Gut vertreten sind nach wie vor seltene Erstausgaben der deutschen Literatur zwischen Sturm und Drang, Kafka und Thomas Mann (überwiegend im mittleren vierstelligen Euro-Bereich), die frühen Landkarten und Atlanten, die üppigen Tafelwerke zu Flora und Fauna, die Reiseliteratur der Entdecker und ihrer Begleiter, etwa Georg Forsters erste Ausgabe der zweibändigen Beschreibung von Captain Cooks Reise um die Welt mit der Resolution (4.800 Euro).