Er war der Musterknabe Südeuropas, der Gegenentwurf zum störrischen Griechen Alexis Tsipras, ein Energiebündel, verglichen mit dem müden Spanier Mariano Rajoy.

In fast zwei Jahren Amtszeit brachte Matteo Renzi eine Reform nach der anderen auf den Weg. Er regelte den Arbeitsmarkt neu, schuf eine effizientere Bürokratie und verkleinerte das viel zu große Parlament. Italien modernisiert sich, die Wirtschaft wächst, wenn auch nur zaghaft, neue Jobs sind entstanden. Innenpolitisch gibt sich Renzi als forscher Erneuerer, außenpolitisch zeigte er jene Vorsicht und Besonnenheit, die einem 41-jährigen Neuling auf dem internationalen Parkett angemessen schienen – schließlich beschränkten sich, bevor er den bestens vernetzten Parteifreund Enrico Letta aus dem Amt des Regierungschefs drängte, seine Erfahrungen auf die Lokalpolitik in der Toskana, wo er als Bürgermeister diente.

Renzis sozialdemokratische PD (Partito Democratico) ist eine Schwesterpartei der SPD, aber er suchte lieber den Schulterschluss mit Angela Merkel: Staatsführer unter sich. Jetzt, da Merkel Schwächen zeigt, schert Renzi aus.

Beharrlich weigert er sich, seinen Teil für jene Drei-Milliarden-Euro-Zahlung an die Türkei zu berappen, mithilfe derer die EU, vor allem Deutschland, den Flüchtlingsstrom eindämmen will. Offiziell ist das Geld für die Betreuung von Flüchtlingen bestimmt, der italienische Beitrag würde sich auf rund 300 Millionen Euro belaufen. Viel Geld für ein Land, das verzweifelt sparen muss, ob am Gesundheitssystem, in den Universitäten oder bei der Mafia-Bekämpfung. Ohnehin ist Renzi der Meinung, Italien habe bereits genug für Europa gegeben – in jener Zeit, als die Masse der Flüchtlinge über das Mittelmeer kam und nicht über den Landweg. Jahre, in denen Europa von Italien verlangte, die Außengrenzen zu sichern und dafür zu sorgen, dass die ungebetenen Einwanderer nicht weiter nach Norden reisten. Wie der Partner im Süden mit dem Problem fertigwurde, interessierte Brüssel wie Berlin damals wenig. Die Kosten für die Operation Mare Nostrum etwa, mit der vor Sizilien 150.000 Flüchtlinge gerettet wurden, trug Italien allein. Römische Forderungen nach gemeinsamen Anstrengungen für eine humanere Flüchtlingspolitik verhallten ebenso ungehört wie die Appelle von Papst Franziskus. Stattdessen bemängelten die Nachbarn im Norden die Zustände in den sizilianischen Flüchtlingslagern. Und kritisierten, dass Italien die Weiterreise der Asylsuchenden nicht verhinderte.

Renzis Botschaft ist klar: Wir haben unseren Teil geleistet, jetzt sind die anderen dran. Am Freitag, wenn der Italiener nach Berlin reist, wird Angela Merkel versuchen, ihn umzustimmen. Und sie wird auf Granit beißen. Denn Renzis Weigerung, sich an dem Türkei-Paket zu beteiligen, entspringt politischem Kalkül. Italien, argumentiert er, könne die Millionen nicht lockermachen, ohne gegen die Brüsseler Haushaltsvorgaben zu verstoßen.

Sollten die Deutschen angesichts italienischer Schulden von 130 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bereit sein, ein Auge zuzudrücken, dann wäre Rom vielleicht auch willens, ein wenig Geld an die Türkei zu geben.

Bereits bei der Frage um die Registrierzentren für Flüchtlinge in Süditalien hat Matteo Renzi gezeigt, dass er nicht bereit ist, in Vorleistung zu treten. Weil bislang nur zwei von sechs geplanten Zentren einsatzbereit sind, will Brüssel ein Verfahren einleiten. Es wirft Italien vor, angeblich nur die Hälfte aller 140.000 Ankömmlinge im vergangenen Jahr registriert zu haben. Renzi spielt den Ball zurück. Das seit September gültige EU-Umverteilungsprogramm erfülle seine Vorgaben ebenso wenig, kontert er. Statt monatlich 6.700 Menschen aus Italien und Griechenland seien gerade mal 322 Flüchtlinge "umverteilt" worden.

Aus dem Musterschüler Renzi ist in den letzten Wochen ein angry young man geworden, ein wütender junger Mann. "Europa muss 28 Ländern dienen, nicht nur einem", schrieb er kurz vor Weihnachten in der Financial Times, das eine Land, dem Italien nicht weiter dienen wolle, sei Deutschland. Die von Berlin und Brüssel verlangte Sparpolitik fördere statt der Wirtschaft nur die antieuropäischen Populisten, klagte Renzi. "Wer das treu und brav ausführt, verliert die Wahlen", wie zuletzt die Kollegen in Spanien und Portugal.

Während Angela Merkel schwieg, reagierte Jean-Claude Juncker Mitte Januar pikiert auf die römischen Provokationen: "Die Stimmung zwischen der EU-Kommission und der italienischen Regierung ist nicht die allerbeste." Renzi gab ungerührt zurück, die Zeiten, in denen Italien sich "fernsteuern" ließe, seien vorbei: "Wir sind keine Bittsteller in Brüssel und fordern Respekt." Diese neuen, markigen Töne richten sich indes weniger an Juncker selbst als an die Opposition in Italien. Die zerfällt nach der Auflösung von Silvio Berlusconis Forza Italia derzeit in zwei große populistische Blöcke, die rechtsextreme Lega Nord und Beppe Grillos Fünf-Sterne-Bewegung. Zusammen kommen sie in Umfragen auf eine Mehrheit, auch wenn derzeit nichts darauf hindeutet, dass sie eine Koalition bilden könnten. Nur eines eint die Lega und die Fünf Sterne, nämlich die Ablehnung der EU und des Euro sowie die Stimmungsmache gegen Deutschland.

Doch sosehr Renzi die Deutschen fordert, am Montag, beim Innenministertreffen in Amsterdam, stellte er sich bedingungslos auf ihre Seite: ohne offene Grenzen kein Europa. Das war geschickt und zugleich gewagt, denn die Opposition in Italien schäumte. Das gewaltige italienische Medienecho zu den Übergriffen der Kölner Silvesternacht hatte vor allem die Lega Nord zu hysterischen Szenarien veranlasst: Derart deutsche Verhältnisse drohten auch Italien, warnten sie, falls der Merkel-Freund Renzi den Illegalen Tür und Tor öffne.