*9. 8. 1927 - † 24. 1. 2016

Stets zeigte er dieses Lächeln. Marvin Minsky war immer voller Vorfreude auf die nächste Überraschung. Als ich ihn vor etwa 25 Jahren zum ersten Mal in einer Vorlesung erlebte, drehte er eine projizierte Folie auf den Kopf und fragte schelmisch: "Zeigt uns das etwas Neues?" Er konnte auch seine Studenten gewinnend anlächeln, um ihre Ehrfurcht abzubauen und ihnen Ideen zu entlocken. Denn Minsky war süchtig nach Ideen. Kam nichts, lächelte er eben nachsichtig.

Der gelernte Mathematiker wandte sich in den frühen fünfziger Jahren als einer der Ersten der Frage zu, ob sich mit den Methoden der Informatik Künstliche Intelligenz (KI) bauen ließe. Journalisten nannten ihn den "KI-Papst", aber in Wahrheit war er stets Ketzer. In den Sechzigern galten etwa künstliche neuronale Netze (KNN) als die Lösung aller Rätsel: Software, die das Zusammenwirken von Gehirnneuronen nachspielt. Minsky hatte deren Grundlagen erforscht, aber dann gezeigt, wie begrenzt die damaligen Methoden waren.

Seine Kritik schlug dermaßen ein, dass die meisten Forscher aufgaben. Erst Jahrzehnte später nahm die KNN-Forschung wieder Fahrt auf. Diese Woche prangt ihr jüngster Triumph auf der Titelseite des Wissenschaftsmagazins Nature: "Endlich – ein Computerprogramm, das einen Go-Champion schlagen kann". Das asiatische Brettspiel Go gilt für KI als weitaus größere Hürde als das Schachspiel.

Der Körper als Hardware: Für Minsky war der Geist ein Produkt der Materie

Diese Sensation hätte Minsky indes kaum irritiert. Denn dass bestimmte Methoden für bestimmte Probleme optimal sind, weshalb die neuronalen Netze ihre Berechtigung haben, hatte er ja nie bezweifelt. Bloß galt ihm Intelligenz als das gemeinsame Produkt einer Vielzahl unterschiedlicher Verfahren. Manche ihrer Leistungen kommen schlicht durch Versuch und Irrtum zustande, myriadenfach wiederholt; andere setzen vorgegebene Methoden voraus, wieder andere Neigungen oder Tendenzen, die miteinander konkurrieren – Minsky hatte sowohl seinen Kant als auch seinen Freud gelesen. Einmal kramte er während unseres Interviews aus seiner Anglerjacke ein Multifunktionswerkzeug hervor und sagte: "Allgemeine Intelligenz besteht darin, eine Bierdose nicht mit einem Schraubenschlüssel zu öffnen."

Er war zwar ein Theoretiker des Leib-Seele-Problems, jener ehrwürdigen Philosophenfrage nach dem Verhältnis von Körper und Geist, aber zugleich auch ein Praktiker. Ausgerechnet er, der seinen Studenten davon abriet, sich mit dem Herumschrauben an Robotern allzu lange vom Nachdenken ablenken zu lassen, hat der Robotik viel gegeben – einer Disziplin, die sich als "KI mit Körpern" beschreiben ließe. Minsky sah zwar Körperlichkeit nicht als Schlüssel zur Intelligenz, doch ihm gefielen die praktischen Probleme, vor denen Roboter stehen. In seiner letzten Vorlesung zeigte er sich unbeeindruckt davon, dass ein Programm namens Watson ein Fernsehratespiel gewonnen hatte: "Ausgeschlossen, dass es begreift, dass man mit einer Schnur zieht und nicht drückt. Solches Alltagswissen interessiert mich viel mehr."

Schon 1968 hatte er einen Roboterarm gebaut. Dessen Geschicklichkeit rührte nicht von drehbaren Gelenken her, sondern vom Zusammenspiel mehrerer Teleskopstangen – darauf musste erst mal jemand kommen. Ebenso wie auf das konfokale Mikroskop, das er 1961 erfunden hatte: Es beleuchtet sein Objekt nacheinander in verschiedenen Tiefenebenen; heute ist dieses Prinzip Laboralltag.

In Minskys Büro wuselten Spielzeugroboter umher, während er verschmitzt grinsend mit dem Besucher die Frage diskutierte, ob Roboter eines Tages den Menschen übertreffen, gar beherrschen würden. Ihn ängstigte diese Vorstellung nicht, denn den Menschen sah er wie alles Existierende als Übergangsphänomen.

Weil ihm der Geist eine Funktion der Materie war, hoffte Minsky, eines Tages werde die individuelle Intelligenz vom Menschenkörper befreit und laufe auf einer anderen Hardware. Joseph Weizenbaum, wie Minsky ein Veteran des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der erste ernst zu nehmende Kritiker der Informatik, entgegnete ihm darauf einmal: "Marvin, du mögest noch lange leben, aber ich träume, dass wir am Tag nach deinem Tode in deinem Schreibtisch einen Brief finden, worin steht: Ich habe es nicht so gemeint."