DIE ZEIT: Herr Courtial, Sie haben gerade ein spektakuläres ökumenisches Ereignis organisiert: Am Montag sang der Chor der Dresdner Frauenkirche für den Papst – auf dessen persönlichen Wunsch. Wie erfährt man von solchen Wünschen: Hat er Ihnen geschrieben? Angerufen?

Hans-Albert Courtial: Nein! Der Leiter des Chores der Sixtinischen Kapelle, Monsignor Massimo Palombella, rief an und sagte: Papst Franziskus wünscht sich, dass der Chor einer anderen christlichen Konfession zum Abschluss der Gebetswoche für die Einheit der Christen singt – und zwar erstmals bei einer Vesper des Heiligen Vaters.

ZEIT: Der Wunsch kam ziemlich spontan, vor gerade zwei Wochen. Typisch Franziskus?

Courtial: Ach, wissen Sie, er ist viel beschäftigt. Und die Zeit hat ja gereicht. Ich dachte zuerst an den Thomanerchor, weil der schon in Rom gesungen hat, doch der langjährige Thomaskantor Georg Christoph Biller ist vor einem Jahr wegen Krankheit zurückgetreten, und so war bei den Leipzigern alles etwas schwierig. Daraufhin kam mir die Idee mit der Frauenkirche. Ich lud den Chor im Namen von Maestro Palombella ein, und unsere Stiftung Pro Musica e Arte Sacra finanzierte den Besuch.

ZEIT: Sie sind Direktor dieser großen Stiftung in Rom und setzen sich seit 2002 für die Pflege sakraler Musik und Kunst ein. Von Franziskus behaupten seine Gegner, der Papst der Armen interessiere sich nicht für den kulturellen Reichtum seiner Kirche. Stimmt das?

Courtial: Unsinn! Franziskus wollte zum Beispiel, dass beim nächsten Hochfest der Apostel Petrus und Paulus im Juni in Rom alle christlichen Kirchen mit Chören vertreten sind. Und wir werden sie auch zusammenbringen: Anglikaner, Russisch-Orthodoxe, Protestanten. Gemeinsam singen sie das Credo und das Tu es Petrus: "Du bist Petrus, auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen." Das ist eine Geste der Freundschaft, und sie beruht auf Gegenseitigkeit. Wenn unsere Stiftung römische Chöre zu einer Liturgiefeier der evangelischen Kirche schickt, dann singen die Katholiken selbstverständlich auch deren Lieder.

ZEIT: Am Montagabend, bei der Vesper des Papstes mit dem Dresdner Chor, passierte etwas Unerwartetes: Franziskus bat um Vergebung für die Trennung der Christen. Wörtlich sagte er: "Als Bischof von Rom und Hirte der katholischen Kirche will ich um Vergebung für das Verhalten katholischer Christen gegenüber den Christen anderer Kirchen bitten." Was sagen Sie zu dieser Geste, direkt vorm Reformationsjubiläum 2017?

Courtial: Großartig! Ich bin stolz auf diesen Papst. Heute darf es nicht mehr um konfessionelle Zwistigkeiten gehen. Was die Theologie oft nicht schafft, gelingt ja in der Musik mühelos und entspricht dem Lebensgefühl vieler Christen: Einheit.

ZEIT: Wann haben Sie zum ersten Mal ein Konzert für einen Papst organisiert?

Courtial: Das kann ich so nicht sagen. Für unsere Stiftung war es wunderbar, dass der damalige Kardinal Joseph Ratzinger öfter zu Konzerten kam. Und auch als Papst war er 2008 bei unserem jährlichen Festival, hörte die Wiener Philharmoniker in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern. Später wandte sich Massimo Palombella an mich, weil er von Benedikt den Auftrag hatte, den Chor der Sixtina mit Chören anderer Kirchen zusammenzubringen. Er bat uns, die Ökumene zu fördern. Benedikt hat es angeregt, Franziskus hat es bestätigt.

ZEIT: Was waren die größten Konzerte?

Courtial: 2012 besuchte der Chor der Sixtina den Chor der Westminister Abbey in London, 2013 den Thomanerchor in Leipzig, 2014 den Chor des Moskauer Patriarchats. Es folgte immer ein Gegenbesuch in Rom.