Was schenkt man einem Papst? Und vor allem, was schenkt man als Protestant? Wir haben uns für einen Stein der Frauenkirche entschieden. Der Kammerchor legte zusammen, kaufte einen Stifterbrief, und unser Pfarrer Holger Treutmann schrieb dazu, der Stein möge die Gemeinschaft mit den Katholiken festigen. Nun besitzt Franziskus also ein Stück unserer Kirche. Wir wollten uns nicht nur einladen lassen, sondern selbst eine Brücke nach Rom schlagen. Das ist ja auch die Symbolik unserer wiedererrichteten Kirche: Frieden halten, Versöhnung leben.

Und was singt man für einen Papst? Ich bin seit elf Jahren Kantor der Frauenkirche, wir sind schon vor Obama aufgetreten, aber als der Anruf aus Rom kam, dachte ich, das sei ein Scherz. Allein der Termin: übernächste Woche? Auf meine Rundmail an den Chor kamen dann allerdings, oh Wunder, 38 Zusagen. Hart war, dass nur 30 Sänger mitreisen konnten. Leicht hingegen die Entscheidung für Johann Sebastian Bach. Er hatte als Thomaskantor in Leipzig die Fühler stets nach Dresden ausgestreckt, und seine A-cappella-Choräle enthalten alle Schwierigkeiten, die die barocke Kirchenmusik bietet. Ich dachte sofort an Jesu meine Freude, weil darin viele Stellen aus dem Römerbrief des Apostels Paulus enthalten sind – und wir würden dem Papst in der Basilika Sankt Paul vor den Mauern begegnen. Tatsächlich teilte mir der Chorleiter der Sixtinischen Kapelle später mit, Franziskus wünsche sich eine Bach-Motette. Voilà!

Am liebsten hätten wir natürlich das ganze Repertoire mitteldeutscher Kirchenmusik präsentiert, von Praetorius über Mendelssohn bis Schütz. Leider waren für die gemeinsame Vesper mit Franziskus nur 20 Minuten Musik nötig. Doch eine eigene Gabe fiel mir noch ein: Ich komponierte ein ganz kurzes Chorstück Für Franziskus, nach einem Bibelvers, der in Luthers Übersetzung lautet: "Ist’s möglich, so viel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden!" Der Rhythmus sollte fordernd sein, weil es nun einmal schwerfällt, mit allen gut Freund zu sein: Ist es wirklich möglich? Mach es möglich! Es geht!

Dieses kleine Lied sangen wir am vergangenen Sonntag erst einmal in der Lateranbasilika, dem eigentlichen Sitz des Bischofs von Rom, einer Konzertkirche mit wunderbarer Akustik und überwältigender Aura. Dort dann Bach aufzuführen war ein Gefühl, als ob zwei Kolosse christlicher Kunst einander überbieten – und wir winzigen Menschlein stehen staunend mittendrin. Von der Frauenkirche sind wir zwar auch eine klare, exzellente Akustik gewöhnt. Doch dieser Raum war ein Erlebnis.

Und am Montagabend, 25. Januar, natürlich der Papst. Wir fuhren mit Polizei-Eskorte nach Sankt Paul vor den Mauern. Seltsam war, dass wir unsere Komposition für Franziskus schon vor dessen Eintreffen singen mussten. Wir hätten es dem Papst natürlich gern direkt präsentiert und ihm die Partitur überreicht. Vielleicht ist die römische Liturgie noch nicht ganz auf der Höhe der Ökumene, wie der Papst sie will. Er kam dann aber sofort mit größter Freundlichkeit auf uns zu und dankte auf Deutsch. Seinen hellen Blick und sein unverstelltes Lächeln werde ich nicht vergessen. Wir sangen mit dem Chor der Sixtina und mit der Gemeinde im Wechsel einen Hymnus für das Heilige Jahr der Barmherzigkeit, dazu ein Magnificat aus dem 16. Jahrhundert. Währenddessen standen wir unter dem berühmten Fries mit den Porträts sämtlicher Päpste, von dem es heißt: Wenn kein Platz mehr für weitere Köpfe sei, erscheine der Herr.

Schöner Gedanke. Überrascht hat uns am Ende der Vesper, dass wir unsere Motette nicht zu Ende singen sollten. Da war ich, wie Bach gesagt hätte: etwas konfudiert. Es gibt eben doch noch ein paar konfessionelle Unterschiede. In der katholischen Liturgie ist die Musik eher Beiwerk, für uns Protestanten aber hat sie denselben hohen Stellenwert wie das Wort. Trotzdem waren wir überwältigt von dieser Freundschaftsreise. Und erst hinterher verstanden wir, welche offenen Worte der Papst auf Italienisch an alle Christen, auch an uns, richtete: "Wenn wir uns auf den Weg machen, merken wir, dass wir längst vereint sind im Namen des Herrn." Da fühlt unser Chor sich jetzt persönlich gemeint. Und hofft insgeheim auf einen Gegenbesuch von Franziskus in Dresden.