Eine der Standardsituationen der Feuilletonberichterstattung geht so: Ein Verleger muss seinen Hut nehmen, also wird gemutmaßt, sein Programm sei vermutlich zu literarisch und gewesen und habe die Renditeerwartungen des Konzerns, zu dem der Verlag gehört, nicht erfüllt.

Vergangene Woche wurde bekannt, dass der Piper-Verleger Marcel Hartges das Haus Ende Januar verlassen wird. Was mochte zu dieser Entscheidung geführt haben? Warum trennt sich der schwedische Mutterkonzern Bonnier, zu dem Piper seit 20 Jahren gehört, von Hartges? Natürlich spielte man automatisch die Standardsituation durch: Hartges, der seit 2009 den Piper Verlag leitete, hatte die Bestsellerautorin Charlotte Roche mit ins Haus gebracht. Und war Roches letzter Titel Mädchen für alles nicht deutlich hinter den Verkaufserwartungen zurückgeblieben?

Nein, so simpel läuft das Verlagsgeschäft nicht. Aber diese Erklärung überzeugt auch aus einem anderen Grund nicht. Bei allem Respekt für die verlegerischen Leistungen von Marcel Hartges: Einen elitären Feingeist mit kommerziellen Berührungsängsten hat ihn noch niemand geschmäht. Außerdem hatte er mit Ferdinand von Schirach einen Erfolgsautor zu Piper geholt, der auch international sehr gut funktioniert.

Vielleicht war es in diesem Fall ausnahmsweise einmal andersherum? Piper war einst der Verlag von Ingeborg Bachmann und Hannah Arendt. In den letzten 20 Jahren wurde das Haus zu einer der schlagkräftigsten Produktionsstätten gnadenloser Bestseller von Gaby Hauptmann über Michael Moore bis zu Hape Kerkeling. Da muss sich das Haus nicht verstecken. Autorennamen mit Aura hingegen verband man immer weniger mit Piper. Vielleicht soll der Verlag ja wieder literarischer werden? Wieder anknüpfen an die Erfolge mit Sándor Márai, bei dem beides, Anspruch und Unterhaltung, gut ausbalanciert war? Man kann sich auf derartige Erfolge naturgemäß nicht spezialisieren, aber sie sind nachhaltig und individualisieren ein Verlagshaus.

Zu einer solchen strategischen Perspektive würde auf jeden Fall die jüngste Nachricht passen: Felicitas von Lovenberg wird bei Piper auf Marcel Hartges folgen. Das ist eine Überraschung, insofern die frühere Literaturchefin der FAZ einen veritablen Seitenwechsel hinlegt – in zwei hochprofessionalisierten Branchen. Und es ist auch wieder nicht überraschend, weil man Felicitas von Lovenberg, die zudem die SWR-Literatursendung lesenswert moderiert, ohnehin fast alles zutraut: Gerüchteweise war sie schon einmal als Hanser-Verlegerin im Spiel – und als Nachfolgerin Frank Schirrmachers als FAZ-Herausgeber sowieso.

Man soll die Fallstricke des Seiteneinstiegs nicht unterschätzen. Den Berlin Verlag, der seit Kurzem ebenfalls zu Bonnier gehört, leitet der Schriftsteller und Rechtsanwalt Georg Oswald, auch das wird aufmerksam verfolgt. Felicitas von Lovenberg ist eine große Leserin von starker Urteilskraft, sie vereint Stil, Witz und Intellekt. Dass sie im Zweifelsfall lieber zu angelsächsischem Witz als zu deutscher Avantgarde neigt, hat sie nie verhehlt. Zu einer möglichen Reliterarisierung des Piper Verlags passt das gut.