Ein Malerbuch vom Autor des berühmten Malerbuches Der Maler von Peking (1993) – Tilman Spengler ist der Porträtist unter den Schriftstellern, er liefert hier eine feine Betrachtung des Künstlers Jörg Immendorff, der 2007 starb. Immendorff, Schüler von Joseph Beuys, Maler von Gerhard Schröder, verehrt von Wolfgang Schäuble – das ist großer deutscher Stoff, von der frühen Agitprop-Kunst des Düsseldorfer Professors über erotische Experimente mit koksenden Prostituierten bis zur Nähe mit den Mächtigen und einer Bild-Bibelausgabe. Man möchte fast bezweifeln, dass dies alles in ein Büchlein von 150 Seiten passen soll. Geht aber. Dieses Buch ist ein Raumwunder. Spengler erweckt in Kapitel eins seinen alten Freund Jörg erst einmal von den Toten, Ouvertüre also mit Immendorffs Staatsbegräbnis, das der alte Maler selber kommentiert. Dann begleitet Spengler ihn auf die klassische sanfte Spengler-Art über die Stationen seines Lebens bis zu dem Rollstuhl, in dem Immendorff in seinen letzten Jahren festsaß, ein Opfer der grausamen Nervenkrankheit ALS. Subtiler, ironischer, liebevoller als der begnadete Stilist Spengler hätte niemand die Stationen dieses Lebensweges nachzeichnen können. 15 Miniaturen. Spengler entgeht nichts, keine großspurige Geste des Kanzlers, nicht das bedeutsame Wortgetöse der Kunstsinnigen, nicht die monströs langweilige Autobahnszenerie von NRW, die Kulinarik der Düsseldorfer Altstadtkneipe oder die Zusammensetzung des Frischzellencocktails in der chinesischen Privatklinik, in die sich Immendorff am Ende flüchtete. Nun, et kütt, wie et kütt. Am Ende ist Immendorff tot, wir sollten dieses elegante Büchlein gleich noch mal lesen.

Tilman Spengler: Waghalsiger Versuch, in der Luft zu kleben. Roman; Berlin Verlag, Berlin 2015; 160 S., 18,– €, als E-Book 13,99 €