Das St. Pauli Theater auf der Reeperbahn, diese gemütliche, rote Spielbude neben Davidwache und Straßenstrich, ist genau der richtige Ort für Bella Figura, das neue Stück der französischen Erfolgsautorin Yasmina Reza. Es ist kein tiefgründiges Drama, sondern eine flotte Komödie, die in kaum 90 Minuten über die Bühne geht und das Publikum zu einem geselligen Lachen animiert. Es geht um nichts, doch dieses Nichts ist amüsant. Es ins Existenzielle hochzuziehen – diesen Fehler macht der Regisseur Ulrich Waller nicht. Er weiß, wo Barthel den Most holt, und knallt mit den Pointen.

Judith Rosmair spielt die Andrea bravourös – Andrea, dieses nicht mehr ganz junge, doch immer noch attraktive Dämchen im Minirock, das sich seit vier Jahren dem verheirateten Boris beim Seitensprung behilflich zeigt, zugleich jedoch alleinerziehende Mutter ist und sich nach Liebe und Geborgenheit sehnt. Was sie natürlich nicht kriegt, denn Boris, der gescheiterte, von Insolvenz bedrohte Unternehmer, ist lediglich scharf auf sie und hat mit Romantik wenig am Hut.

Wir sehen die beiden zu Beginn auf einem Parkplatz, sie wollen essen gehen, ausgerechnet im Restaurant La Lune, dessen Adresse Boris von seiner Gattin kennt. "Findest du es normal", fragt Andrea, "mit mir in ein Lokal zu gehen, das dir deine Frau empfohlen hat?" Die Stimmung ist mies, und die verärgerte Andrea ärgert Boris, indem sie von einer frischen Affäre mit einem jungen Mann erzählt. Boris kriegt sich nicht ein vor Wut. Der Mann, mag er noch so treulos sein, verlangt in jedem Fall Treue von seiner Geliebten. Der Streit eskaliert, man steigt ins Auto, Boris setzt wütend zurück und erwischt eine ältere Dame, die halb tot auf den Kies stürzt. Yvonne, so ihr Name, ist in Begleitung ihres Sohnes Eric und dessen Frau Françoise. Nach heftigen Vorwürfen und Entschuldigungen stellt sich heraus, dass Françoise die beste Freundin von Boris’ Frau ist. Somit ist Andrea als die Gelegenheitsgeliebte enttarnt.

Wir erleben nun, wie diese zufällige Fünfergruppe alles daransetzt, wieder auseinanderzugehen, wie sie sich ineinander verstrickt, wie sich die Anziehungs- und Abstoßungseffekte permanent verstärken und wie die Peinlichkeitsmenge rasend wächst. Das gegnerische Paar, im Begriff, den Geburtstag der wieder munter gewordenen Yvonne zu feiern, fährt Schampus auf, man betrinkt sich, beschimpft sich und flirtet miteinander. Waller arbeitet die Slapstick-Momente gekonnt heraus, den jäh aufheulenden Händetrockner in der Toilette, vor dem Yvonne mehr erschrickt als vor dem Kopulationsversuch, den Andrea und Boris trotz allem riskieren. Allein Judith Rosmairs akrobatische Aktion, sich den Slip wieder anzuziehen, taumelnd auf ihren Stilettos, ist zum Prusten. Auch die beiden Herren, Stephan Schad als Boris und Boris Aljinovic als Eric, nutzen unerschrocken die Mittel der Schmierenkomödie. Es ist wahr, dass man an diesem Abend zuweilen unter dem eigenen Niveau lacht, doch ist das eher ein Problem des Niveaus als des Abends.

Rezas Stück ist eine gut dosierte Mischung aus Romantik und Kalauer, aus Poesie und Grobheit. Man hört das Quaken der Frösche im nahen Teich, sieht die Sterne am nächtlichen Himmel und würde mit Andrea gern daran glauben, dass Anstand und Liebe nicht bloß Lug und Trug sind. Doch dann kommen die Stechfliegen, man schlägt sich auf die Wade, kratzt sich am Arm und bereitet die nächste Sottise vor. Aber wirklich böse, wirklich diabolisch ist keiner dieser netten und schrecklichen Alltagshelden. Das ist dann doch eine Art von Trost.

"Bella Figura", St. Pauli Theater, 4.–6.2., 8.2., 19.30 h, sonntags 18 h