Grüße aus Fukushima – Seite 1

Allein der Titel, welche Verheißung! Stilles Meer, wer dächte da nicht gleich an Ibsens Frau vom Meer oder an Hemingway natürlich, an Mendelssohns Meeresstille und glückliche Fahrt, an so gut wie alle Opern von Benjamin Britten? Wogengleich schwappen die Assoziationen über einen hinweg, Worte, Bilder, Klänge, und erreichen sogar die Redaktion der Tagesthemen, die am vergangenen Samstag einen Vorbericht über Toshio Hosokawas neue Oper brachten. Man stelle sich vor: zeitgenössisches Musiktheater, eine Uraufführung, von der niemand weiß, wie sie klingt, das Ganze nicht etwa an der glamourösen New Yorker Met oder in Wien, sondern im protestantischen Hamburg, sperriges, sprödes, kopfiges Zeug womöglich – und das zur zweitbesten Nachrichtensendezeit auf dem Kulturplatz im Ersten?

Das Rätsel lässt sich lösen. Fürs deutsche Fernsehen attraktiv ist weder die Entwicklung Hosokawas, des erfolgreichsten japanischen Komponisten in der westlichen Welt, noch die Tradition, in der der 60-Jährige hier steht: Von Korngolds Tote Stadt bis zu Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern war die Hamburgische Staatsoper immer offen fürs Neue, Uraufführungen sind fest in der Seele des Hauses verankert. Fürs Fernsehen freilich ist einzig das Etikett "Tsunami-Oper" attraktiv. Wer es dem Stillen Meer aufgepappt hat, ist kaum mehr zu eruieren, der Name Fukushima jedenfalls – die Oper nimmt die Katastrophe von 2011 zum Anlass – fällt im Libretto kein einziges Mal. Aber es wirkt, das Etikett. Und ist doch falsch.

Hosokawas vierte Oper behandelt eine posttraumatische Situation, die ebenso gut Khao Lak, Tschernobyl, Hiroshima, Dresden oder Pompeji heißen könnte. Das ist ihre Stärke und ihre Schwäche. Stärke: weil Hosokawa jeglichen Katastrophentourismus auf der Bühne verweigert – ihm und seinem Textdichter (und Regisseur) Oriza Hirata geht es nicht um Tsunamis und havarierte Atomkraftwerke, sondern um eine Expedition ins Innere. Und Schwäche: weil man sich fragt, warum die Geschichte überhaupt, laut Programmheft, in einem Dorf "an der Grenze zum Sperrgebiet rund um Fukushima 1, unweit des Kernkraftwerks" angesiedelt sein muss, wenn sie so wenig Spezifisches an Konfliktpotenzial und Dramatik zu bieten hat, wenn sie so allgemein bleibt. Stilles Meer schielt zu sehr nach tieferer Bedeutung, als dass man diese der Oper und ihren fünf Szenen wirklich abnähme.

Eine Deutsche, Claudia (Susanne Elmark), trauert um ihren japanischen Mann und ihren Sohn Max, die bei der Katastrophe ertrunken sind. Während Stephan, Max’ Vater und Claudias Ex (Bejun Mehta), sie zur Rückkehr nach Deutschland bewegen will, glaubt ihre Schwägerin Haruko (Mihoko Fujimura), dass Claudia durch ein Stück Nō-Theater (in dem eine Mutter ihr totes Kind sucht und findet) die Realität akzeptieren lernen könnte. Beides aber funktioniert nicht, selbst der unvermittelt angerufene Buddha vermag nichts auszurichten, und so bleibt am Ende alles, wie es ist. Die von den Dorfbewohnern während einer anfänglichen Trauerzeremonie ausgesetzten Laternen leuchten nun am Meeresgrund, und alle Musik verwispert und verflüstert sich.

Sicher, Stilles Meer ist ein Auftragswerk der Hamburgischen Staatsoper. Doch muss die Protagonistin deshalb eine (blonde) Deutsche sein, verfügt das Publikum über so wenig Abstraktionsvermögen und Empathie? Es mag um Wirklichkeiten gehen, innere, äußere, um fernöstliche Rituale und die "westliche" Unfähigkeit zu trauern, um gnadenlose Evakuierungsbefehle und von Raubfischen zerfressene Leichen, um Glaube, Liebe, Hoffnung, Trost. All dies bedarf keiner Nationalität und keiner Anbiederung. Namen wie Claudia, Stephan und Max aber banalisieren das Geschehen, ersticken jedes Schillern, zumindest für deutsche Ohren. Denn auch "Claudia" oder "Stephan" wollen gesungen sein, und da können sich der Komponist und die Sänger mühen, wie sie wollen: Es klingt immer albern. Clau-di-a, Ste-phan, Ma-hax. Ob es Japanern mit Haruko oder Hiroto (einem Mann aus dem Dorf) ähnlich ergeht? Ob es Zeitgenossen mit Carmen, Don Giovanni oder Aida jemals ähnlich erging?

Der Ferne Osten versinkt, das alte Europa lässt grüßen?

In Stilles Meer holt Toshio Hosokawa nach, was er sich bei seiner letzten Oper, Matsukaze – kurz nach der Katastrophe von Fukushima 2011 in Brüssel uraufgeführt –, versagt hat. Damals entschied er sich mit dem Regieteam um Sasha Waltz gegen eine Aktualisierung der schintoistischen Zurück-zur-Natur-Geschichte, so trefflich sie sich dafür geeignet hätte. Jetzt setzt er bei genau dieser Aktualität an, die, nur weil sie aus den Schlagzeilen verschwunden ist, an Brisanz nichts eingebüßt hat.

Ästhetisch geht er, der Ferneyhough- und Isang-Yun-Schüler, weiter in die Verfeinerung. Ein Revoluzzer war der Japaner nie, und so erinnert vieles an diesem Premierenabend an Matsukaze: der meditative Charakter der Musik, Brandung und Gischt, deren Nadelstiche man förmlich auf der Haut spürt, das notorische An- und Abschwellen der Klänge, als wachte Kent Nagano im Graben des Hamburgischen Staatsorchesters über einer riesigen Lunge. Das tun er und die Musiker 95 Minuten lang hoch konzentriert und so, dass neben aller akribischen Rechenschieberei durchaus Raum für Ausdruck bleibt (wozu die Sänger das Ihre beisteuern). Bisweilen ziehen sich Streicherschlieren durch die musikalische Textur, und wenn Claudia ihrem Ex-Stephan Lebewohl sagt, dann weint ein paar Takte lang ein Streichquartett.

Der Ferne Osten versinkt, das alte Europa lässt grüßen?

Neu ist die Intensität, mit der Hosokawa sich dem Schlagwerk widmet. Wahre Trommelwolkenbrüche ergießen sich, minutenlang, und bilden einen harten Kontrast zur Szene, die hauptsächlich abstrakt und unverbindlich bleibt (Bühne Itaru Sugiyama). Mehr von solcher Härte hätte sicher geholfen, die Seelen der Figuren so zu erhellen, dass sich blonde Deutsche genauso dafür interessieren wie der Rest der Welt.