Österreich ist Feindesland, in dem Sinne, dass dort die Feindschaft kultisch gepflegt wird. Ein Höhepunkt des Kults fand bei einem politischen Neujahrstreffen statt, das ja – wie neuerdings die österreichische Flüchtlingspolitik – ein Import aus Bayern ist. Der Führer der österreichischen Rechten, der Parteiführer der FPÖ, hatte bei seiner Rede im Bierdunst den Bundeskanzler der Republik als "Feind" tituliert: "Faymann", sagte er laut, "ist in Wahrheit ein Staatsfeind, ... ein Bürgerfeind und ein Österreichfeind. Ich sage das in der Offenheit. Anders kann ich ihn nicht mehr bezeichnen."

Ach, was waren das für Zeiten, da Enzensberger nicht anders konnte, als Saddam Hussein einen "Feind der Menschheit" zu nennen. Damals war’s noch ein Feind, heute sind viele daraus geworden. So ist Politik, die Kunst des Möglichen. Aber dass ein Politiker seinen biederen Kollegen Faymann in einer solchen Skala an Feindseligkeiten unterbringt, ist so komisch, dass dahinter – in meiner Wahrnehmung – die übliche Hetze und Klimavergiftung verblasst. Sicher, uns wird das Lachen noch vergehen, wenn Feind Strache endlich an der Macht ist. Aber bis dahin schlage ich vor, sich mit dem Begriff der Feindschaft zu beschäftigen, zum Beispiel anhand der kurzen und bündigen Überlegungen eines Philosophen: Wilhelm Schmid.

Sich mit der Feindschaft zu beschäftigen empfiehlt sich aus zwei Gründen: Erstens kann man sich mit dem Begriff der Feindschaft über den Skandal beruhigen, dass man Feinde hat. Zweitens könnte einem der Begriff dabei helfen, den oft genug blöden Affekten und Reflexen, die Feindschaften auslösen, nicht ganz und gar ausgeliefert zu sein. In Zeiten wie diesen, in denen die Gesellschaft bald nur noch aus Leuten bestehen wird, die einander anschreien, sollte man wissen, was man an seinen Feinden hat. Feinde stiften Sinn, sagt Schmid, und er argumentiert, dass Feindschaft längst ausgestorben wäre, hätte sie keinen Sinn gehabt: "In einem Maße wie sonst nur die Liebe vermag der feindselige Hass Menschen Sinn im Leben zu geben, einige beziehen sogar den Sinn des Lebens für sich daraus: Sie leben, um anderen das Leben schwer zu machen."

In diesem Sinne sehe ich die Leute, die mit perverser Anfeindungslust im Internet ihren Hass hinausposten, als Sinnsucher. Schmid weist darauf hin, dass es die Pole sind, also Hass und Liebe, durch die "die Energie" fließt. Wer sich in einem einmauert, verarmt. Ich glaube, in der Feindseligkeit, selbst wenn man sie in Massen auslebt, ist man isoliert, beengt. Der Familienmensch Schmid schreibt: "Vor allem die Liebe in der Familie hält den Raum dafür offen, der feindseligen Anderen verschlossen bleibt."

Wilhelm Schmid: Vom Nutzen der Feindschaft. Illustriert von Caroline List; Insel Verlag, Berlin 2015; 109 S., 8,– €