Ausgerechnet Brandenburg! Ausgerechnet das Kernland des preußischen Gehorsams, das Bundesland, in dem sich zuletzt nicht einmal mehr die Hälfte aller Wahlbeteiligten aufraffen konnte, um den Landtag zu wählen! Ausgerechnet von hier kommt dieser neue Impuls für einen Streit, den man kaum grundsätzlich genug führen kann – und der dringend mehr Ehrlichkeit braucht.

Mehr als 100.000 Brandenburger haben in den vergangenen Monaten das "Volksbegehren gegen Massentierhaltung" unterschrieben. Unter diesem Motto zwingt eine Initiative aus Biobauern, Tier- und Umweltschützern nun den rot-rot regierten Landtag, sich mit den Forderungen nach mehr Tierschutz (kein Schnäbelkürzen und Ringelschwanzkupieren mehr), nach weniger Großställen (keine Subventionen aus der Landeskasse mehr) und überhaupt nach mehr Ökolandbau zu beschäftigen.

Die Brisanz dieser Initiative geht über die einzelnen Punkte hinaus. Im Kern stellt das Volksbegehren die längst überfällige Systemfrage: Welche Landwirtschaft wollen wir in Deutschland? Und welche nicht?

Die Bauern haben es in der Vergangenheit versäumt, den Konsumenten ehrlich zu vermitteln, wie ihre Arbeit – allem voran in der Viehhaltung – heutzutage aussieht. Die Gemeinsamkeiten sind klein zwischen den grasenden Kühen auf der Milchpackung und den typischen Rindern, die zu Hunderten im Stall stehen, voll automatisiert gemolken und digital überwacht werden. Und mit Unternehmern (in Brandenburg kommen sie oft aus den Niederlanden oder Niedersachsen), die Riesenanlagen hochziehen, ohne sich groß um die Belange der Einwohner zu kümmern, sinkt die Akzeptanz für das Agrobusiness stetig.

Auch bei den Konsumenten ist es mit der Ehrlichkeit nicht so weit her. In unzähligen Meinungsumfragen haben stets mehr als 80 Prozent der Verbraucher beteuert, sie seien ja bereit, mehr für Fleisch und Milch und Gemüse zu bezahlen. Doch real liegt der Anteil von Bioprodukten bei fünf Prozent, bei Fleisch sogar bei nur 1,5 Prozent. Woher kommt diese Diskrepanz?

Wer kein Vertrauen hat, zahlt freiwillig auch nicht mehr. Ein einheitliches Siegel, das nach Kriterien wie Tierwohl, Umweltverträglichkeit und Arbeitsbedingungen funktioniert, das transparent ist und streng kontrolliert wird, könnte helfen. Genügen würde es nicht. Denn Bauern setzen ja auch deshalb auf Megaställe, weil in diesen die Produktion am ehesten rentabel ist, auch dank des Anreizes durch staatliche Subventionen. Das Geld grundlegend anders zu verteilen wäre ein Ausdruck des Wertewandels. Diese Systemfrage muss jetzt diskutiert werden – allerdings offenener und ehrlicher als in der Vergangenheit. Wer sie stellt, muss einen Teil der Antwort selbst geben: indem er mehr fürs Fleisch zahlt und weniger davon isst.