Würde Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) im Auto sitzen, er stünde im Dauerstau. Sein Lieblingsprojekt Ausländermaut? Längst ausgebremst. Die Vision, dass bis 2020 eine Millionen Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen unterwegs sind? Längst undenkbar. Die Regierung kann sich ja nicht einmal intern zügig auf die Art der Förderung einigen. Und die Aufarbeitung des Volkswagen-Skandals? Auch hier kommt der Minister nicht voran. Im Gegenteil.

Da Dobrindt aber keinen politischen Selbstmord begehen will, tat er, was Politiker in solch aufgeheizten Situationen gerne tun: Er setzte eine Untersuchungskommission ein. Allerdings tat der Verkehrsminister das Ende September, da hatten US-Behörden den Skandal um manipulierte Abgaswerte von Diesel-Fahrzeugen schon seit Wochen veröffentlicht. Und VW hatte längst eingeräumt, dass auch 2,4 Millionen Diesel-Fahrzeuge in Deutschland betroffen waren.

Mit der Transparenz, die von den Übeltätern bei Volkswagen so vehement gefordert wurde, ist es im Verkehrsministerium nicht weit her. Monatelang gab Dobrindt nicht einmal die Zusammensetzung der Kommission bekannt. Abgeordnete der Grünen warten – warum auch immer – bis heute auf die Namen. Die ZEIT erhielt sie diesen Dienstag auf Anfrage. Neben Mitarbeitern seines Ministeriums versammelt Dobrindt noch zwei leitende Beamte des Kraftfahrt-Bundesamtes (das KBA ist dem Minister unterstellt) sowie einen Professor der TU München als wissenschaftlichen Begleiter. Die Stimmen kritischer Umweltexperten? Nicht gefragt.

Und welche Ergebnisse ergaben die Tests der VW-Diesel-Modelle und jene der anderen Hersteller, die das KBA im Auftrag des Ministeriums durchgeführt hat? Dazu lässt der Minister mitteilen: "Die Nachprüfungen sind noch nicht abgeschlossen."

Andere sind schneller. In Frankreich etwa verdonnerte die Umweltministerin Ségolène Royal den Autobauer Renault bereits zum Rückruf von 15.000 Diesel-Pkw. Der Konzern dementiert zwar Manipulationen, kündigte aber an, bei weiteren Diesel-Modellen die Software für die Abgassteuerung freiwillig neu einzustellen.

Und in Deutschland? Hierzulande haben Umweltverbände unabhängige Tests in Auftrag gegeben; dabei wurden bei verschiedenen Modellen unterschiedlicher Hersteller zum Teil extrem hohe Abgaswerte gemessen. Die Reaktion des Verkehrsministeriums: Zu "durch Dritte" veranlassten Tests beziehe man "inhaltlich keine Stellung".

Auch die offiziellen Tests im Auftrag des Kraftfahrt-Bundesamtes sollen weitere Auffälligkeiten zutage gefördert haben (siehe ZEIT Nr. 4/16). Nur gehandelt wurde bis Redaktionsschluss am Dienstagabend nicht. Weder wurden die Hersteller und Modelle öffentlich genannt, noch wurden Rückrufe durch das KBA angeordnet. Auf Nachfrage heißt es dazu bloß lapidar: "Die Nachprüfungen sind noch nicht abgeschlossen. Sobald die Ergebnisse vorliegen, werden sie in einem Gesamtbericht veröffentlicht."

Bis dahin dürfen Autos mit gefährlich hohen Abgaswerten weiter über deutsche Straßen rollen. Dabei sind Stickoxide in hoher Konzentration gesundheitsgefährdend: Studien führen alljährlich Tausende Todesfälle auf die schlechte Luft zurück. Und die Emissionen aus dem Verkehr tragen wesentlich zu den hohen Feinstaubwerten in Städten bei, die jüngst in Stuttgart zum ersten offiziellen "Feinstaub-Alarm" geführt haben.

Die Grünen erwägen, wegen Dobrindts Geheimniskrämerei vor Gericht zu ziehen. Die Deutsche Umwelthilfe hat gerade eine sogenannte Untätigkeitsklage in Schleswig eingereicht. Der Vorwurf: Das Kraftfahrt-Bundesamt lege Details der Rückrufaktion immer noch nicht offen. Insbesondere, so die Umwelthilfe, "interessiert die betroffenen Autohalter, (...) welche Veränderungen der Leistungs-, Spritverbrauchs-, CO₂- sowie sonstiger Emissionswerte mit der Nachrüstung verbunden sind". Auch gegenüber der ZEIT hielt sich das Ministerium bedeckt.

Ursprünglich wollte Volkswagen in dieser Woche mit der technischen Umrüstung seiner manipulierten Diesel-Modelle beginnen. Doch bevor es losgehen kann, müssen die Halter erst mal ein offizielles Schreiben von VW erhalten, das sie in die Werkstätten bittet. Anfang der Woche aber fehlte Volkswagen immer noch die dazu nötige Adressliste des Kraftfahrt-Bundesamtes. Nur das Amt hat die kompletten Daten der Halter aller in Deutschland zugelassenen Fahrzeuge und kann den Rückruf freigeben.

Vielleicht hilft es, wenn betroffene Fahrzeughalter dem Minister schreiben: Alexander Dobrindt, Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Invalidenstraße 44, 10115 Berlin.

Korrekturhinweis: In der Printversion dieses Textes hatte es geheißen: "Er setzte eine Untersuchungskommission ein. Allerdings tat er das erst Ende Oktober." Richtig ist: Die Kommission hat am 22.09.2015 ihre Arbeit aufgenommen. Wir haben das online korrigiert. Die Redaktion